Kryptowährungen

Droht ein Krypto-Bretton-Woods?

Die zukünftige EZB-Chefin Christine Lagarde könnte Krypto-Euro ausgeben.
Die zukünftige EZB-Chefin Christine Lagarde könnte Krypto-Euro ausgeben.(c) Reuters

Immer mehr Zentralbanken wollen selbst Digitalgeld ausgeben. Hinter dem Krypto-Konzept steht aber Dezentralisierung. Ändert sich nun die Weltfinanzordnung?

Wien. Man könnte meinen, Notenbanker haben den Sinn von Bitcoin und Co. nicht ganz verstanden. Die hinter Kryptowährungen steckende Technologie „Blockchain“ ist nichts anderes als eine dezentralisierte Datenbank. Das macht den Charme des Kryptogelds aus. Man kann Geld schnell verschieben, ohne dass eine staatliche oder juristische Autorität darauf Einfluss nehmen kann oder gar davon weiß. Damit also eine Überweisung kein leeres Versprechen bleibt, braucht man die Blockchain. Sie hält alle Transaktionsdaten.

 

Digitalgeld entzieht sich Regeln

Kryptowährungen entziehen sich den vorherrschenden Regeln der Weltfinanzordnung, wie wir sie seit dem Ende des Bretton-Woods-System 1973 und damit dem Ende des Goldstandards vorfinden. Maßnahmen der Europäischen Zentralbank (EZB), wie Zinssenkung, bleiben für Bitcoin wirkungslos.

Diese Autorität wollen Bitcoin und auch viele Leute, die andere Kryptowährungen verwenden, nicht am Tisch haben. Doch immer mehr Zentralbanken spielen mit den Gedanken selbst eine Kyptowährung auszugeben – also eine „zentralisierte dezentralisierte Währung“. Das ist paradox. Würde sich damit das Finanzsystem auf der Welt neu ordnen? Kommt bald ein neues Bretton Woods?

Allen voran spricht sich der Gouverneur der Zentralbank von England, Mark Carney, für eine neue Digital-Leitwährung als Gegengewicht zum US-Dollar aus. Er kritisiert, dass viele Staaten von der US-Wirtschaft abhängig seien, da der Dollar immer noch als Leitwährung gelte. Die US-Währung sei „so wichtig wie zum Zeitpunkt des Zusammenbruchs von Bretton Woods“, sagt Carney. Er schlägt vor, den Dollar mit einer „gemeinsamen, virtuellen, multi-polaren Reservewährung“ zu ersetzen.

Mit diesem Ansatz ist er nicht allein. Auch die zukünftige EZB-Chefin Christine Largade gilt als krypto-affin. Marktkenner behaupten, auch die ehemalige Vorsitzende des Internationalen Währungsfonds würde eine EZB-Blockchain-Währung andenken. Der Krypto-Experte der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), Beat Weber, dementiert das gegenüber der „Presse“: „Wir experimentieren damit herum, aber als Währungsinfrastruktur hätte es keinen Mehrwert. Die Blockchain-Technologie bietet derzeit keinen Vorteil gegenüber unseren vorherrschenden Systemen.“ Allerdings sehe er einen Vorteil bei der Geschwindigkeit der Technologie.

Unterdessen prüft die Schweizerische Nationalbank, in welchem Umfang digitales Zentralbankgeld in neue dezentrale Systeme (Distributed Ledger Technology) integriert werden könne. Sogar Uruguay und Kanada beschäftigen sich mit dem Thema.

 

China „fast fertig“

Während die meisten noch experimentieren, ist China „fast fertig“, wie Mu Changchun, einer der stellvertretenden Leiter der Abteilung für Zahlungsverkehr der People's Bank of China, sagt. Dort sollen bald die Zentralbanken eine neue staatlich kontrollierte chinesische Digitalwährung ausgeben dürfen.

Und nur darum geht es: staatliche Kontrolle. Die Notenbanken sind an der Technologie interessiert, nicht an der Dezentralisierung von Geld. Denn das würde den Verlust ihres Einflusses bedeuten. Eine grundlegende Änderung der Finanzordnung in der Welt droht nicht. Vielmehr beäugt man kritisch die steigende Beliebtheit des alternativen Zahlungsmittels. Denn unbedeutend ist es nicht mehr. Alle Kryptowährungen zusammen haben inzwischen einen größeren Wert als die Wirtschaftsleistung Griechenlands.