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Interview

Joaquin Phoenix: „Das war kein Kinderspiel“

Das Hungern machte Phoenix „über Monate zu einem furchtbar schlecht gelaunten Menschen“, er spricht von einem Gefühl des „Verstandverlierens“.
Das Hungern machte Phoenix „über Monate zu einem furchtbar schlecht gelaunten Menschen“, er spricht von einem Gefühl des „Verstandverlierens“.(c) A. Gallo / Zuma / picturedesk.com
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Joaquin Phoenix erklärt, dass es ihm bei seiner Darstellung des „Jokers“ vor allem um dessen helle Seiten gegangen ist, er erzählt, wie er sich mit Lektüre über Attentäter oder Hungern auf diese Rolle vorbereitet hat – und, dass er sich gern seltener auf der Leinwand sehen würde.

Joaquin Phoenix' neuer Film wurde schon ein Oscar-würdiges Meisterwerk genannt – und sorgte wegen der Gewaltdarstellung und Angst vor Nachahmern für Kontroversen. Seit Donnerstag läuft „Joker“, das Psycho(pathen)gramm von Regisseur Todd Phillips, mit Phoenix in der Hauptrolle in den heimischen Kinos.

Waren Sie erstaunt, als ein Drehbuch mit dem Titel „Joker“ auf Ihrem Tisch landete?

Joaquin Phoenix: Nicht, nachdem ich einen Blick hineingeworfen hatte. Diese Geschichte war anders als alles, was je in das Superhelden-Genre fallen würde. Aber auch anders als alles, was ich je in Sachen Drama gelesen hatte. Überhaupt hatte ich so etwas noch nie in Händen. Ich fand das ganze Ding unglaublich mutig.

Was ist denn mutig an diesem Film?

Mich hat beeindruckt, dass diese Figur nicht nur für mich als Schauspieler eine Herausforderung darstellte, sondern auch für das Publikum eine ist. Alle Meinungen zum und Bilder vom Joker, die jemand vielleicht im Kopf hat, müssen über Bord geworfen werden. Für einen Film dieser Größe fand ich das ein komplexes Unterfangen.

Der Joker passt gut in die Reihe gequälter Seelen, die Sie schon gespielt haben.

Ach, gequält. Das ist so ein Wort, dass ich nur von Journalisten höre. Ich selbst habe noch keine meiner Figuren aus dieser Perspektive betrachtet. Im Gegenteil, es ging es mir zum Beispiel bei Arthur in „Joker“ vor allem um seine helle Seite, sein Licht. Oder zumindest sein Streben nach Glück, der Wunsch, sich zugehörig zu fühlen und Wärme und Liebe zu finden.

Da scheitert er, und es tun sich Abgründe auf. Wie haben Sie sich ihm angenähert?

Das war kein Kinderspiel. Arthurs Persönlichkeit hat so viele Facetten und eben auch Abgründe, ich könnte sie nicht so ohne Weiteres definieren. Der körperliche Aspekt war also der erste Schritt: Ich habe in kurzer Zeit sehr viel Gewicht verloren, dabei allein entsteht ein Gefühl des Verstandverlierens. Ich habe auch viel etwa über politische Attentäter gelesen. Wobei ich vermeiden wollte, mich auf eine Definition seines Zustandes und seiner Persönlichkeit festzulegen. Dass sich ein Psychologe das ansieht und identifiziert, welche Diagnose auf Arthur passt, wäre das Letzte, worauf ich es angelegt hätte.

Warum war es Ihnen so wichtig, dass Arthur so ausgemergelt und dürr ist?

Die Idee kam mir, als ich mich mit der Wirkung von Psychopharmaka und anderen Medikamenten auseinandersetzte, die jemand wie er sicher nimmt. Wer so etwas schluckt, nimmt in der Regel schnell zu oder viel ab. Ich schlug ersteres vor, ganz eigennützig natürlich. Das wäre einfacher gewesen. Aber Todd Phillips fand das Ausgemergelte besser.

Nicht ganz so leicht wie das Zunehmen.

Wem sagen Sie das. Vor allem hat es ja Auswirkungen auf die Psyche, wenn man so lange zu wenig isst. Ich war über Monate ein fürchterlich schlecht gelaunter Mensch, der nicht sehr nett zu seinem Umfeld war. Ich wusste natürlich, worauf ich mich einlasse, ich hatte so etwas Ähnliches schon mal gemacht. Und ich wurde ärztlich betreut.

Phillips hat Ihre Arbeit als Partnerschaft beschrieben, die weit über das Übliche hinausgeht. Würden Sie das unterschreiben?

Absolut, schon weil unsere Arbeit nie nach Drehschluss aufhörte. Wir schrieben uns nachts oder am Wochenende oder telefonierten, weil wir Ideen hatten oder uns Szenen beschäftigten. Irgendwann waren wir zu einer derart symbiotischen Einheit geworden, es war fast schon beängstigend, wie häufig es vorkam, dass wir das gleiche dachten und die gleichen Einfälle hatten.

Sie klingen begeistert. Arbeiten Sie lieber als früher? Joker ist Ihr vierter Film in 18 Monaten, früher machten Sie sich oft rar.

Ich habe den Spaß an der Schauspielerei nie verloren. Der Rhythmus war zuletzt ungeplanterweise anders als sonst. Zwei Jahre hatte ich nicht gearbeitet – dann kamen vier Projekte, die ich nicht ablehnen konnte. Ginge es nach mir, würde ich einen Film pro Jahr drehen. Aber so läuft das in diesem Job nicht.

Warum wäre ein Film im Jahr ideal?

Ich habe nicht wirklich Lust, meine Nase ständig auf der Leinwand zu sehen, und da bin ich sicher nicht der einzige. Und, es ist wichtig, Zeit für ein normales Leben zu haben. Wenn man sich von einem Film in den nächsten stürzt, kann das ungesund sein. Habe ich oft genug bei Kollegen beobachtet.

Steckbrief

Joaquin Phoenix, 1974 in Puerto Rico geboren, ist schon früh in Talentshows und als Kinderdarsteller aufgetreten, in den Achtzigerjahren spielte er seine ersten Kinohauptrollen.

2005 wurde Phoenix für seine Darstellung des Johnny Cash in „Walk the line“ mit dem Golden Globe ausgezeichnet und für einen Oscar nominiert.

Für seine Darstellung des „Jokers“ wurde er bei den heurigen Filmfestspielen von Venedig groß gefeiert.

Seit seiner Jugend ist Phoenix Veganer und Tierschutzaktivist. Phoenix ist mit Schauspielerin Rooney Mara liiert.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2019)