Nachruf

Dieser Gott ist tot!

Warum Karel Gott zwar als großer Schlagersänger, aber auch als noch größerer Feigling in die Geschichte eingehen wird.

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Nach dem Jahr 1989 hätte man ihm verziehen, dass er die tschechische Bürgerrechtsbewegung Charta 77 nicht unterstützt hat. Jetzt, nachdem Karel Gott tot ist, wird der Makel, dass er dafür die Anticharta der damals herrschenden kommunistischen Partei unterzeichnet hat, für ewig an ihm haften bleiben. Auf gut Deutsch: Er wird einerseits als großer Schlagersänger und andererseits als noch größerer Feigling in die Geschichte eingehen.

Heute muss man sich fragen, ob es das wirklich wert war, dass er sich an das Regime, das hinter dem Eisernen Zaun eines der schlimmsten war, rangeschmissen hat, um ungehindert mit seinem Ostblock-Porsche durch Böhmen kurven zu dürfen und dann und wann im Westen ein paar harmlose Liedchen zu trällern, damit die stalinismusaffinen Machthaber mit ihrem Vasallen an ein paar harte Westkröten kommen.
Das alles war geschmacklos und ich bin überzeugt, dass sich Karel Gott in seiner Rolle nie wohlgefühlt hat. So verblendet kann er nicht gewesen sein, um nicht mitzubekommen, dass wahre Geistesgrößen, Václav Havel beispielsweise, buchstäblich den Kopf hingehalten haben, eingesperrt und an ihrer Gesundheit schwer geschädigt wurden, sodass sie nie mehr wirklich gesund waren und deshalb früher sterben mussten als die Mitläufer.

Der Künstler hat die Gesellschaft immer angespornt und vorwärtsgebracht. Er hat vom Schöpfer eine gewisse Zuwaage an Hirn und das sprichwörtliche „Bissel“ mehr an Mut mit auf den Weg bekommen. Das waren in der Geschichte immer Frauen und Männer: ?mile Zola, der Klage gegen den französischen Antisemitismus im 19. Jahrhundert geführt hat. Harriet Beecher Stowe, die mit „Onkel Toms Hütte“ die US-Sklaverei angeprangert hat. Ein knappes Jahrhundert später Alexander Solschenizyn, der mit seinem „Archipel Gulag“ die stalinistischen Verbrechen dokumentiert hat.
Immer schon sind Schriftstellerinnen und Schriftsteller zu ihrer gesellschaftlichen Verantwortung, die in ihrem privilegierten Zugang zur Öffentlichkeit begründet ist, gestanden, so auch in der ehemaligen Tschechoslowakei. Neben Václav Havel könnte man eine lange Reihe, insbesondere der Charta 77-Unterzeichner, aufzählen. Sie waren das „Gewissen der Nation“ und die „Märtyrer des Volks“. Erwähnt seien die mutigen Schriftsteller, die für das Niederreißen des Eisernen Vorhangs und das Zerbröseln des sogenannten Sozialismus gesorgt haben, Václav Havel in der Tschechoslowakei, Niko Grafenauer in Jugoslawien, und so weiter.

Es gibt zu viele feige Götter. . .

Ich bin froh, dass es unter uns auch heute nicht nur Gotts gibt, sondern Männer und Frauen, die sich von niemandem den Mund verbieten lassen oder aus Angst auf ihr grundlegendes Menschenrecht, die Meinungsfreiheit, verzichten. Auch in Österreich. Josef Winkler, ein Beispiel aus der Gegenwart, hat mit seinem Sager, ein ehemaliger Kärntner Landeshauptmann habe sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht, viel von letzterer Materie aufgewirbelt, was dann doch forensische Folgen zeitigte.
Eines sei daher mit Nachdruck gesagt: Wenn Künstlerinnen und Schriftsteller, in welcher Weise auch immer, für die Freiheit reden und schreiben, dann erfüllen sie nicht nur ihre Aufgabe, sondern – ich sage es bewusst mit diesem Wort – ihre intellektuelle und standesgemäße Pflicht in einer Welt, in der es ohnehin zu viele feige Götter gibt.

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DER AUTOR

Janko Ferk (*1958) ist Jurist, Schriftsteller und lehrt an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Zuletzt erschien sein wissenschaftlicher Essayband „Kafka, neu ausgelegt“ (Leykam Verlag, Graz). Das Buch wird am 10. 10., 18 h, im Grazer Kriminalmuseum (Heinrichstraße 18) präsentiert.