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Jubel über Nobelpreis

Reaktionen auf den Nobelpreis: "Politische Korrektheit hat eine Ohrfeige erhalten"

Nobel Prize in Literature 2019
In Stockholm wurden die beiden Litertaurnobelpreisträger bekannt gegeben - darunter der Österreicher Peter Handke(c) REUTERS (TT NEWS AGENCY)
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Literaturkritiker Denis Scheck findet die Entscheidung mutig. Für Bundespräsident Alexander Van der Bellen ist es "ein 'geglückter' Tag - jedenfalls für die österreichische Literatur, für die Literatur überhaupt“.

Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hat die Vergabe der Nobelpreise an den österreichischen Schriftsteller Peter Handke und die polnische Autorin Olga Tokarczuk begrüßt. Es sei ein großer Tag für die Literatur und eine sehr mutige Entscheidung, sagte er. Die Auswahl, bei der zwei Europäer zum Zuge kamen, sei eine überfällige Rückkehr zu ästhetischen Kriterien.

"Die politische Korrektheit hat eine krachende Ohrfeige erhalten, eine Niederlage erlitten", sagte Scheck mit Blick auf Handke. Dieser sei einer der großen Provokateure - er beweise, dass man sich politisch total verlaufen und gleichzeitig Weltliteratur schreiben könne. Handke sei ein "würdiger Preisträger", so Scheck. Der Schriftsteller, Nobelpreisträger 2019, war für seine Haltung im Balkan-Konflikt heftig kritisiert worden. Er stand auf der Seite Serbiens, verurteilte die Nato für ihre Luftschläge und hielt 2006 bei der Beerdigung des jugoslawischen Ex-Diktators Slobodan Milosevic eine Rede. Auch Olga Tokarczuk, die Preisträgerin 2018, hält Scheck für eine gute Wahl. Sie sei eine große, sensible Erzählerin der Migration, des Unterwegs-Seins.

"Wir haben Peter Handke viel zu verdanken"

„Ein 'geglückter' Tag - jedenfalls für die österreichische Literatur, für die Literatur überhaupt" ist die Nobelpreisvergabe an Peter Handke für Bundespräsident Alexander Van der Bellen. Mit Handke habe "ein Autor den Nobelpreis gewonnen, dessen leise und eindringliche Stimme seit Jahrzehnten Welten, Orte und Menschen entwirft, die faszinierender nicht sein könnten".

Handke "leuchtet die Zwischenräume des Daseins aus und wirft einen behutsamen Blick auf das Fühlen und Denken seiner Figuren. In einem Ton, der schnörkellos und doch einzigartig ist, lässt er uns, die Leserinnen und Leser an seiner Welt und Sprache teilhaben", betonte Van der Bellen. "Wir haben Peter Handke viel zu verdanken. Ich hoffe, er weiß das."

"Höchst verdient und eine würdige Anerkennung für ein literarisches Ausnahmetalent" ist Handkes Nobelpreis für Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein und Kulturminister Alexander Schallenberg. "Handke hat Generationen von Leserinnen und Lesern bewegt."

"Durch eine unglaubliche Fülle an Werken sowie seine unvergleichbare poetische Sprache habe Handke dem 'Gewicht der Welt' Ausdruck verliehen", meinten der Wiener Bürgermeister Michael Ludwig und Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (beide SPÖ)."Für sein unermüdliches Schaffen und sein Insistieren auf differenzierte Wahrnehmung von dem, was uns umgibt, müssen wir ihm dankbar sein."

"Mit dem Erhalt des Nobelpreises schreibt Handke einmal mehr Geschichte“, so der ehemalige Kulturminister Gernot Blümel, Landesparteiobmann der Wiener ÖVP.

SPÖ-Kultursprecher Thomas Drozda findet, "die Entscheidung für Peter Handke ist die längst fällige Anerkennung für einen der wichtigsten deutschsprachigen Autoren und Dramatiker als Literat von Weltrang. Sprache ist sein Instrument zur Erfahrung und Vermittlung der Welt, mit der er sich immer kritisch auseinandersetzt.“ Ebenso erfreulich sei die Entscheidung für Olga Tokarczuk: "Es ist höchst an der Zeit, dass wieder eine Frau diesen Preis bekommt. Und mit der polnischen Autorin hat das Komitee eine hervorragende Wahl getroffen: Sie gehört zu den wichtigsten VertreterInnen der zeitgenössischen polnischen Literatur, die sich auch immer wieder gegen Antisemitismus und Rassismus in ihrem Heimatland öffentlich stark macht.“ 

Verleger "überglücklich"

Überglücklich ist der Klagenfurter Verleger Lojze Wieser. Es sei die Stunde gewesen, "da wir nicht mehr daran glaubten", in der es dann doch geschah, meinte er. Er bezeichnete Handke als den "größten Spracherneuerer aus dem Widerspruch dieses Landes heraus". Begeisterte Reaktionen gab es auch aus dem Stadttheater Klagenfurt.

Es sei auch ein seltsamer Zufall, dass der Nobelpreis für den zweisprachigen Autor ausgerechnet am Gedenktag von Abwehrkampf und Volksabstimmung, dem 10. Oktober, bekanntgemacht worden sei, ebenso wie die Tatsache, dass das Handke-Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wußten" an diesem Abend Premiere im Stadttheater Klagenfurt habe, so Wieser. Im Wieser Verlag sind einige Texte von Peter Handke erschienen. Dazu gehören in der "Kleinen Reihe" die Gespräche Handkes mit Joze Horvat unter dem Titel "Noch einmal vom Neunten Land", unter "Gehört Gelesen" der Titel "Die Sprachauseinanderdriftung", weiters eine Sonderedition zum 70. Geburtstag des Autors oder etwa "Immer noch Sturm" in slowenischer Sprache.

"Wir sind ein Haus im Glück", brachte Florian Scholz, der Intendant des Klagenfurter Stadttheaters, die Stimmung auf den Punkt. Und mit Blick auf die Premiere des Handke-Stücks am Abend sagte er: "Wir sind euphorisch, weil wir uns ja intensiv mit dem Universum von Handke beschäftigt haben. Wir sind emotional und gedanklich bei ihm. Wir gratulieren von ganzem Herzen, die Auszeichnung ist gleich in doppelter Hinsicht schön." Handke habe ihm zugesagt, dass er sich eine der Aufführungen am Stadttheater ansehen möchte. Erstmals werde das Stück, so wie von Handke vorgesehen, mit zwölf Schauspielern aufgeführt: "Die Schauspieler stammen aus Afghanistan, Israel, Frankreich, Italien und Österreich. Diese Idee hat Handke auch sehr gefallen, dass wir eine Truppe aus aller Welt haben."

Die Neuigkeit berühre ihn auf einer "so intensiven, emotionalen Ebene", dass ihm fast die Worte fehlen, sagte der Bürgermeister von Handkes Geburtsort Griffen, Josef Müller (ÖVP): "Der Nobelpreis ist eine Auszeichnung, die er wirklich verdient, es macht die ganze Gemeinde sehr stolz." Man werde sich sicher Gedanken machen, was in Griffen anlässlich der Auszeichnung geschehen wird: "Aber das Ganze ist sehr frisch, das muss man erst einmal wirken lassen."

"Er hat es wahrlich verdient, schon lange"

Der Salzburger Verleger und Autor Jochen Jung findet die Auszeichnung von Peter Handke mit dem Literaturnobelpreis "natürlich großartig": "Er hat es wahrlich verdient, schon lange. Und ich bin sehr glücklich, dass er ihn jetzt gekriegt hat." In seinem Verlag Jung und Jung sind mehrere Werke Handkes erschienen.

"Er hat eine besondere Rolle in unserer Literatur durch seine Arbeit. Wenn das jetzt ausgezeichnet wird, kann man nur hoffen, dass sich viele Leuten mit seiner Literatur beschäftigen." Dazu zähle Jung "in erster Linie seine Tagebücher und Notizbücher - nicht nur, weil die bei Jung und Jung erschienen sind, sondern weil sie eine eigene Art von Literatur geworden sind, die er ganz großartig im Griff hat. Man muss eine Art von Lesen mitbringen, an die wir eigentlich nicht mehr gewöhnt sind."

Für Handke benötige man Zeit, gab Jung zu verstehen. "Was er macht, ist Literatur, die eigentlich wie Lyrik ist. Eine Literatur, die Sie zur Konzentration bei jeder Formulierung und jedem Satz auffordert. Es ist eine Art des konzentrierten Lesens, wie es sein sollte." Da heute die Preise für 2018 und 2019 in Stockholm bekanntgegeben wurden, habe sich Jung gedacht: "Jetzt könnte er ihn doch kriegen." Persönlich habe er Peter Handke noch nicht gratulieren können. "Ich denke, er wird den Hörer beiseitegelegt haben."

Sehr erfreut zeigte sich auch Autorin Julya Rabinowich auf Twitter: "Ich hab mich beim Handke!!!! Tweeten gefühlt wie andere beim Tor!!!! schreien", ließ sie wissen und bemerkte abschließend: "Ich hätte auch gern für Ljudmila Ulitzkaja Tor!!!!! geschrien." Die Russin war zuletzt ebenfalls als aussichtsreiche Kandidatin für die Auszeichnung gehandelt worden.

"Für jeden etwas dabei"

Der Grazer Germanist und Handke-Experte Klaus Kastberger betonte nicht nur Handkes Vielseitigkeit ("Es ist da mit Sicherheit für jeden etwas dabei"), sondern auch, dass sich angesichts der teils kritisierten Äußerungen zu Jugoslawien letztlich doch noch das "literarische Gesamtwerk" des Kärntners durchgesetzt habe.

"Von Peter Handke wurde bisher gesagt, dass er mit seinen Äußerungen zu Jugoslawien den Nobelpreis verspielt hätte. Jetzt hat er ihn, aber was heißt das? Dass in den Überlegungen der Jury letztlich doch sein literarisches Gesamtwerk obsiegt hat", so Kastberger. "Tatsächlich gibt es viele Handkes, und es ist da mit Sicherheit für jeden etwas dabei: der frühe Sprachrebell auch gegen die Gruppe 47, die Kultbücher der 70er-Jahre über die eigene Mutter und Amerika; die vollständige Wende ins Innere mit langsamer Heimkehr; die Journale und Versuche; das österreichische Staatsdrama 'Immer noch Sturm' in Form einer Familienaufstellung."

Handke habe aus Kastbergers Sicht überall "formal innovativ gewirkt und ist dabei doch einem literarischen Grundprogramm treu geblieben: die erhöhte Sensitivität in der sinnlichen Erfahrung der Welt. Du musst dort und der Dinge ansichtig gewesen sein, sagt Handke mit jeder Zeile, die er schreibt. Im Rahmen des politischen Diskurses über Jugoslawien war dieser Ansatz zum Scheitern verurteilt, weshalb Handke danach auch nur noch ein Idiot sein wollte. Im antiken Sinn des Wortes, nämlich als eine Privatperson, die sich heraushält."

Die Verleihung des Nobelpreises hole Handke nun zurück auf die ganz große Bühne. "Allen Stimmen zum Trotz, die ihre Meinung zu Handke vor zwanzig Jahren in Blei gegossen haben und diese bis heute bei jeder Erwähnung seines Namens klischeehaft wiederholen, zeigt diese Entscheidung auch, dass Literatur ein stetes Medium der Einmischung ist. Was sich Handke am meisten wünscht, sind ernsthafte Leserinnen und Leser. Ich wünsche ihm, dass dieser Nobelpreis aus einer Zeit stammen möge, als das Wünschen noch geholfen hat."

"Nicht erst durch den Nobelpreis ein Weltautor"

Für Bernhard Fetz, den Direktor des Literaturmuseums, ist Peter Handke sowohl "ein österreichischer Autor mit slowenischen Wurzeln", als auch ein "großer europäischer Autor mit Wohnsitz in Frankreich", wie es in einer Reaktion hieß. "Und nicht erst durch den Nobelpreis ein Weltautor. Seine Fähigkeit zur literarischen Wahrnehmung von Welt jenseits des Aktuellen steht völlig einzigartig da. Handke ist ein Übersetzer zwischen den Sprachen und Kulturen und liefert mit seinem Lebenswerk einen Gegenentwurf zur medialen Bilderflut."

Johanna Rachinger, Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek, gratulierte Handke "zu dieser großen und wichtigen Auszeichnung". Sie sei sehr stolz, dass die Nationalbibliothek über "bedeutende Sammlungen zu seinem herausragenden Werk verwahrt".

Dem Gratulationsreigen schloss sich auch die IG Autorinnen Autoren an. Den Nobelpreis habe Handke "für seine nie irgendwelchen Moden oder irgendwelchen Anpassungserfordernissen unterworfene, einzigartige Schreibhaltung erhalten". Wie kein Zweiter verkörpere er "die Autonomie des Schriftstellers, die auch dann gilt, wenn es unbequem wird. Peter Handke zeigt, man kann sich mit dem gesamten Feuilleton anlegen (sein Serbien-Engagement) und sich nicht den Markgesetzmäßigkeiten unterwerfen (seine Ablehnung der Teilnahme beim Deutschen Buchpreis) kann und trotzdem oder gerade deshalb als Schriftsteller bestehen."

(APA)