Unterwegs

Welt-Import

Die Flugscham wegen des Klimawandels ändert unser Reiseverhalten nicht? Machen wir in Gedanken Ernst: keine Flüge mehr.

Seltsam: Wenn man sich für etwas schämt, hört man doch auf damit. Der Begriff „Flugscham“ aber geistert schon länger durch den medialen Äther, ohne dass die Kondensstreifen am Himmel weniger würden. Ich selbst spare mir ja Fernreisen gern, aber das liegt am Jetlag, den ich immer schon als schwere Strafe für unbewusste Untaten empfand. Auch leuchtete mir nie recht ein, wieso man nach Neusee- oder Feuerland reist, nur um festzustellen, dass es dort fast so schön ist wie in Europa. Wohl eine Prestigesache: Je größer die Reise, desto großartiger der Reisende.

Aber nur mehr dort Urlaub machen, wo man mit Bahn oder Auto leicht hinkommt? Die kurze, erdnah zurückgelegte Strecke knickt unser Ego, und die Gastgeber müssen künftig einiges bieten, um es wieder aufzurichten: Palmen am Strand von Jesolo, stolze Segeljachten am Balaton, Luxusghettos an der Nordsee. Für die Instagram-Junkies brauchen wir Selfie-Ersatzkulissen, Attrappen von Maya-Ruinen und asiatischen Tempeln, aber bitte nicht so mickrig wie in Minimundus. Da es nicht um echte Kultstätten geht, sollte es auch keine Wickel mit Rechtspopulisten geben. Spezielle Lebensgefühle? Das Irish Pub zeigt: So was lässt sich importieren. Also bitte um flächendeckende Beglückung mit Flamenco-Bars, Fado-Lokalen und New-Orleans-Jazzclubs. Wir versorgen dafür den Rest der Welt mit Heurigen samt Zithermusik.

Verstockte, die trotzdem weiter fliegen, mögen ihre Scham dafür mit Alkohol betäuben. Aber bitte – zumindest als symbolische Geste – mit naheliegendem Zirbenschnaps statt weit gereistem Jamaicarum!

karl.gaulhofer@diepresse.com