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Rainer Jäger in der Welle.
Reportage

Heimische Meister im Surfen: Wellen, Boards und Badehose

Bei den Österreichischen Surfmeisterschaften in Portugal setzten hohe Wellen mit viel Power den Surfern zu, dafür gab es erstmals eine Bodyboard-Klasse. Holger Hassenpflug gewinnt die Königsklasse Men’s Open.

Der Freesurfer hat hier nichts zu suchen und die Jury ist darüber nicht amüsiert. „Geh raus. Du bist in der Wettbewerbszone“, schreit einer der drei Wertungsrichter durchs Mikrofon übers Meer. Und wenig später genervt: „Nimm deine Weißwasserwelle und geh raus. Es ist vermutlich eh deine einzige Weißwasserwelle, die du kriegen wirst.“ Jedem erfahrenen Surfer würde es bei so einem Satz die Schamesröte ins Gesicht treiben. Weißwasserwellen, so viel sei gleich gesagt, surfen Anfänger, die sich noch nicht sicher im offenen Meer bewegen können. Doch der Mann, der an diesem Tag im Wasser kämpft, hört nicht auf den Wertungsrichter. Er wird nach jeder Welle, die über ihn schwappt, durch die Strömung weiter links in die Wettbewerbszone getrieben – bis er schließlich nach endlosen Minuten doch aufgibt und in Richtung Strand surft.

Ein beliebter Austragungsort

Man kann es dem Mann vermutlich nicht verübeln. Wer will nicht in Ribeira d’Ilhas, Portugals beliebtem Wettbewerbssurfspot in Ericeira, nahe Lissabon, fast alleine surfen. Dort, wo die Wellen durch ein Riff mehr oder weniger punktgenau brechen und wo sich jeden Tag so viele Surfer tummeln, dass Kollisionen im Wasser an der Tagesordnung stehen. Aber der Mann hatte wohl den falschen Pass, denn an diesem Tag gehörte das Wasser in Ribeira einer Gruppe von 15 Männern, die aus einem Land kommen, in dem es eigentlich kein Meer gibt. Am Freitag fanden in Riberia d’Ilhas die österreichischen Meisterschaften im Wellenreiten statt.

Der Austragungsort in Ribeira d'Ilhas
Der Austragungsort in Ribeira d'Ilhas.Sebastian Wolf/Got it

 

Den Wettbewerb muss man sich in etwa so vorstellen, dass um neun Uhr in der Früh ein kleines Grüppchen an Surfern und Zusehern sich langsam vor dem eigenes aufgestellten Wertungscontainer zusammenfindet und einmal lange vom Strand aus auf das Meer schauen. Die meisten kennen sich hier. Viele der Teilnehmer, wie etwa Rainer Jäger, leben zum Teil das halbe oder ganze Jahr in Portugal, andere – wie Holger Hassenpflug – sind extra dafür aus Österreich angereist. Gemeinsam ist ihnen die Liebe zum Board und die Begeisterung, wenn immer möglich, damit ins Wasser zu gehen.

Johannes Abraham bereitet sich vor.
Johannes Abraham bereitet sich vor.Sebastian Wolf/Got it

 

Das erste Mal am Brett

Angetreten wird in vier Kategorien. Open Class (quasi die Königsklasse), Longboard, Masters (ab 35 Jahren) und das ganz spontan aufgestellte Bodyboard, weil sich mit Matthias Golger, Lukas Stangl und Philipp Sturies noch genügend Menschen gefunden haben, um eine eigene Klasse zu eröffnen. Man muss dazu sagen, die letzten beiden sind in ihrem Leben noch nie wirklich Bodyboard gefahren. Aber ersterer wollte unbedingt mitmachen – und darum geht es an diesem Tag auch. Spaß in den Wellen zu haben und einfach einmal schauen, was im Vergleich zu anderen möglich ist.

 
Frauen sind dieses Jahr nicht dabei. Sehr zum Leidwesen des Österreichischen Surfverbands, Austrian Surfing. „Das ist das erste Mal seit 2012, dass keine Frauen dabei sind“, sagt Vizepräsident und Contestorganisator Gregor Praher. Die Erklärung liegt auch im Swell, also an den Wellen, die an diesem Tag in Ribeira reinbrechen. Sie sind mit etwa 1,8 Metern nichts für schwache Nerven oder Anfänger. An diesem Tag braucht man in Ribeira Ausdauer, etwas Erfahrung – und auch Mut. Die Wellen brechen mit viel Kraft und treiben einen schnell einmal an die spitzen Felsen, die links am Strand im Wasser liegen. Einige Frauen, die Interesse an dem Contest hatten, sind deswegen nicht mitgefahren. 

Fridolin Auer gibt sich Sonnencreme ins Gesicht.
Fridolin Auer gibt sich Sonnencreme ins Gesicht.Sebastian Wolf/Got it

 

Surfer, die nicht weichen wollen 

Vom goldgelben Strand aus sehen die Zuseher also den Surfern zu, wie sie zu viert ins Wasser steigen. Bevor sie aber starten können, muss das Wasser geräumt werden. Mehr als 20 Freesurfer tummeln sich am Vormittag bereits auf ihren Boards. „Das ist jetzt eine Wettbewerbszone, bitte paddelt in den Norden“, schreit einer der Wettbewerbsrichter durch das Mikro übers Wasser. 20 Minuten lang muss er sich den Mund fusselig reden bis das Meer vorm Strand endlich frei ist. Trotzdem werden während des Wettbewerbs immer wieder Freesurfer in die Zone gelangen. Bis das Areal endlich frei ist tratschen Surfer und Zuseher, trinken Kaffee, führen Schmäh oder rechnen im Kopf die Länge von Surfboards von Fuß und Zoll in Zentimeter um. Weil bitte, das müsse man doch ohne Taschenrechner rechnen können, sagt einer der Teilnehmer. Als die Freesurfer endlich verschwunden sind, kann es losgehen.

Holger Hassenpflug zeigt schnell, was er kann.
Holger Hassenpflug zeigt schnell, was er kann.Sebastian Wolf/Got it

 
Ab sofort sind die Surfer nur mehr Yellow, Red, Black oder White – die Wertungsrichter schreien über den Ozean die Punkte zu. „Rot, du bist auf Platz drei, du brauchst noch eine 4,36, um auf den zweiten zu kommen“ etwa. Gewertet werden die zwei besten Wellen. Der erste Heat (die erste Runde) fahren Johannes Abraham, der gleich zu Beginn eine schöne Welle hinlegt, der Wiener Surflehrer Fridolin Auer, Christian Seiss, ebenfalls Wiener, und Skilehrer Emanuel Misslinger, der in St. Anton lebt. Abraham gewinnt vor Auer, ersterer wird im Verlauf des Contest immer wieder auffallen.

Sieben Minuten zu verschenken

Holger Hassenpflug zeigt in seinem ersten Heat, dass er zu den Favoriten zählt. Der Über-35-Jährige lebt zwar seit Jahren in Graz, ist aber in Südafrika aufgewachsen, hat also das Surfen von Kindesbeinen an gelernt. Er geht sieben Minuten vor Ende der 20-minütigen Runde raus. Er hat bereits so viele Punkte Abstand zum Zweitplatzierten Stangl, dass er sich die Kraft für die nächste Runde sparen kann.

 

Rainer Jäger am Longboard.
Rainer Jäger am Longboard.Sebastian Wolf/Got it

 

Ebenfalls zu den Favoriten zählen René Schnelzer, der als Surflehrer in Frankreich arbeitet, Musiker Rainer Jäger, der in der Nähe des Austragungsortes lebt und sich beim Contest gleich ein Zahnspitzerl ausschlägt, sowie der Tiroler Philipp Sturies. Er ist von der Algarve gekommen, wo er ein Surf-Guesthouse betreibt. Sturies ist auch beim Longboarden stark, genauso wie Lukas Stangl, der ebenfalls Surflehrer in Portugal ist. Er kommt aus Niederösterreich. In der Kategorie Bodyboard gibt es keine Favoriten, hier ist alles möglich.

Wer radikal fährt, der gewinnt 

Entscheidend für die Punktezahl sind Haltung, Style, Radikalität des Manövers und die Länge auf der Welle. Holger Hassenpflug kann schließlich seine Leistung halten. Beim Finale in der Open Class ist er in der Combo vorne. Was so viel heißt, dass seine Konkurrenten René Schnelzer, Johannes Abraham und Rainer Jäger gleich zwei gute Wellen brauchen, um den Abstand aufzuholen. Bei den Männern beschließt Lukas Stangl im Longboard-Finale mit einer gelb-orangen Hawaii-Speedo im maximal 15 Grad kalten Atlantik zu surfen. Er gewinnt vor Philipp Sturies und Matthias Grasnek (ebenfalls Surflehrer aus Niederösterreich) und muss sich dafür am Strand mit Krämpfen herumschlagen. 

 

Lukas Stangl surft in der Badehose.
Lukas Stangl surft in der Badehose.Sebastian Wolf/Got it

 
Unerwartet dafür sein Sieg beim Bodyboarden. „Was?“, sagt er und lacht laut. Das habe fast mehr Spaß gemacht als das „richtige“ Surfen befinden er und Sturies, der ebenfalls noch nie am Bodyboard gelegen ist, im Überschwang. Ein entspannter Nachmittag geht dann mit der Siegerehrung zu Ende.

 

Die Gewinner der Open-Klasse.
Die Gewinner der Open-Klasse.Sebastian Wolf/Got it


 
Die Ergebnisse:


BODYBOARD:
1. Lukas Stangl
2. Philipp Sturies
3. Matthias Golger


MASTERS
1. Holger Hassenpflug
2. René Schnelzer
3. Philipp Sturies
4. Emanuel Misslinger


LONGBOARD
1. Lukas Stangl
2. Philipp Sturies
3. Matthias Grasnek
4. Rainer Jäger


MEN´S OPEN
1. Holger Hassenpflug
2. René Schnelzer
3. Johannes Abraham
4. Rainer Jäger