Meereskunde

Studieren auf hoher See

Ein Forschungsschiff der Uni Kiel bringt Meereskundlern und Ozeanografen dem Gegenstand ihrer Studien näher.
Ein Forschungsschiff der Uni Kiel bringt Meereskundlern und Ozeanografen dem Gegenstand ihrer Studien näher.(c) Jan Steffen, Geomar

Die akademische Beschäftigung mit dem Meer ist nichts für Stubenhocker. Schon während des Studiums geht es auf die hohe See. Jobs für Absolventen gibt es auf der ganzen Welt.

Von Wien aus fährt man zwar etliche Autostunden zum nächsten Meeresstrand. Für Wissenschaftler, die sich mit dem Thema Meer befassen, scheint Österreichs Hauptstadt trotzdem ein guter Boden zu sein: Das hat der legendäre Meeresforscher Hans Hass schon im vergangenen Jahrhundert bewiesen, heute zählt Gerhard Herndl, Dekan der Fakultät für Lebenswissenschaften an der Universität Wien, zu den international anerkannten Meeresbiologen. Fragt man ihn, wo man am besten Meereskunde und Ozeanografie studiere, antwortet er: „Natürlich kann man das auch in Wien studieren und hier eine sehr gute Ausbildung erhalten.“

Herndl leitet die Abteilung für Meeresbiologie und Bio-Ozeanografie an der Universität Wien. Im Rahmen des Studiums für Ökologie kann dort Meereskunde studiert werden. „Wir bieten eine umfangreiche Ausbildung von Meereskunde, Geologie, Physik, Biologie und weiterführenden Vorlesungen sowie Seminare“, sagt Herndl. Ein Schwerpunkt der Master-, aber auch der Doktorats- und Postdoc-Programme liegt im Bereich mikrobielle Ozeanografie. Die Distanz zum Meer sei kein Hindernis, sich mit Meereskunde zu beschäftigen, meint der Wissenschaftler: „Unser Thema ist der offene Ozean, wer auf ein Forschungsschiff will, muss ohnehin meist in dessen Hafen irgendwo auf der Welt fliegen.“ Neben Dissertanten und Postdocs nehmen auch Masterstudierende an solchen Forschungsfahrten teil.

 

Internationalität gefragt

International genieße seine Abteilung einen guten Ruf und sei auch sehr gut vernetzt, erzählt Heindl, der seit 2008 in Wien lehrt und vorher fast ein Jahrzehnt Professor für biologische Ozeanografie an der Universität Groningen in den Niederlanden war. Internationalität ist aber auch nach dem Studium gefragt: „Ein großer Teil meiner Studenten arbeitet heute weltweit an Forschungsinstituten, einige sind Professoren an Universitäten in anderen europäischen Ländern“, berichtet der Meereskundler. Wer in Österreich bleiben will, könne mit dem ökologischen Background des Studiums etwa bei Behörden oder als Konsulent für Gewässeruntersuchungen arbeiten.

 

Studium direkt am Meer

Aber mit dem Interesse an Meereskunde ist ohnehin meist auch die Sehnsucht nach der Ferne verbunden. Diese lässt sich bereits beim Studium erfüllen. College-contact.com nennt beispielsweise sieben Universitäten, die zu den besten für Meereskundestudien gehören sollen. Einige davon finden sich auf der anderen Seite des Erdballs – natürlich am Meer. So zum Beispiel die Hawaii Pacific University. Aquakulturanlagen sind hier ein Schwerpunkt. Die Universität kooperiert mit dem Oceanic Institute auf Oahu, womit die Studenten die Chance haben, in interessante Forschungsprojekte eingebunden zu werden.

In Australien finden sich zwei weitere renommierte Hochschulen für Meereskundler. Die James Cook University, die im Great Barrier Reef eine eigene Forschungsstation unterhält, ist spezialisiert auf die Fächer Aquaculture und Marine Biology. Erstklassig ausgestattet ist auch die Deakin University in Melbourne. Fisheries and Aquaculture oder Marine Biology sind hier Schwerpunkte von Lehre und Forschung, für die es eine perfekt ausgestattet Forschungsstation gibt.

 

Fahrten mit Forschungsschiff

Auch in Deutschland lässt sich Meereskunde studieren. In Hamburg gibt es einen Bachelor- und einen Masterstudiengang – Letzterer wird auf Englisch abgehalten. Die Universität Kiel bietet drei internationale englischsprachige Masterstudiengänge: Marine Geosciences, Climate Physics und Biological Oceanography. Nicht zuletzt aufgrund der Nähe zum Meer hat die Universität schon seit Langem Ausbildungen in diesem Bereich im Programm, sagt Nina Keul, Studienkoordinatorin für Marine Geosciences. Von der Lage der Universität an der Ostsee profitieren auch die Masterstudierenden: „Wir haben zwei Forschungsschiffe, mit denen Studenten mehrmals im Semester auf das Meer hinausfahren“, sagt Keul.

 

Forschung interdisziplinär

Die Ausfahrten mit den Schiffen sollen den Masterstudierenden Einblicke in aktuelle Forschungsarbeiten der Universität vermitteln. Neben Studenten der Meereskunde nehmen daran auch Hörer anderer Studienrichtungen wie Biologie, Geologie oder Umweltmanagement teil, berichtet Keul. Denn der interdisziplinäre Austausch spiele beim Studium in Kiel eine wichtige Rolle. Den Meereskundestudenten werden Kurse in Nachhaltigkeit und Management der Küsten, in Umwelt- und Ressourcenökonomie oder im Seerecht angeboten. Die Forschung ist ebenfalls interdisziplinär. Bestes Beispiel ist der Exzellenzcluster „Ozean der Zukunft“. „Hier arbeitet nicht nur die Naturwissenschaft mit, sondern auch Gesellschafts-, Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sind beteiligt, weil die Probleme schließlich auch diese Bereiche betreffen“, sagt Keul.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2019)