Wohngeschichte

Wien Alsergrund: Barock trifft Moderne

In der Wohnung der Designerin Sarah Wirths mischen sich alte Elemente mit modernen Stücken.
In der Wohnung der Designerin Sarah Wirths mischen sich alte Elemente mit modernen Stücken.Doris Barbier

Designerin Sarah Wirths verliebte sich vor einem Jahr in eine Wohnung in der Wiener Porzellangasse. Nun mischen sich hier Jagdelemente mit Landhausstil und Safarikultur und alte Klassiker mit modernen Stücken.

Eigentlich wollte sie gar nicht umziehen. „Ich hatte gerade meinen Laden eröffnet und ganz andere Dinge am Schirm“, erzählt Sarah Wirths, die in Nürnberg Mode & Design studiert und in Wien im ersten Bezirk ihr zweites Zuhause gefunden hat. Doch an einem verregneten Sonntag prangte bei der Routinesuche quer durch die Immo-Portale nach tollen Wohnungen im 1. und 9. Bezirk – „Immobilien interessieren mich, und es braucht ja oft sehr lang, bis man etwas Passendes findet“ – plötzlich die Wohnung auf dem Bildschirm. „Ich wusste, dass sie nicht lang im Angebot bleiben würde. Und mit einem unverbindlichen Besichtigungstermin wäre ja nichts verloren.“ Eine halbe Stunde später stand sie in der Wohnung, drei Wochen darauf wurde gesiedelt: „Wenn man weiß, es ist die eine, darf man nicht lang überlegen.“ Dazu kommt, dass ihre Boutique „Traditionen by J&S“, die sie mit Julia Stallinger führt, gleich um die Ecke liegt.

Klassisch, aber cool

Die 84 m2 große Wohnung mit Schlafzimmer und Ankleideraum, Wohn- und Esszimmer, Vorraum, Küche und Bad liegt im vierten Stock. „Durch die großen Altbaufenster wandert der Ausblick ins Grüne und auf den Kahlenberg.“ Die Wohnung wurde generalsaniert, das alte Fischgrätparkett blieb erhalten. Die hohen Decken und tiefen Fenster sorgen für das unverwechselbare Flair des Wiener Altbaus, Badezimmer und Küche präsentieren sich zeitlos-schick. Der einzige Nachteil der Wohnung? Dass sie keinen Balkon besitzt. „Ansonsten liebe ich sie mit all ihren Ecken und Kanten.“ 

Klassiche Flügeltüren und Fischgrätparkett treffen auf moderne Stücke und Safaristil.
Klassiche Flügeltüren und Fischgrätparkett treffen auf moderne Stücke und Safaristil.Doris Barbier

Bei der Inneneinrichtung wurde Modernes mit traditionellen Elementen kombiniert. Der alte Esstisch ist ein Geschenk der Eltern. „Er erzählt Geschichten: Die Glasabdrücke etwa sind das Ergebnis einer geselligen Vergangenheit und der einen oder anderen Flasche Wein.“ Die Stühle dazu sind von Ikea. „Ich finde es wichtig, Günstiges mit Hochwertigem zu kombinieren. Solang die Harmonie stimmt.“ Klassisch, aber cool – dieses Konzept zieht sich durch die ganze Wohnung, inklusive der Kunstobjekte: Barock anmutende Porträts mit dicken Farbklecksen sind durchaus erwünscht.

Einflüsse aus Namibia

Besonders wichtig sind ihr Couch und Bett: „Ich darf mich stolze Besitzerin eines Boxspringbetts und zweier Sofas aus Samt nennen.“ Samt, das ist ihr Lieblingsmaterial: „Ich liebe die Haptik. Es ist total gemütlich und sieht dennoch immer hochwertig aus.“ Die beiden Ohrensessel und die Chaiselongue, alte Möbelstücke der Urgroßeltern, wurden neu bezogen und gepolstert. „Die Farben habe ich so gewählt, dass sie in jedem Schloss, aber auch in einem modernen Appartement wirken. Man weiß ja nie, wo es einen hinführt.“ Im Moment stehen sie alle in getrennten Räumen, aber auch das kann sich ändern. Wirths stellt gern einmal um – auch beruflich per Home Staging. „Ich liebe es, Räume so zu gestalten, dass man sie am liebsten gar nicht mehr verlassen möchte.“ Wichtig sei, jemandem nicht einen Stil oder eine Lebensweise aufzudrücken, sondern für die Person und den Raum das Beste herauszuholen.

Individualität wird in den eigenen vier Wänden großgeschrieben. Eine in den 1960ern vom Großvater geschossene Originalfotografie ihres Lieblingsorts Hinterthal hängt, in mattgoldenem Rahmen, im Schlafzimmer. „Ich habe versucht, viel Charakter und persönliche Geschichte in die Wohnung einzubringen.“ Dazu gehören auch Animal Prints und geprägtes Leder. „Das hängt vielleicht damit zusammen, dass meine Familie in Namibia wohnt und ich schon in frühen Jahren damit in Verbindung gekommen bin.“

Sarah Wirths mit Hund Ferdinand auf ledernem Hocker.
Sarah Wirths mit Hund Ferdinand auf ledernem Hocker.Doris Barbier

Diese Vorliebe fürs Safariambiente konnte sie mit einem grauen Couchtisch aus geprägtem Krokodilleder und Krokoleder-Lampen in Grün so richtig ausleben. Schwere Samtvorhänge, Zierkissen in Geparden-Muster, Kuhfell und ein bunter, handgeknüpfter Teppich aus Peru runden das Bild ab. Kerzenständer aus Silber, altes Porzellan sowie Jagdtrophäen machen die Wohnung gemütlich, zum Entspannen geht es auf die Chaiselongue im kleinen Erker. „Dann werden alle Fenster geöffnet und ich mache es mir mit einem Gläschen Wein und meinem Hund Ferdinand bei lauter Musik gemütlich. Vor allem bei schlechtem Wetter.“ Die Nachbarn haben sich noch nicht beschwert.

Zum Ort, zur Person

Die Porzellangasse entstand wie die Liechtensteinstraße und Pramergasse um 1700 anstelle ehemaliger Donauarme, die verlandet waren. Der Bezirk Alsergrund wurde 1850 aus sieben Vorstädten gebildet und eingemeindet. Gebrauchte Eigentumswohnungen kosten heute im 9. Bezirk zwischen 2068 und 4870 Euro/m2, Mietwohnungen zwischen 8,1 und 12,6 Euro/m2.
Sarah Wirths ist als Designerin mit eigener Boutique und Home-Stagerin tätig.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2019)