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Luftfahrt

Boeings Unglücksflieger bleibt noch lange am Boden

FILE PHOTO: An aerial photo shows Boeing 737 MAX aircraft at Boeing facilities at the Grant County International Airport in Moses Lake
REUTERS

Für den US-Flugzeugbauer wird es bald Ernst, wenn die Behörden ihren Sicherheitsbericht vorlegen. Vor Februar 2020 ist nach neuestem Stand an einen Neustart der 737 MAX nicht zu denken.

Für den US-Flugzeugbauer Boeing, der nach dem Absturz von zwei Maschinen des neuen Typs 737 MAX mit 346 Toten wegen mutmaßlicher Sicherheitsmängel und fehlerhafter Software massiv unter Druck geraten ist,wird es in den nächsten Wochen Ernst. Neun Luftfahrtregulierungsbehörden weltweit sollen demnächst ihren gemeinsamen Bericht über Sicherheitsverbesserungen beim Unglücksflieger 737 MAX veröffentlichen. Er gilt als Richtungsentscheid darüber, ob und wann die 737 MAX wieder fliegen kann. Denn nach den Katastrophen wurde ein weltweites Flugverbot verhängt.

War bisher bei Boeing von Jahresende die Rede, so geht die US-Pilotenvereinigung SWAPA jetzt erst vom „Zeitraum Februar“ aus. Die US-Fluglinien Southwest, United und American Airlines schätzen, dass ihre /§/-MAX.Flotte schon Ende Jänner abheben kann. Ein wichtiger Schritt dort - ein Zertifizierungstestflug von Boeing - ist für Anfang November vorgesehen.

Kosten von 6,6 Mrd. Dollar

Der Airbus-Rivale Boeing hat durch die nach wie vor nicht ganz geklären Umstände der Abstürze nicht nur schwer an Image eingebüßt. Er ist auch ökonomisch massiv angeschlagen. Der Konzern veranschlagt bisher die Kosten des Debakels auf 6,6 Mrd. Dollar. Im zweiten Quartal gab es wegen der Sonderbelastungen einen Verlust von 2,9 Mrd. Dollar. Das dürfte noch nicht alles sein. Denn im vergangenen Jahr hatte Boeing in den ersten neun Monaten über 407 Flugzeuge der umsatzstarken 737-Serie verkauft. Heuer waren es gerade einmal 118 und damit 70 Prozent weniger. Eine einzige 737 MAX wurde seit der zwangsweisen Stilllegung neu bestellt. Insgesmt lieferte Boeing in den ersten drei Quartalen 302 Flugzeuge aus, Airbus hingegen 571.

Kosten entstehen Boeing aber auch aus Schadenersatzklagen. So etwa hat die Pilotengewerkschaft von Southwest eine Klage eingereicht, weil Boeing die Piloten über die Flugtauglichkeit der 737 MAX falsch informiert habe. Durch das Flugverbot seien ihnen Einnahmen von rund 100 Mio. Dollar entgangen. Dazu kommen etliche Klagen von Angehörigen der Absturzopfer und Schadenersatzforderungen von Fluglinien.

Zudem wird das Modell weiter produziert, aktuell 42 Stück pro Monat, die alle auf Halde wandern. Die Maschinen müssen dennoch gewartet werden - auch das kostet Geld.  

Konzernchef muss Doppelrolle aufgeben

Das Unternehmen übt sich zwar in Gelassenheit, hinter vorgehaltener Hand brodelt es aber bei dem Airbus-Konkurrenten. Von Personalkürzungen ist bisher nicht die Rede. Die würden den Bundesstaat Washington am härtesten treffen. Boeing ist dort der größte Arbeitgeber, dazu kommen noch die vielen Jobs bei den Zulieferern.   

Konzernchef Dennis Muilenburg musste aber vor wenigen Tagen seine Doppelrolle (Chairman und CEO) aufgeben und den Vorsitz des Verwaltungsrats abgeben. 

Im Fokus der Untersuchungen steht das Softwaresystem MCAS, das für die Flugzeugabstürze in Indonesien und Äthiopien verantwortlich gemacht wird. Das Syst4em soll unkontrollierte Sinkflüge ausgelöst haben.   Die US-Flugaufsichtsbehörde FAA hat bis dato die Softwareänderungsvorschläge von Boeing erhalten und evaluiert. Wie der genaue Stand dazu im Detail aussieht, ist aber vorerst noch offen. Wichtiger ist jedoch der Bericht des Joint-Authorities-Technical-Review-Konsortiums (JATR) - eines Konsortiums aus neun unterschiedlichen Luftfahrtregulierungsbehörden weltweit, das hinsichtlich 737 MAX zu einem gemeinsamen Schluss kommen muss.

Bei Sicherheit gespart?

Der JATR-Report wird auch die amerikanische FAA unter Beschuss nehmen, so viel ist sicher. Denn durch den Skandal geriet ihr Naheverhältnis zu der US-Flugzeugschmiede ins Rampenlicht. So wurden unter anderem Vorwürfe laut, dass die FAA bei den Sicherheitstests der 737 MAX im Jahr 2014 Ausnahmegenehmigungen erteilt habe. Boeing musste demnach damals nicht alle gesetzlichen Sicherheitsstandards einhalten. Zudem meldete sich zuletzt ein Boeing-Ingenieur zu Wort, der Vorwürfe gegen das Management aufkommen ließ. Auf wesentliche Sicherheitsupgrades der 737 MAX soll aus Kostengründen verzichtet worden sein.

Neben dem internationalen Konsortium führen auch die nationalen Luftfahrtkontrollbehörden, darunter die europäische EASA und die chinesische CAAC, unabhängige Zertifizierungen für das ehemalige Bestsellerflugzeug durch. Das heißt aber auch, dass sich die Auslieferung in die jeweiligen Länder möglicherweise weiter verzögern könnte.