Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl

Das Leid der zugewanderten Künstler

(c) Clemens Fabry
  • Drucken

Verschärfungen im Fremdenrecht und Arbeitsverbote bereiten Künstlern Probleme. Aber wenn alles so schwierig ist, wieso zieht es Künstler überhaupt nach Österreich?

Was hat die russische Sopranistin Anna Netrebko, was andere zugewanderte Künstler nicht haben? Eine österreichische Staatsbürgerschaft, die ihr 2006 per Ministerratsbeschluss aufgrund „außerordentlicher Leistungen auf künstlerischem Gebiet“ verliehen wurde.

Der bildende Künstler Dejan Kaludjerovic hat keinen österreichischen Pass: Er muss sich seit 2003, als er aus Serbien nach Wien zog, mit der Fremdenrechtsmaschine herumschlagen. „Als Künstler muss ich reisen, zu Ausstellungen, oder um meine Bilder zu verkaufen. Da ist es schwierig, wenn ich jedes Jahr mein Visum verlängern muss und bis zu zwei Monate Österreich nicht verlassen darf.“ Damit ist er nicht allein. 2009 gingen 685 Aufenthaltsbewilligungen an Künstler – das sind 3,5Prozent aller Aufenthaltstitel.

Österreich profitiert von Künstlern aus aller Welt. Das weiß auch Kulturministerin Claudia Schmied: „Der Blick von außen“ sei wichtig, meinte sie bei der Präsentation des – von einem Amerikaner entworfenen – Österreich-Beitrags für die Architekturbiennale in Venedig. Ein Arbeitspapier der interministeriellen Arbeitsgruppe zum Thema Mobilität in der Kunst betont, dass Internationalität und Mobilität „für die Entwicklung von Kreativität, Innovation und künstlerischer Produktion wesentlich“ seien. Die „jüngsten Verschärfungen des Fremdenrechts“, so heißt es, erschwerten dies „außerordentlich“.

Das war nicht immer so: Zunächst brauchten Künstler keine Bewilligung, um hier zu leben. Dann wurde das Gesetz verschärft – zuletzt 2005. „Quasi über Nacht“, so Rechtsanwältin Doris Einwallner, verloren 1064 Künstler ihre Niederlassungsbewilligungen – und erhielten stattdessen eine Aufenthaltsgenehmigung. Der Unterschied: Eine Niederlassungsbewilligung berechtigt zur dauerhaften Einwanderung – ein Antrag auf Staatsbürgerschaft ist möglich. Eine Aufenthaltsgenehmigung muss jährlich verlängert werden, Einbürgerung ist nicht vorgesehen.

 

Überleben ist schwierig

Dazu kommt, dass zugewanderte Künstler ihren Unterhalt nur durch ihre Kunst verdienen dürfen. Das klingt einfacher als es ist: Gerhard Wohlfahrt und Susanne Schelepa von L&R Social Research/Universität Graz haben in ihrer Studie zur sozialen Lage von Künstlern berechnet, dass der mittlere Verdienst aus künstlerischer Tätigkeit bei 4500 Euro jährlich liegt. Davon zu überleben ist unmöglich. Daher sind 80 Prozent aller Künstler außerhalb ihres Berufs beschäftigt. So kommen sie auf rund 1000 Euro monatlich. Wohlgemerkt: Die Studie befasst sich nicht gesondert mit Künstlern aus Drittstaaten, die gar nicht nebenher jobben dürfen. Für sie dürfte es noch schwieriger sein.

Kulturveranstalter wie die Wiener Festwochen oder KulturKontakt Austria könnten ohne zugereiste Künstler nicht überleben. Aber die Visabeschaffung ist teuer, umständlich und zeitaufwendig. Mit der Realität der Kunstwelt habe sie jedenfalls nichts zu tun, so Daniela Koweindl, Sprecherin der IG Bildende. Ihr Beispiel: Eine Künstlerin aus Südafrika, die in Irland (EU, aber nicht Schengenland) auf Tournee ist und ein Angebot aus Österreich bekommt, muss für den Visumsantrag erst nach Südafrika zurückfliegen, dort bei der Botschaft persönlich vorsprechen, bevor sie – falls sie das Visum erhält – weiter nach Österreich darf.

Aber wenn alles so schwierig ist, wieso zieht es Künstler überhaupt nach Österreich? Neben persönlichen spielten für Kaludjerovic auch berufliche Gründe eine Rolle. Die Kunstszene sei besser reguliert als in Serbien. Auch das Förderungswesen gehört für ihn zu den Vorteilen: „Es macht keinen Unterschied, woher ich komme. Ich habe sowohl vom Bund als auch von der Stadt Wien schon Zuschüsse erhalten.“

 

Klischees bringen Förderung

Davon träumt der kongolesische Musiker Prince Zeka Kangela bis heute. Obwohl er einen österreichischen Pass und ein paar rechtliche Sorgen weniger hat, fühlt er sich oft benachteiligt. Der Grund: „Meine Musik passt nicht in das Klischee afrikanischer Musik. Aber gefördert wird nur traditionelle Musik – möglichst mit vielen Trommeln.“

Das Phänomen der „Folklorisierung“ sei verbreitet, kritisiert die bulgarische Kulturschaffende Radostina Patulova. Für „Multikulti-Kunst“ werde Geld ausgegeben, Künstler in die ewige Rolle des „anderen“ gedrängt. Kaludjerovic sagt dazu: „Ich will kein ,Balkankünstler‘ sein. Aber es ist egal, wie sehr du vor diesem Label davonläufst – es wird immer da sein.“

Kunst aber müsse, so Kaludjerovic, dieses Verhältnis innen-außen, wir-sie, Inländer-Ausländer hinterfragen. Genau das versucht sein Projekt „Europoly“ – eine überdimensionale Spielinstallation im Rahmen der Festwochen Wien. Zuseher spielen um Aufenthaltstitel, Pässe und Deutschkurse. „Sie erfahren das Leben von Einwanderern“, sagt Kaludjerovic. „So können sie über ihre eigenen Vorurteile nachdenken.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.06.2010)

Mehr erfahren