Mitarbeiter des KHM montieren das Gemälde "Prinz Baltasar Carlos auf dem Pferd" von Diego Velasquez.
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Mitreden über Kultur-Skandale: Wie viel Politik verträgt die Kunst?

Salzburg schickt Osterfestspiel-Chef Christian Thielemann frühzeitig fort, Eike Schmidt lehnt den Chefposten im Kunsthistorischen Museum ab. Die beiden jüngsten kulturpolitischen Aufreger lenken davon ab, dass Kultur im vergangenen Wahlkampf überhaupt keine Rolle gespielt hat. Wie sehen Sie das?

Gleich zwei Postenbesetzungen in österreichsichen Kulturbetrieben sorgen dieser Tage für Diskussionen. Oder genauer gesagt: zwei Nicht-Besetzungen. Zuerst hat Salzburgs Landeshauptmann Wilfried Haslauer dem künstlerischen Leiter der Osterfestspiele Chistian Thielemann nicht sehr freundlich ausgerichtet, dass man seine Dienste ab 2023 nicht mehr brauchen wird und stattdessen den früheren Burgtheater-, Volkstheater- und Festwochen-Chef Nikolaus Bachler bestellt (die Funktionen hatte er hintereinander, nicht gleichzeitig inne). Und schließlich wurde in der Vorwoche bekannt, dass der deutsche Kulturmanager Eike Schmidt seine Aufgabe als Direktor des Kunsthistorischen Museums in Wien doch nicht annimmt. Er bleibt lieber in Florenz und leitet die ebenso große Sammlung der Uffizienz. Verständlich irgendwie, aber vier Wochen bevor er seinen neuen Job antreten hätte sollen, ist das eben auch ein wenig unangenehm. Bestellt hatte ihn vor zweieinhalb Jahren der damalige SPÖ-Kulturminister Thomas Drozda, der vor wenigen Tagen nach der Wahlniederlage der SPÖ als Bundesgeschäftsführer zurückgetreten ist. 

Die Politik und die Kunst sind ein seltsames Paar. Sie brauchen einander und doch wollen sie möglichst wenig miteinander zu tun haben. Immer wieder sorgen vor allem die Besetzungen von Kultureinrichtungen im semi-staatlichen Umfeld für Diskussionen. „Presse"-Musikkritiker Wilhelm Sinkovicz ging vor einiger Zeit in einem Leitartikel mit der Salzburger Landesregierung bei ihrer Thielemann-Entscheidung hart ins Gericht. Diese Entscheidung verrate „zuallererst die erschreckende Wurschtigkeit, mit der man in diesem Land mittlerweile kulturpolitischen Themen begegnet.“ 

Unser Gastautor Fritz Petzer Knapp, emeritierter Professor für Ältere deutsche Sprache und Literatur in Wien und Heidelberg, pflichtet Sinkovicz nun bei, er geht sogar einen Schritt weiter und schreibt: „Es steht zu fürchten, dass der von Sinkovicz beklagte Wandel vielmehr einer des Kulturbegriffs selbst ist.“ 

Kunstkritikerin Almuth Spiegler ist mit Eike Schmidts Last-Minute-Absage nicht ganz so unglücklich wie der amtierende Kulturminister Alexander Schallenberg. Sie schreibt in ihrem Kommentar dazu: „Der Abgang war peinlich, am Ende aber ist es eine Erleichterung: Eike Schmidt bleibt wo auch immer.“ Außerdem schreibt sie in ihrem neuesten Blogeintrag über die Neuanschaffungen in den Uffizienen und was die Kulturpolitik nach dem KHM-Schlamassel tun sollte. Wenig versöhnlich ist „Presse"-„Querschreiberin“ Andrea Schurian in ihrer aktuellen Kolumne. Sie kritisiert vor allem Thomas Drozdas damalige Entscheidung, die amtierende KHM-Direktorin Sabine Haag herunterzustufen und Eike Schmidt zu bestellen, „unwürdig und ein großer Fehler“ sei das gewesen.

Mit Kultur und Politiker, konkret am Beispiel der gerade angelaufenen ersten Spielzeit des neuen Burgtheaterdirektors Martin Kušej, beschäftigt sich der Anwalt und Kunstkenner Nikolaus Lehner in seinem Gastkommentar für „Die Presse". Er schreibt: „Kunst ist ohne Politik nicht denkbar, weil Künstler durch ihre Kunst eine Botschaft vermitteln.  (...) Umgekehrt werden die Künstler durch versierte Politiker in der Form instrumentalisiert, dass man sie zu politischen Events einlädt, und für Botschaften missbraucht.“ 

Der Abgang war peinlich, am Ende aber ist es eine Erleichterung: Eike Schmidt bleibt wo auch immer.“

Almuth Spiegler

Nun Sind Sie gefragt: Was halten Sie von den aktuellen kulturpolitischen Entscheidungen? Wie sieht sinnvolle Kulturpolitik aus und braucht es die überhaupt? Wer soll künftig das KHM leiten? Diskutieren Sie mit!