Mein Samstag

Unsichtbare Krebse

Das Kind war diese Woche also auf Projektwoche, mir wurde inzwischen die Verantwortung für mehrere Hundert Haustiere übertragen.

Weil: Neben unserem Karli-Hamster haben wir jetzt auch Urzeitkrebse daheim. Schuld daran ist die Taufpatin, die dem Kind mit so einem Kinder-Forscher-Labor einen lang gehegten Wunsch erfüllt hat. Und damit auch meinen Kindheitstraum gleich mit: Denn in meiner Kindheit gab es immer wieder ein paar beneidenswerte Kinder, die Urzeitkrebse haben durften. Ich nicht. War es in den 1980ern ein kleines Sackerl voller Eier, die man in irgendeinen Behälter geschüttet und geschaut hat, was passiert, gibt es heute ganze Experimentierstationen mit Zuchtbecken, viel Drum und noch mehr Dran. In unserem Fall handelt es sich um Salzkrebse, was aber keinen großen Unterschied macht, so wie ich das sehe.

Weil: Ich sehe nämlich so gut wie nichts. Außer den lila Dekosteinchen auf dem Boden des Zuchtbeckens. Darüber, im Wasser, schwimmen mehrere Hundert kleine Punkte. Ob es sich dabei um Futterreste handelt, um Staubpartikel, die durch das Kinderzimmer geschwirrt und ins Waser gestürzt sind, oder tatsächlich um die Larven von Urzeitkrebsen, lässt sich mit freiem Auge nicht eindeutig sagen. Das Kind, das sonst beim Anblick von Insekten (ja, Urzeitkrebse sind keine Insekten, ich weiß eh) eher so mittelmäßig erfreut ist, findet die Larven voll süß, ich finde sie immer noch voll klein, tat aber mein Bestes, um ihnen, so sie überhaupt da sind, auch in Abwesenheit des Kindes ein Heranwachsen auf ihre kolportierte Größe von 1,25 Zentimetern (von der sie meilenweit entfernt sind) zu ermöglichen. Zu diesem Zwecke erfüllte ich gewissenhaft die Anweisungen, rührte also mehrmals täglich mit einem Spatel das Wasser um und saugte mit einer Pipette Eierschalen und Kot ab. Sie können sich vielleicht vorstellen, wie gut man Eierschalen und Kot von Tieren erkennen kann, wenn man die Tiere selbst schon kaum erkennt. Meine persönliche Erkenntnis nach einer Urzeitkrebs-Betreuungswoche: Womöglich habe ich da in meiner Kindheit gar nicht so viel verpasst. Oder ich brauche doch langsam eine Brille.

E-Mails an: mirjam.marits@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.10.2019)