Fokus auf
Türkeioffensive in Syrien

In Syrien beginnt die postamerikanische Ära

Kreml-Chef Putin und der türkische Präsident, Erdoğan, zementierten mit dem Sotschi-Deal ihren Einfluss in Syrien. Die USA sind aus dem Spiel. Doch Präsident Trump rühmt sich der Waffenruhe und hebt die Sanktionen gegen Ankara auf.

Istanbul. Im Syrien-Konflikt beginnt nach der russisch-türkischen Einigung von Sotschi eine neue Phase. Russland hat seinen Einfluss zementiert, die syrische Regierung wird aufgewertet, und die Türkei stellt ihre Offensive ein, kann ihre Interessen aber zum Teil durchsetzen. Die Kurdenmiliz YPG muss sich weiter zurückziehen, die USA nehmen sich selbst aus dem Spiel. Nach der Einigung von Sotschi ist die Rebellenhochburg Idlib die einzige Region in Syrien, wo noch gekämpft wird. Noch deutlicher als bisher sind Moskau und Ankara die entscheidenden Akteure – für eine europäisch kontrollierte Schutzzone, wie sie die deutsche Verteidigungsministerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, vorgeschlagen hat, bleibt kein Raum.

„Der große Sieger heißt Russland“, bilanziert der Türkei-Experte Hüseyin Çiçek. Die Einigung, die Kremlchef Wladimir Putin mit dem türkischen Präsidenten, Recep Tayyip Erdoğan, bei einem sechsstündigen Verhandlungsmarathon im russischen Sotschi erzielte, besiegelt den Einflussverlust der USA in der Region. Moskau habe sich in jüngster Zeit selbst den US-Verbündeten am Golf als berechenbarer Partner empfohlen, sagte Çiçek, Politologe am Institut für Islamisch-Theologische Studien der Universität Wien, der „Presse“ in Istanbul.

Kurden müssen ihren Traum begraben

Zu den Opfern der Umwälzungen gehören Hunderttausende Zivilisten, die vor den türkischen Truppen ins Landesinnere von Syrien geflohen sind. Mehr als 7000 Syrer sind laut der norwegischen Hilfsorganisation NRC auch im Kurdengebiet des benachbarten Irak angekommen. Als Chef der wichtigsten Militärmacht in Syrien und Schutzherr des syrischen Präsidenten, Bashar al-Assad, saß Putin im Gespräch mit Erdoğan am längeren Hebel. Russland wollte die Türken aber nicht vor den Kopf stoßen, denn Putin will Ankara weiter aus dem westlichen Bündnis herauslösen. Die Rechnung ging auf: Putin erreichte zwei Wochen nach Beginn der türkischen Intervention in Syrien ein Ende des Vormarschs – und ließ am Tag nach den Verhandlungen von Sotschi verkünden, dass Russland mit dem Nato-Staat Türkei über die Lieferung zusätzlicher Flugabwehrsysteme vom Typ S-400 redet.

In Sotschi vereinbarten Putin und Erdoğan, dass russische Militärpolizisten und syrische Truppen in einigen Gebieten der Grenzregion zur Türkei dafür sorgen sollen, dass sich die YPG zurückzieht. Damit erfüllte Putin die türkische Forderung nach einem Abzug der Kurdenmiliz, sicherte aber gleichzeitig die Rückkehr der Assad-Regierung in dieses Gebiet. Bis vor Kurzem kontrollierten USA und YPG den Osten Syriens und damit rund ein Drittel des syrischen Staatsgebiets – jetzt kommt Assad dem Ziel näher, seine Regierungsgewalt aufs ganze Land auszudehnen. Die YPG indes muss ihren Traum von einer syrisch-kurdischen Selbstverwaltung an der türkischen Grenze begraben.

Umsiedlung sehr unwahrscheinlich

Erdoğan habe mit seiner Zustimmung zu dem Deal die Regierung seines Erzfeinds Assad de facto anerkannt, schrieb der Nahost-Experte Yury Barmin von der Beraterfirma Moscow Policy Group auf Twitter. Vorerst bleibt die türkische Armee auf syrischem Boden und kontrolliert das rund 100 Kilometer breite Gebiet zwischen den Städten Tal Abyad und Rass al-Ain, das ihr vergangene Woche von den USA zugestanden worden ist. Moskau und Washington hätten den türkischen Einmarsch damit als legitim anerkannt, sagte der türkische Außenminister, Mevlüt Cavusoğlu, am Mittwoch – seine Regierung sieht in der Einigung von Sotschi einen großen Erfolg für die Türkei.

Nahost-Experte Barmin erwartet aber, dass Russland schon bald den Abzug aller türkischen Truppen aus Syrien fordern wird. Der Kreml rief die YPG am Mittwoch auf, die Grenzgegend schleunigst zu verlassen. Wenn die Kurdenkämpfer ohne Gegenwehr abziehen und Russland gemeinsam mit der syrischen Regierung an der Grenze für Ruhe sorgt, wird der Druck auf Ankara wachsen, die türkischen Soldaten aus Syrien herauszuholen. Die türkische Regierung rückte am Mittwoch bereits von der geplanten Errichtung von zwölf Beobachtungsposten in Nordsyrien ab. Die von Erdoğan angestrebte Umsiedlung mehrerer Millionen syrischer Flüchtlinge aus der Türkei nach Nordsyrien ist unter den neuen Verhältnissen sehr unwahrscheinlich geworden.

US-Soldaten mit Tomaten beworfen

Fest steht, dass die Supermacht USA ihren Einfluss in den zweieinhalb Wochen seit Donald Trumps Rückzugsbefehl fast vollständig verspielt hat. Dennoch bewertete Trump gestern in einer Twitter-Botschaft die jüngsten Entwicklungen als „großen Erfolg“ seiner Politik. Die Kurden seien jetzt „sicher“ und hätten „sehr nett“ mit den USA zusammengearbeitet. In einem Auftritt im Weißen Haus rühmte er sich der Waffenruhe und kündigte die Aufhebung der Sanktionen gegen die Türkei an. In Ostsyrien wurden unterdessen die abziehenden US-Soldaten von der kurdischen Bevölkerung, die sich von den Amerikanern verraten und betrogen fühlt, mit Tomaten und Kartoffeln beworfen.

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