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Interview

„Diese Krise haben wir nicht vorhergesehen“

Panos Moumtzis von den Vereinten Nationen.
Panos Moumtzis von den Vereinten Nationen.(c) APA/AFP/ANWAR AMRO
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Panos Moumtzis, UN-Koordinator für humanitäre Angelegenheiten in Syrien, über die Folgen der Militäroffensive für die Bevölkerung.

Die Presse: Der Nordosten Syriens, in dem jetzt die Kampfhandlungen stattfinden, ist für internationale Hilfsorganisationen kein unbeschriebenes Blatt. Bereits vor der türkischen Militäroffensive war die Lage für die Menschen dort nicht einfach.

Panos Moumtzis: Im Nordosten Syriens leben ungefähr 2,1 Millionen Menschen, darunter 400.000 interne Flüchtlinge, die vor dieser jüngsten Entwicklung vertrieben wurden und sich in dieser Region angesiedelt haben. Die humanitären Organisationen vor Ort helfen dort jeden Monat ungefähr 800.000 Menschen. Die Hilfslieferungen kommen einerseits aus den Gebieten, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden, andererseits jenseits der Grenze vom Irak. Die UNO arbeitet mit anderen Hilfsorganisationen zusammen, in einem Gebiet, in dem es ohnehin schon viel Leid gibt und eine sehr komplexe Situation vor Ort.


Was erwartet die Menschen dort mit der türkischen Offensive?

Die humanitären Organisationen hoffen auf das Beste, aber bereiten sich auf das Schlimmste vor. Wir hoffen, dass nicht noch mehr Menschen vertrieben werden und dass wir Zugang zu denen bekommen, die unsere Hilfe brauchen. Humanitäre Organisationen erstellen natürlich immer Notfallpläne. Wir versuchen zunächst, die Lage einzuschätzen. Dafür sind wir auch in Kontakt mit unseren Kollegen im Irak, weil wir nicht wissen, wie sich die kommenden Tage und Wochen entwickeln werden.

 

Es gibt eine Fluchtbewegung. Wohin fliehen die Menschen?

Weg von den Kriegshandlungen. Im Moment ist es noch sehr früh, um zu wissen, wie viele Menschen und mit welchem Ziel. Die meisten scheinen Richtung Süden zu fliehen, also in andere Teile Syriens, die von nicht staatlichen Akteuren kontrolliert werden. Aber das könnte auch in Richtung Irak passieren oder in Gebiete, die von der syrischen Regierung kontrolliert werden. Wichtig ist, dass die lokalen Akteure und das türkische Militär den humanitären Organisationen Zugang gewähren und deren Operationen erleichtern. Sie müssen den Schutz der Mitarbeiter dieser Organisationen garantieren, aber vor allem auch den Schutz der Menschen, die die Hilfe nötig haben und die fliehen. UN-Generalsekretär António Guterres hat darüber gesprochen, dass unbedingt der Schutz der Zivilisten gewährleistet sein muss und dass internationales humanitäres Recht eingehalten wird. Wir hoffen, auf die Situation Einfluss nehmen zu können, damit es keine dramatischen Entwicklungen für Zivilisten gibt.

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Sind Sie darauf vorbereitet, falls sich die humanitäre Krise, wie von vielen Seiten gewarnt wird, ausweitet?

Bisher können wir die Zahlen der Menschen managen, und wir haben Operationen und auch Lagerkapazitäten vor Ort. Aber was die Finanzierung unserer Operationen angeht, befinden wir uns an einem kritischen Punkt: Dafür sind gerade einmal 40 Prozent abgedeckt. Diese Krise haben wir nicht vorhergesehen in unserer Budgetierung und Planung 2019. Im Moment benutzen wir die Ressourcen, die wir zur Verfügung haben. Sollte das länger dauern, brauchen wir mehr Finanzierung und mehr Teams vor Ort.

 

Die Arbeit des UN-Koordinators für humanitäre Angelegenheiten in Syrien lässt sich wohl ein bisschen mit Sisyphos vergleichen. Man rollt den Stein den Berg hinauf, damit er auf der anderen Seite wieder herunterrollt. Und jetzt wieder ein neuer Krieg.

Was Syrien braucht, sind Frieden und Stabilität. Die Menschen haben genug von einem Krieg, der schon viel zu lang gedauert hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2019)

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