Fußball-Deutschland

Thomas Müller: Jetzt offiziell Ersatzspieler

Thomas Müller ist mit der Reservistenrolle keineswegs einverstanden – jetzt wird über seinen Abschied spekuliert.
Thomas Müller ist mit der Reservistenrolle keineswegs einverstanden – jetzt wird über seinen Abschied spekuliert.(c) imago images/Jan Huebner

Im DFB-Team ist Thomas Müller bereits Geschichte, in München ist der Stürmer, 30, nur noch Reservist. Trainer Kovač nannte ihn „Notnagel“ – verlässt daher der Ur-Bayer seinen Verein?

München. Deutschland stand im Test gegen Argentinien in Dortmund erstmals ohne Weltmeister von 2014 auf dem Platz. Es war ein irritierendes Bild, vor halb leeren Rängen und bei schlechter Stimmung fehlten klingende Namen wie Lahm, Schweinsteiger, Müller, Kroos oder Neuer. Weit und breit kein Abwehrspieler vom Format eines Mertesacker oder Hummels. Das 2:2 markierte eine Zäsur des deutschen Fußballs, aber jeder Neuanfang ist schwer, besonders in Fußball-Deutschland.

Im Blickpunkt stand trotzdem einer, der nicht spielt: Stürmer Thomas Müller. Im Team ist für ihn ohnehin längst kein Platz mehr. Jetzt wird der Ton auch beim FCB rauer. Der Bayer, 30, sitzt auf der Bank und wird von Trainer Niko Kovač als „Notnagel“ empfunden. Er wolle spielen, seine Klasse zeigen, Tore „reinschlapfen“, Spaß haben. Es nährt sich also der Verdacht, dass das einst für unmöglich gehaltene prompt Wirklichkeit wird: Müller könnte München verlassen.

 

Galionsfigur – auf der Bank

Laut „Kicker“ stehen die Zeichen auf Abschied, und zwar in der Winterpause. Der 30-Jährige sagte dem Fußballmagazin, dass er sich Gedanken machen werde, sollte er beim Rekordmeister weiter nur „Ersatzspieler“ sein. Allein die Bezeichnung ist für Fans ein Affront, er nimmt es professionell. Der Weltmeister von 2014 sagt: „Ich erkenne einen Trend, der mich nicht glücklich macht.“

Müller ist ein echtes Urgestein der Bayern. Seit 2000 und der D-Jugend kickt er für den Paradeklub. Achtmal deutscher Meister, fünfmal Cupsieger, Champions-League-Sieger (2013), Weltmeister 2014, Torgarant, Identifikationsfigur, stellvertretender Kapitän, fit und gesund – all das reicht in der Gegenwart nicht, um weiterhin automatisch gesetzt zu sein. Müller, dessen Vertrag noch bis 30. Juni 2021 läuft, wurde zuletzt regelmäßig die Barcelona-Leihgabe Philippe Coutinho vorgezogen.

Gesetzt – das war er jahrelang. Unumstritten wie kein anderer, weil er Tore schoss und Leistung lieferte, der „Leitwolf“ war und, wenn es sein musste, alternierend schimpfen und Witze machen konnte. Warum Kovač ihn auf die Bank verbannt, darüber rätselt die Szene wie der Spieler selbst. Unvergessen bleibt in diesem Zusammenhang die Aussage von Ex-Coach Louis van Gaal: „Müller spielt immer.“ Aber jetzt? Dreimal in der Startelf für ein Ligaspiel, in der Königsklasse nie. Das hatte Müller so sicherlich nicht erwartet. Das nagt an einem so ehrgeizigen Profi mehr als dumme Aussagen des Trainers oder plumpe Fragen.

Dass jetzt zu viel geschrieben, was nie gesagt wurde, kann Müller noch so beteuern. Der Riss ist deutlicher, als ihn alle Beteiligten wahrhaben wollen. Er ist im besten Fußballeralter, noch immer ein Topspieler.

 

Mit Lisa, Murmel und Micky

Prompt machen Namen von Interessenten die Runde. Inter Mailand oder AC Milan hätten im Sommer gelockt. Auch wurde aufgefrischt, dass einst Manchester United, lang vor dem Schweinsteiger-Engagement, 100 Millionen Euro Ablöse für Müller geboten hatte. Uli Hoeneß lehnte sofort ab, keine Chance. Müller sei für den FCB „nicht zu ersetzen“.
Ob der Spieler doch Fernweh haben könnte, obgleich er so heimisch ist in Bayern, mit seiner Frau, Lisa, die eine Pferdezucht betreibt? Groß geworden am Ammersee, glücklich mit Frau und zwei Hunden (Murmel, Micky) im Münchner Umland. Ihn in einem anderen Trikot als dem des FC Bayern zu sehen, wäre für viele regelrecht ein Kulturschock. Aber nicht unmöglich – so viele Stars haben doch gewechselt. Und es ging immer weiter. Wenn es nicht zu weit weg sein darf, gibt es zwei Optionen: Augsburg. Und, verwegen, aber warum nicht: Salzburg.

Geld allein ist kein Antrieb für Thomas Müller. Deshalb ließ er ein Angebot aus China angeblich sogar unbeantwortet verstreichen. 25 Millionen Euro Gage, also kolportiert neun mehr als „dahoam“, sollen geboten worden sein. Das imponierte ihm nicht. Was passiert aber, wenn Liverpool und Klopp nach dem 100-fachen Teamspieler angeln? Oder Chelsea, Arsenal, PSG? Die Zeit für ihr Angebot ist reif, und jetzt ist die Chance besser denn je, ihn zum Wechsel zu bewegen. Müller will spielen, gewinnen, Spaß haben. Er ist alles, nur kein Notnagel, für den ihn Kovač, der alles, nur kein diplomatischer Moderator ist, hält. (fin)