Buchbesprechung

Der nette Dealer von nebenan

Lisa McInerney wirft einen schrägen, aber sehr menschlichen Blick auf ihre komplizierten Charaktere.
Lisa McInerney wirft einen schrägen, aber sehr menschlichen Blick auf ihre komplizierten Charaktere.(c) Liebeskind

Die Irin Lisa McInerney blickt in „Blutwunder“ tief in das Herz ihrer Figuren. Dieser Krimi hat nichts Schablonenhaftes und überzeugt auf allen Ebenen. Die Autorin liest in Kürze in Wien.

Lisa McInerney weiß, wie man einen Kriminalroman beginnt: „Wie so vieles, was Ryan verkackt, geht es mit Ecstasy los.“ Und so viel sei verraten, Kleindealer Ryan Cusack wird in „Blutwunder“ so gut wie alles verkacken. Der irischen Autorin ist es gelungen, nahtlos an ihren im Vorjahr auf Deutsch erschienenen Überraschungserfolg „Glorreiche Ketzereien“ anzuschließen. Die Hauptfiguren sind dieselben geblieben, deren chaotische Lebensumstände ebenfalls. Wer geglaubt hat, dass Cusack, der schon im Debütroman immer tiefer abgerutscht ist, nicht noch weiter sinken kann, der wird sein literarisches Wunder erleben.

Denn als ihn Langzeitfreundin Karine abserviert, torkelt Ryan noch vor der Tür des Nachtclubs in die Arme von Natalie, mit der er umgehend Sex haben wird. Beziehungsprobleme werden aber schon bald seine geringste Sorge sein. Ein paar Beispiele gefällig? Sein Boss, der aufstrebende Drogendealer Dan Kane, übt Druck auf ihn aus. Ein mit der neapolitanischen Camorra eingefädelter Ecstasy-Deal läuft schief. Und ausgerechnet Kanes Konkurrent Jimmy Phelan, der die Drogengeschäfte in Cork kontrolliert, will Ryan, über den er belastende Dinge weiß, für seine Interessen nutzen. Von der Lebensmüdigkeit nach dem Tod seiner Mutter sowie dem schwierigen Verhältnis zu seinem dahinvegetierenden Vater, Tony, gar nicht erst zu reden.

Figuren voller Facetten. Herausragend an McInerneys Kriminalromanen ist, dass sie zwar von trostlosen Milieus erzählt, niemals aber das Gefühl von Tristesse aufkommt. Ihre Bücher als Krimigrotesken zu bezeichnen, würde ihnen aber ebenso wenig gerecht werden wie irgendwelche anderen verkaufsträchtigen Image-Stempel. McInerney hat die irische Hafenstadt Cork auf die Krimi-Landkarte geholt und damit Ähnliches geleistet wie Adrian McKinty für das nordirische Belfast. Während McInerneys Bücher für den lokalen Tourismusverband aber eher das Worst-Case-Szenario darstellen dürften, profitieren die Leser von ihrem feinen Gespür für Menschen und Details. Empathisch porträtiert sie Dealer, Prostituierte und Sozialhilfeempfänger als facettenreiche Persönlichkeiten, die einen zweiten Blick wert sind – mit all ihren hässlichen wie liebenswerten Seiten.

Lisa McInerney beschreibt präzise und verurteilt nicht. Das alles geschieht mit einer Lässigkeit und Leichtigkeit, die staunen lässt. Ryan betreibe „das Geschäft junger, wilder Kerle überall auf der Welt“, heißt es an einer Stelle, „das Verschieben illegaler Rauschmittel aus seinen prekären Kreisen in die Hände, Münder und Nasen derer, die es besser wissen sollten“. Er gebe sich „großkotzig, um den Umstand zu verbergen, dass er weder frei atmen noch gut schlafen kann“.

Frauen stören die Männerwelt. Es ist der ganz eigene, schräge Blick der Schriftstellerin auf die Dinge, der so angenehm abweicht von all den durch Creative-Writing-Schulen gegangenen, angepassten Kriminalschriftstellern, die vorhersehbare, nach immer gleichen Formeln und Mustern funktionierende Spannungsromane produzieren. McInerneys Figuren hingegen sind nicht auf Funktionen reduziert. Die Irin porträtiert Unterweltbosse als Söhne, Dealer als verliebte Narren und Frauen generell als selbstbewusste Störenfriede männlich dominierter Gesellschafts- und Unterweltstrukturen.

Letztlich erzählt die Autorin auch die unmögliche Liebesgeschichte von Ryan und Karine. „Ja, ich bin ein Desaster, möchte er ihr sagen, ich bin ein Desaster und wünsche mir, dass du mich wieder in Ordnung bringst. [. . .] ich will wiedergutmachen, was ich dir angetan habe. Am Fuße des Vesuvs will ich es begraben.“ Wenn das nur so einfach wäre.

Lisa McInerney liest am Dienstag, den 15. Oktober, ab 19 Uhr in der Hauptbücherei (Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien) im Zuge der Kriminacht 2019 aus ihrem Buch „Blutwunder“. Die deutsche Lesung erfolgt durch die Schauspielerin Barbara Braun, als Dolmetscher und Moderator fungiert „Presse“-Feuilletonist Norbert Mayer. Eintritt frei.

(c) Liebeskind

Neu Erschienen

Lisa McInerney:
Blutwunder

Übersetzt von Werner Löcher-Lawrence
Liebeskind
352 Seiten
22,70 Euro

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2019)