Kulturgeschichte

Die Mongolen waren kein barbarisches Reitervolk

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Die nomadischen Eroberer bewirkten einen Kulturwandel.(c) imago/Artokoloro

Handschriftliche Quellen belegen den Einfluss der Mongolen auf die autochthone Bevölkerung. Die nomadischen Eroberer bewirkten einen Kulturwandel, der einer frühen „iranischen Revolution“ gleich kommt.

„Die Mongolen im 13. und 14. Jahrhundert waren keine illiteraten und gewissermaßen kulturlosen Eroberer.“ Bruno de Nicola will dieses Vorurteil ausräumen. Dem an der Akademie der Wissenschaften forschenden Iranisten wurde im Juni dieses Jahres der mit 1,2 Millionen Euro dotierte Start-Preis des Forschungsförderungsfonds FWF zuerkannt.

Interaktionen zwischen einer autochthonen Bevölkerung und in ihr Territorium hereinkommenden Nomaden bestimmten schon seine Studien an der Universität Barcelona. „Die mongolische Herrschaft im Iran und in Zentralasien war für mich die perfekte Möglichkeit, eine derartige Wechselwirkung zu erforschen“, sagt Bruno de Nicola. Nach der gängigen Geschichtsforschung – „Und diese Vorstellung ist in Bezug auf die Mongolen nach wie vor verbreitet“ – hätten kulturlose, aber militärisch äußerst erfolgreiche Barbaren zahlreiche Länder erobert. Aber tatsächlich sei dies, so der ÖAW-Forscher, im Iran eine fruchtbare Periode gewesen. Dies werde durch Hunderte handschriftliche Manuskripte sowie persische und arabische Begleittexte belegt.

Als Ausgangspunkt für seine durch die Start-Auszeichnung geförderte Forschung hält de Nicola fest: Der heutige Iran ist zu einem bestimmten Teil durch die mongolische Herrschaft zu verstehen. Die Eroberer zerstörten das seinerzeitige Kalifat und leiteten mit ihrem pragmatischen Zugang eine neue Entwicklung der bestehenden islamischen Religion ein. Das führte zu einer veränderten Interpretation des Islams, wie dies im Schiismus oder Sufismus deutlich geworden ist. Und auch die Ausbildung der heutigen persischen Sprache wurde durch die mongolische Herrschaft mitbestimmt.

 

Vorstoß bis nach Europa

Die mongolische Epoche im Iran – Bruno de Nicola spricht von einer frühen „iranischen Revolution“ – ist nicht nur für das Land selbst und Zentralasien wichtig, sondern hat auch Auswirkungen auf Europa. In der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stießen die mongolischen Krieger bis Polen, in den Osten Deutschlands, Böhmen und Ungarn vor und vernichteten im Jahr 1241 in der Schlacht von Liegnitz eine polnisch-deutsche Streitmacht. Innere Streitigkeiten um die mongolische Erbfolge führten aber zum Rückzug der bis dahin siegreichen Mongolen aus Osteuropa.

Können auch in Europa mongolische Einflüsse festgestellt werden? Der ÖAW-Forscher will sich im Bereich der Kultur nicht festlegen. Sicher sei jedenfalls, dass durch den Mongolensturm der Handelsweg von Europa nach Asien initiiert wurde, dass somit Marco Polo noch im 13. Jahrhundert auf den Spuren der Mongolen das europäische Zeitalter der Entdeckungen eröffnet hatte. De Nicola: „Indirekt hat es durch den mongolischen Vorstoß wirtschaftliche, kulturelle und religiöse Transformationen gegeben.“

LEXIKON

Das Institut für Iranistik der Akademie der Wissenschaften besteht seit 2003. Die kulturgeschichtlichen Forschungen reichen über den Iran hinaus auf die Länder Zentralasiens.

Bruno de Nicola (40) studierte an der Universität Barcelona und an der School of Oriental and African Studies London sowie an der University of Cambridge. Er arbeitet am ÖAW-Institut für Iranistik und hat einen Lehrstuhl für die Geschichte des Mittleren Ostens am Goldsmith College London.