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Essay

Unsichtbare Schwangere, vergessene Mütter

(c) Peter Kufner
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Im Beruf blockiert, im Privaten Stillstand: In Österreich bedeutet Mutterschaft noch immer den Verlust an der gesellschaftlichen Teilhabe.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

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Ich komme nicht mehr bis zu meinen Schnürsenkeln, weil der Bauch im Weg ist, in der überfüllten U-Bahn halte ich im Stehen schützend meine Laptoptasche vor meine Körpermitte. Wenn ich die Stufen aus der U-Bahn-Unterführung zur Arbeit hochlaufe, fühle ich mich, als würde ich wie der Wolf aus dem Märchen von den sieben Geißlein Wackersteine in meinem Unterleib tragen. Alles geht wie gewohnt, nur sehr viel langsamer. Ich bin mit meinem dritten Kind schwanger.

Genau deshalb weiß ich auch, dass trotz der ständigen körperlichen Belastung nichts schwerer wiegt als die Blicke der anderen, nichts mehr demütigt als der Ausschluss der Schwangeren und später Mutter aus der Gesellschaft. „Ich stand dort und hatte das Gefühl, unsichtbar geworden zu sein. Wie gestrichen. Arbeitslos und behindert“, schreibt Autorin Antonia Baum in ihrem Buch „Stillleben“.

Im Büro lächelt mich die Kollegin fast gerührt an, wenn ich mir ein Glas kalter Milch statt Kaffee einschenke. Vielleicht stellen sie sich vor, wie ich bald in einer karierten Schürze und mit mehlbestäubter Nase Dinkelstangen für mein Baby backe, wie glockenhelle Kinderstimmen durch meinen Hausflur rufen und in meinem Garten eine Nachmittagsparty mit Cupcakes und pastellfarbenen Girlanden in den Bäumen steigt.

 

Traditionelles Bild von Mann . . .

Sie meint es ganz und gar nicht böse, ganz sicher allerdings sehen meine Mitmenschen eines nicht mehr in mir: Die Frau, die nach Jahren harter Arbeit und stoischer Anwesenheit den nächsten Karriereschritt nehmen könnte. Schwangere sind keine vielversprechenden Mitarbeiterinnen mehr, keine Kalender Girls, keine Leader, keine Strategen oder Vorreiter, keine Fantasie, keine Frauen, an denen der Blick auf der Straße hängen bleibt.

Sie sind in freudiger Erwartung, werden mit übertriebener Fürsorge überhäuft („Möchtest du einen Tee?“), werden gleichzeitig aber bevormundet und zurückgesetzt. Meine Freunde können sich momentan nicht vorstellen, mit mir auszugehen, bestimmt auch nicht, wenn das Baby gerade geboren ist.

Ich will in diese Bar mit Striptease-Stange gehen, von der mir mein bester Freund erzählt hat. „Nee“, sagte er dann neulich, „das machen wir mal, wenn du hier fertig bist“. Er deutet auf meinen Bauch, den ich jeden Abend, ohne dabei in den Spiegel zu schauen, mit Schwangerschaftsstreifenöl einreibe. Das Yogastudio, in das ich seit sieben Jahren gehe, hat mir vergangene Woche freundlich erklärt, dass ich „aus versicherungstechnischen Gründen“ die regulären Kurse nicht mehr besuchen dürfe. „Die Lehrer wollen das Risiko mit den Schwangeren nicht eingehen“, lautet die offizielle Begründung. Die Fahrschule, in der ich mich anmelden wollte, um endlich den Führerschein nachzuholen, rät mir ebenso, mich in neun Monaten wieder zu melden. Kein Nagellack, kein Rohmilchkäse, besser nicht Haare färben, heißt es in den Broschüren beim Gynäkologen. Regularien und Bauernweisheiten, die ich mir nicht ausgedacht habe, schützen meine Gesundheit gegen meinen Willen.

Die Bekannten nehmen sich heraus, mich als werdende Mutter auf etwaiges Fehlverhalten hinzuweisen. Würde ich mir jetzt beim Schreiben dieses Textes in einem Außencafé eine Zigarette anzünden oder mir ein Bier bestellen, müsste ich mit herber Kritik von allen Seiten rechnen. Buche ich mir einen Flug, schaut die Verwandtschaft besorgt: „Nicht zu anstrengend?“, fragen sie.

Dabei erwartet mich das bittere Erwachen eigentlich erst nach der Geburt. Denn erst dann wird der soziale Ausschluss für mich komplett sein. Weder in Österreich, der Schweiz noch in Deutschland gibt es ein staatliches Betreuungssystem für Babys – ganz im Gegensatz zu Frankreich, wo ein flächendeckendes Krippensystem den Frauen garantiert, dass sie acht Wochen nach der Geburt wieder arbeiten gehen können.

 

. . . und Frau

Bereits im Jahr 2011 arbeitete die Autorin Katrin Bennhold in einem Artikel in der „New York Times“ heraus, dass im deutschsprachigen Raum am sehr traditionellen Bild von Männern und Frauen festgehalten wird, das sich laut Ute Frevert, ehemalige Leiterin des Max-Planck-Instituts, seit dem Dritten Reich kaum verändert hat. Bezogen auf das Bild der deutschen Mutter erklärte sie damals schon: „Wir versuchen uns in jedem Punkt von der Nazizeit zu distanzieren, nur in diesem nicht.“

Und heute, acht Jahre nach diesem Artikel, hat sich trotz mehrerer Elternzeit- und Kindergeld-Reformen in Österreich und Deutschland wenig am Status der Schwangeren und Mutter verändert. Väter gehen in Deutschland häufiger in Elternzeit, meist allerdings nur wenige Monate. In Österreich gehen Männer nach wie vor selten in Karenz, wie aktuelle Zahlen der Statistik Austria über die vom Bund im Vorjahr ausgezahlten Familienleistungen belegen. Zwei Jahre saß ich bereits für meine ersten beiden Kinder auf den versandeten Holzplanken eines Buddelkastens auf dem öffentlichen Spielplatz neben meiner Haustür, träumte von meinem Wiedereinstieg als Redakteurin. Zeitungen konnte ich in der Zeit kaum lesen. Zu schmerzhaft, dass über keinem der Artikel mein Name stand. Schnell wieder einzusteigen war allerdings nie eine Option.

Ein privates Kindermädchen kostet im Monat mindestens 2000 Euro brutto, die wenigen staatlich geförderten Tagesmütter, die es in Berlin gibt, waren längst ausgebucht bis ins nächste Jahr. Heute hat sich daran nichts geändert. Wer als Arbeitnehmerin mit Baby nicht 100 Prozent seines Gehalts in die Lohntüte eines Kindermädchens stecken möchte, nimmt Elternzeit, mindestens ein Jahr. Danach wartet in der Regel der alte Job als Teilzeitstelle, die endgültige Quittung für die häusliche Versorgung der Kleinen dann Jahrzehnte später mit dem Rentenbescheid. Im Alter sind Frauen statistisch materiell ärmer als Männer, oft auf die Rente ihres Partners mit angewiesen und damit abhängig von Zweiten oder dem Staat.

Mütter werden marginalisiert. Als ich im Jahr 2012 aus meiner ersten Elternzeit in mein Büro zurückkehrte, saß auf meinem Platz ein junger Kollege namens Holger. Meine Aufgaben erledigte er zur vollsten Zufriedenheit seit mehreren Monaten. Mir blieb nur, mir einen anderen Platz und gleich ganz neue Aufgaben zu suchen und mich zurückzukämpfen.

Soziale Teilhabe bedeutet, eine Stimme zu haben und für seine Rechte eintreten zu können. Mütter sind oft isolierte Einzelkämpferinnen, unsicher, ob ihre Erwartungen an das Berufsleben und sich selbst gerechtfertigt sind, und immer um Perfektionismus bemüht. Um Stressresistenz, Frische ohne Make-up, Ehrgeiz ohne Reue. Schwangere werden zu Müttern und damit unsichtbar und unhörbar, weil sie der gesellschaftlichen Norm unterworfen werden. Bleibt es so, wird niemals von Gleichberechtigung und denselben Voraussetzungen, demselben Mitspracherecht die Rede sein können. „Eine Mutter gehört zum Kind“, höre ich dieser Tage immer wieder. Ein Vater auch.

Die Autorin

Caroline Rosales (* 1982 in Bonn) ist Autorin, Redakteurin der Funke-Zentralredaktion in Berlin und Kolumnistin der „Berliner Morgenpost“. Ihre Beiträge bei „Zeit Online“ über Prostitution, Mode, Mutterrollen oder Weiblichkeit sorgen immer wieder für Debatten. Mit ihren beiden Kindern lebt die Autorin in Berlin. Zuletzt erschien „Sexuell verfügbar“ (Ullstein).

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2019)

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