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Musikmanager: "Die Branche versteht das Internet nicht"

Musikmanager Branche versteht Internet
(c) Vision X
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Motor-Music-Chef Tim Renner im Interview mit DiePresse.com über analoge Regeln für eine digitale Welt, was ein fairer Preis für Musik-Downloads ist und warum der Fall "Pirate Bay" ein Schauprozess war.

Tim Renner war von 2001 bis 2004 Vorstandsvorsitzender der Universal Music Group, wo er Bands wie Sportfreunde Stiller und Rammstein aufbaute. Jetzt betreibt er das Independent-Label Motor Music, zu dem Künstler wie Selig, Virginia Jetzt! oder Westernhagen gehören. In seinem Buch "Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm" kritisiert er die Musikindustrie und rät ihr zu einem Neuanfang. Im Motorblog schreibt er oft über aktuelle Probleme der Branche. DiePresse.com traf sich mit Renner anlässlich der ITalks-Diskussionsrunde "Was ist ein guter Popstar? 15 Minuten Rum im Internet...?!", die vom Institut für Wirtschaftsinformatik der WU Wien veranstaltet wurde.

DiePresse.com: Apple wird mit iTunes immer mehr zum Musikhändler, in den USA sind sie inzwischen schon mit fast 28 Prozent Marktführer. Ist die CD langfristig tot?

Tim Renner: Die CD ist aus meiner Sicht sogar ein überflüssiges Sandwichprodukt zwischen dem Vinyl und dem Download. Ich glaube, dass es immer einen physischen Träger geben wird. Der muss dann aber einen maximalen Mehrwert darstellen. Die CD ist weniger haptisch und sinnlich wie Vinyl. Und sie klingt schlechter, das kann man beweisen. Die CD an sich hat zur Abwertung von Musik beigetragen, weil sie dadurch immer unsinnlicher wurde.

Sie haben in einem Blogeintrag geschrieben, dass die bestehenden "analogen" Regeln der digitalen Welt aufgezwängt werden. Wissen die Entscheidungsträger, worüber sie entscheiden?

Renner: Das ist das Grundproblem. Ich unterstelle sowohl meinen ehemaligen Kollegen und Chefs bei Universal als auch Politikern, dass sie schlau und ambitioniert genug sind, intellektuell zu verstehen, was in der digitalen Welt passiert. Ein emotionales Verstehen ist etwas völlig anderes. Das werde ich nur haben, wenn ich diverse Download-Dienste auch nutze. Wir werden noch sehr viele falsche Wirtschaftsentscheidungen haben, wir werden sehr viele politische Fehlentscheidungen haben, solange diese emotionale Auseinandersetzung nicht stattfindet. Das erledigt sich entweder von selbst mit einem Generationenwechsel, oder - ich hoffe es erledigt sich viel viel schneller - durch eine Bereitschaft, sich auf das Medium einzulassen. Ein Beispiel aus Deutschland ist die Haltung der SPD zu Netzsperren, wo sich die Einstellung nach der Wahl komplett geändert hat.

Stichwort Netzsperren. Sie haben in Ihrem Vortrag gesagt, dass das Internet dem Konsumenten eine unheimliche Demokratisierung bietet. Ist diese durch Tendenzen wie Netzsperren, Zensur oder DRM nicht in Gefahr?

Renner: Richtig. Da wird genau die Stärke des Internet nicht verstanden, weil es abstrakt angesehen, aber nicht gelebt wird. Deshalb versucht man analoge Mittel der Steuerung auf eine digitale Welt anzuwenden, die aber nicht wirklich klappen können. Es sei denn, ich schreite diktatorisch ein. Wenn vieles durchgesetzt wird, wovon etwa die französische Musikindustrie träumt, und was die englische Musikindustrie vorhat, dann werden wir Freiheiten verlieren und drohen sogar in Sachen gesellschaftlicher Kultur auf das Niveau solcher Völker zu fallen, die wir gerne kritisieren. Wie etwa die Chinesen, denn nur mit einer totalen Kontrolle werden sich diese Sachen wirklich durchsetzen lassen.

Digital Rights Management (DRM)

Die Digitale Rechteverwaltung ermöglicht Anbietern die Kontrolle über die Verwendung von elektronischen Dateien. Bei Musik wird DRM als Kopierschutz eingesetzt und verhindert so etwa die Verwendung von mp3s auf mehreren Geräten oder über einen bestimmten Zeitraum hinaus. DRM-Systeme kommen aber auch bei Filmen und Software zum Einsatz, um unerlaubtes Kopieren zu verhindern.

Immer wieder hört man, dass selbstgemachte Videos auf YouTube gesperrt oder entfernt werden, weil sie mit Musik diverser Rechteinhaber unterlegt sind. Verjagen die Labels dadurch nicht die Fans? Immerhin drückt man doch seine Bewunderung für die jeweiligen Interpreten aus.

Renner: Ja, das ist so, wie wenn man Ihnen verbieten würde, ein T-Shirt dieser Band zu tragen. Ich glaube in der Tat, dass das Medium nicht verstanden wird. Und wenn man das Medium nicht versteht, kann man auch keine tragfähigen Geschäftsmodelle entwickeln. Ich glaube im Internet wird das Geschäftsmodell für die Labels nur funktionieren, wenn sie davon ausgehen, dass alles, was sich digitalisieren und kopieren lässt, nicht geschützt werden kann. Das heißt, wenn ich irgendjemandem eine Promo-CD in die Hand drücke, wird sie sofort ins Netz kommen. Spätestens in diesem Moment muss ich dieses Album legal anbieten. Ich muss besser und schneller sein als das illegale Angebot, was zwangsläufig immer bestehen wird. Momentan ist aber jedes legale Angebot schlechter als das illegale. Deshalb ist die Nervosität groß. Deshalb wird geklagt und abgemahnt.

Tim Renner während der Podiumsdiskussion mit Anna F.(c) Institut für Betriebswirtschaftslehre und Wirtschaftsinformatik, WU

Wenn Sie sehen, dass ein Album einer Ihrer Bands ins Netz kommt, ärgern Sie sich? Oder freuen Sie sich, dass damit das Marketing beginnen kann und die Fans schon für das echte Album gelockt werden können?

Renner: Es kommt drauf an. Insgesamt gesehen kann es für eine Band sehr sinnvoll sein, ein bis zwei Tracks vorher ins Netz zu stellen. Schwierig wird es, wenn ganze Alben aus dem Studio herausleaken, bevor sie etwa das Cover fertig haben. Dann können Sie nicht reagieren. Wenn man aber fertig ist, besteht das einzige Argument, es nicht sofort zu veröffentlichen, doch darin, es auf Chartpositionen hin zu optimieren.

Nutzen Sie selbst Online-Musikdienste und laden Musik herunter? Gibt es eine Lieblingsplattform?

Renner: Ja natürlich. Zwangsläufig sowohl legal als auch illegal. Wenn man faul ist, ist Apples iTunes die Präferenz. Das ist aber häufig überteuert.

Was wäre für Sie ein fairer Preis für Musik-Downloads?

Renner: Mir, der ich zum Glück nicht mehr ganz so jung und arm bin, hat man den Preis von 99 Cent pro Track noch gut beibringen können. Wenn es dann aber auf 1,29 für Top-Downloads hochschnellt, nervt das schon. Das ist eine ganz saftige Preiserhöhung. Da fühle ich mich als Kunde vorgeführt. Die Begründung ist natürlich immer die Menge. Das und das ist der beliebtestes Song und deswegen geht der Preis hoch. Eine komplette Umkehrung des Marktwirtschafts-Konzepts.

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