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Der ökonomische Blick

Messen, Ranken, Übertreffen – Wohin der ständige soziale Vergleich führen kann

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Auch in der Schule werden Rankings erstellt.(c) imago images / Roland M�hlanger (via www.imago-images.de)

Jeden Montag präsentiert die „Nationalökonomische Gesellschaft“ in Kooperation mit der „Presse“ aktuelle Themen aus der Sicht von Ökonomen. Heute: Wohin das allgegenwärtige Vergleichen führen kann.

Schon im Kindergarten läuft jemand am schnellsten, mit den ersten Noten gibt es auch den Jahrgangsbesten und irgendein Tweet ist immer der beliebteste. Messen wir etwas, führt das Ergebnis fast zwangsläufig zu einem „Ranking“ der Vermessenen – und sehr oft auch zu dem Wunsch, nicht zu weit hinten zu landen. ForscherInnen der Universität Innsbruck beschäftigen sich mit der Frage des Einflusses sozialer Vergleiche auf ökonomische Entscheidungen. In mehreren Studien konnte gezeigt werden, dass die Einführung von Rankings motivierend und demotivierend wirken kann – aber vor allem auch die Einstellungen zu Risiken und moralischen Verpflichtungen verändert.

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Im Rahmen eines vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) geförderten Sonderforschungsbereichs zu Vertrauensgütern beschäftigen sich ForscherInnen an den Fakultäten für Betriebswirtschaft und Volkswirtschaft und Statistik der Universität Innsbruck mit dem Einfluss von Anreizsystemen auf wirtschaftliche Entscheidungen. Neben monetären Anreizen wie etwa Bonuszahlungen, beschäftigen sich die ForscherInnen auch intensiv mit sogenannten „nicht-monetären Anreizen“ wie Rankings oder ähnlichen Formen des sozialen Vergleichs. Hier ist das entscheidende Kriterium, dass ein höherer Rang bzw. Status nicht monetär abgegolten wird (egal ob im Sport, bei einem Hobby oder im Unternehmen). Interessiert man sich als klassischer homo oeconomicus nur für den eigenen Verdienst, sollte diese Form des sozialen Vergleichs irrelevant sein, sofern sie keinen (gegenwärtigen oder zukünftigen) monetären Nutzen stiftet.

Spenden oder Kassieren?

Demgegenüber ist es ein Kernergebnis anthropologischer Forschung, dass ein durch sozialen Vergleich entstandener Status im wahrsten Sinne des Wortes überlebenswichtig für Nahrungsbeschaffung und Fortpflanzung sein kann. Wie stark sind wir immer noch von solchem Statusstreben getrieben – gerade wenn wir Führungspositionen in Wirtschaft und Gesellschaft bekleiden?

Mehr als 2000 ProbandInnen aus diversen Unternehmen (vorwiegend Bankinstitutionen) Europas nahmen an einer Reihe von Experimenten teil, die dieser Frage nachgehen. In einer ersten Studie mussten die ProbandInnen Aufgaben aus Intelligenztests lösen und konnten für jede erfolgreich gelöste Aufgabe zwischen zwei Auszahlungsvarianten entscheiden: In Variante A wurde ein Betrag für Masernimpfungen an die UNICEF gespendet, in Variante B durften die ProbandInnen diesen Geldbetrag behalten. Untersucht wurde nun die Auswirkung der Einführung eines Rankings hinsichtlich der richtig gelösten Aufgaben in Variante B. Obwohl das Ranking anonym war, zeigte sich, dass es stark wirkt. Diejenigen, die das Ranking anführten, reduzierten ihre Anstrengung und diejenigen, die hinten lagen, steigerten ihren Einsatz.

Gleichzeitig führte es aber vor allem bei den hinteren Rängen dazu, dass weniger gespendet wurde – der soziale Vergleich verändert also die eigene Einstellung zu pro-sozialem Verhalten (wie einer Spende für Masernimpfungen). Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass Rankings ähnliche Auswirkungen haben, wenn sich die ProbandInnen in ihren Unternehmen zwischen mess- und damit „rankbaren“ Anstrengungen (z.B. zur Steigerung von Verkaufszahlen oder Gewinnen) oder schwer zu beziffernden aber pro-sozialen Bemühungen (z.B. in das Betriebsklima, die Qualität der Kundenbetreuung oder die Vermeidung von Umweltschäden) entscheiden müssen.

Statusstreben steckt „in den Knochen“

Einen vergleichbaren Einfluss haben Rankings auch auf individuelle Investitionsentscheidungen: In Labor- und Onlineexperimenten mit internationalen FinanzmarktteilnehmerInnen mussten diese Investmententscheidungen treffen und wiederum zeigte sich die große Kraft des sozialen Vergleichs: Diejenigen, die im Ranking hinten lagen, investierten in der Folge weit risikoreicher als ohne Ranking und im Vergleich zu denjenigen, die im Ranking weiter vorne lagen. Besonders interessant ist hier jedoch der Vergleich mit der Entscheidung börsenferner Laien (in diesem Fall Studierenden). Diese reagierten in keiner Weise auf das anonyme Ranking. Sobald allerdings eine Reputationskomponente in Form der teilweisen Aufhebung der Anonymität im Ranking dazukam – entweder die Sieger oder die Verlierer im Raum mussten am Ende des Experiments aufstehen – reagierten diese sogenannten „Finanzmarktlaien“ gleich wie die Profis. Diejenigen, die im Ranking hinten waren, nahmen wesentlich mehr Risiken, um der Schmach des Verlierens zu entkommen oder um gegebenenfalls doch als öffentlich bekannter Sieger hervorzugehen.

Auch wenn unser Status heute eher weniger über den Zugang zu Nahrungsmitteln und Fortpflanzungsmöglichkeiten entscheidet, steckt uns das Statusstreben „in den Knochen“ und sorgt für eine wenig beleuchtete, dunkle Seite des Messens und Rankens: Gibt es die Möglichkeit zum (sozialen) Vergleich, ändern sich die individuellen Einstellungen etwa hinsichtlich der einzugehenden Risiken oder moralischer Verpflichtungen. Und das ist nicht nur im Internet der Likes und Retweets zu beachten, sondern auch wenn Unternehmen oder Regierungen immer häufiger auf Maßzahlen und Rankings starren – seien es Absatzzahlen, Studierendenzahlen, Mitarbeitervergleiche oder Bonitätsrankings.

>>> Link: https://onlinelibrary.wiley.com/doi/full/10.1111/jofi.12701

Zur Person

Michael Kirchler ist seit 2013 Professor für Finanzwirtschaft an der Universität Innsbruck und beschäftigt sich mittels Labor- und Feldexperimenten mit menschlichem Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen. 2013 erhielt Kirchler den START-Preis – die höchste Förderung heimischer NachwuchswissenschaftlerInnen - und seit 2017 leitet er, zusammen mit Rudolf Kerschbamer, den Spezialforschungsbereich (SFB) zu "Vertrauensgüter, Anreize und Verhalten".

Michael Kirchler(c) Tobias Haller

Zur Person

Markus Walzl studierte Physik und Mathematik an der Universität Bonn und ist Professor für Wirtschaftstheorie sowie Dekan der Fakultät für Volkswirtschaft und Statistik an der Universität Innsbruck.

Markus WalzlPrivat

 

 

 

 



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