Kritik

Kasino: Belehrende Performance über Blondinen

Verhandlungstraining mit Smiley und Caroline Peters: „The Blond Project“ mit viel Theorie.
Verhandlungstraining mit Smiley und Caroline Peters: „The Blond Project“ mit viel Theorie.(c) Cruz/Burgtheater

„The Blond Project“ von Autorin Gesine Danckwart und Schauspielerin Caroline Peters bringt reichlich Material zum Thema, aber wenig spannendes Theater. Die Multimediaschiene in der Bühnenkunst scheint ausgereizt zu sein.

Feminismus hatte ich nicht nötig. Mein Geschlecht hat mich nie an etwas gehindert“, also sprach Caroline Peters zu Beginn von „The Blond Project“, das sie gemeinsam mit der Autorin Gesine Danckwart entwickelt hatte. Samstagabend fand die Uraufführung im Kasino des Burgtheaters statt, wo wichtige Persönlichkeiten aus der Vergangenheit und Gegenwart abgebildet sind: Blanche Aubry, Hilde Krahl, Hilde Spiel, Ruth Berghaus oder Andrea Breth blicken von Fotos auf die Besucher.

Peters fand im Zuge von „The Blond Project“ heraus, dass es doch erhellend war, Machtverhältnisse, die man als Spieler, Spielerin selbstverständlich hinnimmt, zu durchleuchten. Und Danckwart hat tonnenweise Material für ihren Parcours gesammelt, etwa über berühmte Filmblondinen wie Marlene Dietrich, Catherine Deneuve oder Grace Kelly. Ein witziger Effekt entsteht durch ein Video, in dem Peters in allerlei Verkleidungen zu sehen ist, nicht nur als Diva, sondern auch als King Kong. Etwas befremdlich wirkt hingegen die sprechende Toilette, die ihrerseits eine Materialsammlung darstellt, über die vielen Arten von Bezeichnungen für pinkelnde Männer.

 

Schauspieler brauchen Regisseure

Zuschauer müssen Fragen beantworten: „Wie viele Haarfarben hatten Sie in Ihrem Leben?“ Alle. „Waschen Sie lieber daheim die Wäsche, als die Eltern ihres Partners zu treffen?“ Nein. „Sie werden nicht glauben, wie viele Leute lieber Wäsche waschen“, meint schelmisch der junge Befrager mit seinem Klemmbrett. Mancher gleitet hier kurz zurück in die Kindheit, als es noch unglaublich wichtig war, die richtige Haarfarbe (natural blond!) zu haben, das Plastikpferdchen oder die angesagten Glitzerschühchen. Trost im Angesicht solcher frühen Enttäuschungen bietet die bekannte Scheidungsanwältin Helene Klaar, die ein Video mit ihren Erfahrungen beisteuerte und auch bei der Premiere anwesend war. Weitere Attraktionen der Performance sind ein Avatar, der trotz Regen ins frostige Freie eilt und Aufträge erledigt, die das Publikum erteilt.

Peters hielt einen langen Monolog, der eine Zuschauerin zu Dauerkichern animierte, die übrigen allerdings lauschten unbewegt. Es war gar nicht so lustig: Von Gilda (Rita Hayworth) geht es zu Gilda, der Atombombe, die das Bikini-Atoll verstrahlte, zum gleichnamigen Strand-Zweiteiler, zu unfassbar dummen Blondinenwitzen und zu einem Training in Verhandlungsführung mithilfe eines Smileys. Kurzum,  wie der Volksmund sagt: Peters kommt von Hölzchen auf Stöckchen – und muss manchmal selber in den Text der Souffleuse schauen, wie es weitergeht. Ihr schwarzes Kleid mit Masche in Pink trägt Peters elegant und souverän, trotz der Schleppe, die sich ständig verheddert.

Nachdem sie rückwärts durch ein zerrissenes Plakat gepurzelt ist, auf dem, richtig geraten, „Blond“ draufsteht, erscheint Danckwart und spricht den einzig halbwegs interessanten Text dieses Abends, offenbar hat sie sich nicht nur durch sämtliche Blondinen-Clips auf YouTube gezappt, sondern auch darüber nachgedacht, wie Frauen nach dem Verblühen der Jugendfrische ignoriert werden. „The Blond Project“ dürfte so eine Art Wanderzirkus von Danckwarts Gruppe „Chez Company“ sein, der sich der Untersuchung von Klischees über Weiblichkeit widmet. Das Sinnliche bleibt dabei weithin ausgespart, das Unternehmen bietet mehr trockenes Brainstorming als saftiges Theater. Das Phänomen Blondinen hat freilich mehr und anderes zu bieten als belehrend angelegte Gesellschaftskritik. Allein im Design von Stars wie Madonna oder Lady Gaga liegt eine gehörige Portion von Gespür für den jeweiligen Zeitgeist und sehr wohl Genialität.

Was hier deutlich wird, ist, neben allem anderen, dass Peters einen Regisseur oder eine Regisseurin braucht. Rezensenten wie Zuseher, die gern Regisseure verdammen, können hier erfahren, was ein Regisseur in der Präsentation von Darstellern leistet und was es bedeutet, wenn er nicht da ist.

 

Erinnerung an Reformer Augusto Boal

„The Blond Project“ bleibt weit hinter gelungenen Annäherungen der Burg an die Performance (mit Christoph Schlingensief oder Hermann Nitsch) zurück. Ist die Multimediaschiene in der Bühnenkunst ausgereizt?

Vielleicht. Vielleicht tut aber auch Inspiration not. Es lohnt ein Blick in ein altes Buch: „Theater der Unterdrückten, Übungen und Spiele für Schauspieler und Nichtschauspieler“ vom Brasilianer Augusto Boal (1931–2009). Er wollte – wie Brecht, aber radikaler – den Zuschauer aus seiner Passivität reißen und in einen Akteur, ja Aktivisten verwandeln. Boal schickte Mimen durch die Stadt, die quasi undercover Passanten zu Debatten über Rassismus oder Gleichberechtigung provozierten. Heute würde sich keiner dergleichen trauen. Lieber werden zum 100. Mal Video und iPad strapaziert, und der Avatar wird als innovatives, spannendes Mittel der Verwandlung banalisiert.