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Am Herd

Wenn sie Nein sagt

(c) imago images / Panthermedia (´studiostoks´)

Mein Problem war nicht, dass der junge Mann vermutlich mit Marlene schlafen wollte. Mein Problem war, wie er reagieren würde, wenn sie Nein sagt.

Und dann habe ich sie gewarnt. Obwohl ich das nie wollte. Aber jetzt blieb mir nichts anderes übrig, immerhin war Marlene mit einem Typen unterwegs, den ich nicht kannte, der drei Jahre älter war als sie und den sie auf einem Festival kennengelernt hatte, wo er als Security arbeitete. Drei Jahre älter! Security! Vor meinen Augen stieg das Bild eines muskelbepackten Kerls auf, vielleicht mit Tunnelring im Ohr und einer missratenen Tätowierung am Hals, körperlich und emotional grobschlächtig. Kurz: Niemand, von dem man möchte, dass die heiß geliebte Tochter mit ihm Freitagabend um die Häuser zieht. Deshalb griff ich zum Handy und rief meine Kleine an, die mit 16 Jahren zugegebenermaßen nicht mehr gar so klein ist: „Marlene“, sagte ich: „Ich glaube, der will einfach nur mit dir schlafen.“

Ich kam mir im selben Moment blöd vor, wie eine dieser Mütter, die von der Band Die Ärzte verhöhnt werden, in einem Lied, das ich immer gern mitgegrölt habe: „Männer sind Schweine/Traue ihnen nicht, mein Kind/Sie wollen alle nur das eine/für wahre Liebe sind sie blind.“ Und es ist ja auch wirklich lächerlich, als ob Frauen nicht genauso oft „das eine“ wollten, als ob es ein Verbrechen wäre, auf jemanden Lust zu haben. Entsprechend reagierte auch Marlene auf meinen Anruf, sie war ein wenig verwundert und ziemlich genervt: „Jaja, Mama“, sagte sie schnippisch, warf mir noch Standesdünkel vor („Weil er Security macht, echt jetzt?“) und legte auf.

Die Ehre, der Stolz. Da ist mir aufgefallen, dass meine Warnung wirklich falsch war. Ich hatte sie nämlich völlig verkehrt formuliert. Mein Problem war ja gar nicht, dass der junge Mann vermutlich mit Marlene ins Bett wollte. Meine Problem war, dass ich nicht sicher war, wie er reagieren würde, wenn sie Nein sagt. Ich hatte Angst, dass er einer von jenen Typen sein könnte, die meinen, sie müssten Frauen beschützen, und dabei doch nur besitzergreifend sind. Die sich in ihrer Ehre angegriffen fühlen. Die leicht aufbrausen und das auch noch für männlich halten, die ein Nein in ihrem Stolz kränkt – und die deshalb damit nicht umgehen können. Ja, die gibt es. Überall dort, wo ein „Mann“ noch ein „Mann“ sein muss, eine „Frau“ eine „Frau“ bleiben soll und Schwule als abartig gelten. Und nein, da geht es nicht um Standesdünkel. Es gibt studierende Schnösel, die ich für genauso gefährlich halte.

Marlene ist natürlich nichts passiert, sie hat einen lustigen Abend verbracht und nette Leute kennengelernt, und als ich mit ihr in einem ruhigen Moment darüber gesprochen habe, hat sie gemeint, ich könne mich beruhigen, sie würde doch niemals mit jemandem ausgehen, der nicht zumindest im Besitz eines Regenbogen-Stickers ist.

Und das ist auch wieder wahr.

bettina.eibel-steiner@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2019)