Kolumne zum Tag

Unangemeldeter Besuch

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Völlig unerwartet klingelt es, und vor meiner Tür steht ein Uraltfreund aus der Vorarlberger Heimat.

Völlig unerwartet klingelt es, und vor meiner Tür steht ein Uraltfreund aus der Vorarlberger Heimat. Er sagt, er war in der Gegend und wollte einmal Hallo sagen, wo ich denn die ganze Zeit stecken würde und überhaupt, was ich denn da anhätte, ob das Goofy sei auf meinem Pulli. Ich sage, er soll halt reinkommen und einen Kaffee trinken, und warum er nicht vorher anrufe und ja, dass es sich sich um Goofy handle, wo denn das Problem sei. Er meint, in meiner Wohnung sehe es aus, als hätten die Punischen Kriege hier stattgefunden, und zwar alle drei, so antworte ich mit angemessener Liebenswürdigkeit: „Wo sind eigentlich deine Haare abgeblieben?” Wir essen einen Kübel Eis, uns wird ein bisschen schlecht, also therapieren wir uns mit Dosenbier. Das waren noch Zeiten, als man sich unangemeldet besucht hat, nostalgiere ich herum und er sagt, er wolle das jetzt öfter machen, so sei das Leben einfach authentischer. Als er unlängst bei unserem Freund W. klingelte, habe seine Steuerberaterin die Tür aufgemacht, jedenfalls habe sie sich so vorgestellt, aber recht finanziell sei die Atmosphäre nicht gewesen, in die er da hineingeplatzt ist. „Deswegen kannst du das nicht mehr machen“, sage ich ihm. „Seit wann eigentlich?” Ich weiß es nicht.

Wir sind mit offenen Türen in der WhatsApp-Vorzeit aufgewachsen, überhaupt ist unangekündigter Besuch olympische Disziplin bei türkeistämmigen Familien. Ständig stand jemand vor der Haustür, irgendwelche Nachbarn wollten immer tratschen, und in meinen Erinnerungen habe ich niemals nicht einen fürchterlichen Pyjama an. Ich komme zu dem Schluss: „Wir haben jetzt den Luxus, unsere Privatsphäre privat zu halten.” Selbst bei guten Freunden will man doch die Wohnung so präsentieren, dass die Gäste nicht gleich an das 2. Jahrhundert vor Christus denken müssen. Man will etwas zum Essen vorbereiten, ein Getränk mixen oder Limo selbst machen (habe ich zwar nie gemacht, aber im Fernsehen ist's so). Andererseits ist den guten Freunden doch egal, ob du gestaubsaugt hast. Sie wollen einfach mit dir Pizza essen.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2019)