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Theater: Bananenschale unter dem Fuß der Wahrheit

(c) APA (ANGELIKA WARMUTH)
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„Peking Opel“ von René Pollesch im Akademietheater: Wer nach dem Sinn sucht, ist selbst schuld.

Warum sieht man sich Uraufführungen von René Pollesch an? Ohne Not. Wer weiß, ob dieser philosophisch unterlegte Nonsens, der den Zeitgeist durch absurde Kulissen prügelt, überhaupt schon fertig ist? Die Premiere von „Peking Opel“ zum Beispiel wurde vom vergangenen Freitag auf den Sonntag verlegt, weil noch an der Inszenierung gefeilt wurde. Aber ist man sich nun am Montag sicher, dass die Arbeit bereits bühnentauglich war? Vielleicht wird sie in den nächsten Wochen noch viel raffinierter sein. Und was bedeutet „Peking Opel“ eigentlich? Etwas Globales? Etwas Rüsselsheimisches? Diese ernsten Fragen stellten sich Pollesch-Groupies am Sonntag nicht, sie jubelten nach 90 Minuten Show enthusiasmiert.

Ein großer Wurf war's aber nicht, selbst wenn einiges geboten wurde – nehmen wir die swingende Musik der Wirtschaftswunderzeit, die adrett betont, wie sehr das Bühnenbild (Janina Audick) gelungen ist; ein roter Laufsteg mit Leuchtbändern führt direkt ins Publikum, hinten umrahmen ein prächtiger roter Vorhang und ein plakatives „Fame on You“ eine Leinwand, auf der sich– in Schwarz-Weiß und per Handkameras und Mikros übertragen – die Szene hinter der Szene abspielt. Die In-Szene. Denn Pollesch setzt auf Verhüllung. Ein Xylofon, ein Schminktisch, ein Sofa, ein Garderobenzelt, ein Plastik-Hirn-Möbel, ein Staubsauger und ein riesiges Tranchiermesser an der Wand – fertig ist die „Peking Opel“-Welt in „Ginsbergs Bowlingbahn“.

Die Musik und die Objekte stimmen fröhlich. Jetzt, denkt man sich, wird Heinz Erhardt auf die Bühne treten und Chinesen- oder Opelwitze erzählen. Stattdessen aber hören wir Martin Wuttke über Inspiration und Lügen und Beziehungen räsonieren. Der Schmächtige trägt den Morgenmantel eines Mächtigen, er ist von Mitarbeitern und einer Muse umgeben. Die aber ist gewaltig. Nicht Catrin Striebeck als Gilda, sondern Volker Spengler als massiver Hausbesitzer Plunkett gibt Sentenzen von sich, die Wuttke inspirieren: „Nettigkeit ist die Bananenschale unter dem Fuß der Wahrheit“, sagt Plunkett, und Wuttke als gescheiterter Ausbeuter des Kreativen memoriert fleißig.

Er hat die Krise. Pollesch hat die Krise. Denn was merkt man (sich) hier? Dass Wuttke, Striebeck und Spengler fantastisch spielen und stürzen können, dass Marc Hosemann, Hermann Scheidleder und Stefan Wieland sie kongenial begleiten, dass sich sogar die Souffleuse immer polleschesk verhält? Es ist tatsächlich ein Spaß, diese dadaistische Endlosschleife anzuhören. In der letzten halben Stunde wird sie aus nicht nachzuvollziehenden Gründen als lange Bettgeschichte sogar noch spannend. Unterfüttert ist das ausgelassene Spiel ohnehin mit Nettigkeit. Macht es aber Sinn? Was für eine Frage! Man muss sich René Pollesch und seine Lieblinge auf der Bühne glücklich denken. Und mehr bedarf's nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.06.2010)