Bei aller Empathie bleibt der angehende Joker auf tragische Weise jämmerlich: Joaquin Phoenix als Arthur Fleck.
Kino

Darf man mitfühlen mit dem Horrorclown?

„Joker“ startet bei uns und polarisiert– Joaquin Phoenix brilliert als mitleiderregender Superböser in spe.

Einmal möchte ich ein Böser sein/Eine miese Sau!“ Schon 1994 brachte die EAV auf den Punkt, wie die Verlockungen des Frevels gehemmten Existenzen Befreiung verheißen. Gerade in Zeiten zugespitzter Anstandspflicht wirkt Verhalten, das sonst Ablehnung erntet, in den Augen vieler couragiert. Mit Betonung auf Rage: Transgressionstoleranz gründet oft auf Gesellschaftsverdruss. Und macht jeden Tunichtgut zum Antihelden. Die Popkultur weiß um das verkappte Identifikationspotenzial der Bösewichte. Kaum eine Gegenwartsfigur, die auf diesem Gebiet mehr Faszinationskraft ausübt als der Joker: 1940 erblickte er das Licht der Comic-Welt und mauserte sich zu Batmans Erzfeind.

 

Batmans Killer-Kehrseite

Dabei war der „Clown Prince of Crime“ lang eher Lästwanze als ernstlicher Widersacher. Erst seine Reifung zum Zugpferd anspruchsvoller Genrekost gab ihm die ursprüngliche Kantigkeit zurück. Autoren betonten den psychotischen Aspekt des feixenden Missetäters, stilisierten ihn zur Killer-Kehrseite von Batmans Gerechtigkeitsfanatismus. Der Joker trieb mit Entsetzen Scherz. Und törnte die Leserschaft an. Das Kinopublikum folgte. 1989 schlüpfte Jack Nicholson in die Rolle des heimtückischen Harlekins, und als sich Heath Ledger 2008 für „The Dark Knight“ in Gruselschminke warf, lief er der Titelfigur Batman fast den Rang ab. Sein Joker war ein Anarchist, wollte „die Welt brennen sehen“, gerierte sich zugleich als Brachialvariante eines nietzscheanischen Rebells. Nicht nur im Internet fanden sich Fans seiner Negationsphilosophie.

Nun widmet Hollywood dem Werdegang des Horrorclowns seinen eigenen Film. Es war nur eine Frage der Zeit, diese scheint jetzt reif: Marvel-Blockbuster halten Winterschlaf, Zuschauer heischen Abwechslung, und kein Filmschurke kommt mehr ohne tragische Vorgeschichte aus.

Bemerkenswert oberflächlich bleibt „Jokers“ Bezug zum Batman-Universum. Schauplatz ist Gotham City, doch man wähnt sich im New York der 1970er – namentlich einer Hochglanzfassung des graffitiverschmierten Hexenkessels aus ruppigen Thrillern wie „The French Connection“. Auch die Besetzung deutet an, dass dieser „Joker“ mehr im Sinn hat als Zielgruppenbespaßung: In der Hauptrolle brilliert Joaquin Phoenix, Breitwandneurotiker der Wahl für renommierte US-Autorenfilmer wie James Gray und Paul Thomas Anderson.

Hier gibt er einen ganz normalen Niemand namens Arthur Fleck. Na gut, nicht ganz normal: Flecks Psyche liegt fraglos im Argen. Obwohl er regelmäßig Pillen schluckt, verfällt er unter Anspannung immer wieder in krampfartiges Gelächter, wiehert und fiepst durch zusammengepresste Zähne – was Fremde meist als Affront missverstehen. Am liebsten wäre dieser Verlorene, der mit seiner kauzigen Mutter in einer tristen Klause vegetiert, berühmter Comedian. Aber es reicht nur zur werbeschildschwingenden Witzfigur. Auch sonst meint es das Leben schlecht mit Fleck. In finsteren Momenten bohrt er sich bitter grinsend eine Knarre unters Kinn: Wär's nicht der Knaller, jetzt abzudrücken? Doch der Zufall will es anders, richtet seine Wut nach außen, gegen die grausame Realität.

 

Von Scorsese inspiriert

Todd Phillips, den Regisseur dieser düster-blutigen Außenseiterstory, kannte man bislang vor allem dank derber Komödien („Hangover“). Stilistische Affinität zum Œuvre von Martin Scorsese zeigte allerdings schon seine letzte Arbeit „War Dogs“. „Joker“ wirkt nun wie ein Update von Scorseses „Taxi Driver“ und „The King of Comedy“, Robert De Niro lässt sich sogar in einer Nebenrolle blicken. Wobei Phillips, dessen Wurzeln im Punk liegen, weniger Distanz zu seinem angeknacksten Protagonisten wahrt. Dieser mag spinnen – die Wirklichkeit, die ihn umgibt, spinnt noch viel mehr.

In den USA sorgte das wenig überraschend für Kontroversen. Im Schatten wiederholter Amokläufe männlicher Einzelgänger fürchten viele verhängnisvolle Vorbildwirkung einer „sympathischen“ Joker-Figur. Angehörige von Opfern des Aurora-Massakers äußerten in einem Brief an das Produktionsstudio Warner Brothers ihre Besorgnis, das FBI warnte die Polizei vor Drohungen im Netz. Der Film selbst? Im Sturm dieses polarisierten Diskurses (der natürlich auch Hype ist) fast schon Nebensache.

 

Nein, dieser Joker ist kein Idol

Als Idol erscheint Arthur Fleck darin jedenfalls nicht: Bei aller Empathie bleibt er auf tragische Weise jämmerlich, selbst nach seiner Kür zur Symbolfigur einer gewaltbereiten Protestbewegung. Statt diesen Aufstieg zu feiern, betrauert Phillips ihn, watet kopfschüttelnd und händeringend durch flammendes Untergangspathos. Als Universalklage gegen klaffende Ungleichheit (mit Spitzen gegen Sozialkürzungen und paternalistische Eliten) ist „Joker“ im Kern ein Moralstück; als ästhetisch bombastisches Drama ein erfolgreicher Griff nach den höheren Weihen der siebten Kunst: Bei den heurigen Filmfestspielen von Venedig heimste es den Kardinalpreis ein. Der auch dem Hauptdarsteller galt: Phoenix wirft sich bedingungslos in das Porträt eines Gequälten, grimassiert in Großaufnahme, knotet und krümmt seinen abgemagerten Körper. Ein Schwingen zwischen Schmerz, Sensibilität und Seligkeit, das in ekstatischen Tänzen gipfelt. Ein einziges Mal, als er versehentlich gegen eine Glastür kracht, bringt dieser Joker sogar zum Lachen. Ha.