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Gastkommentar

Tag der Wiener Schulen: Selten wird das Schlagwort „Parallelgesellschaft“ so greifbar

Einschulungskorridor: Gut fuer die Kinder, schwierig fuer die Kitas
APA/dpa/Karl-Josef Hildenbrand

„Kommen Sie doch herein": Notizen zum Tag der Schulen.

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Letzte Woche war der Tag der Wiener Schulen. Nach vielen Schulentscheidungen, die wir schon getroffen haben, ist jetzt die Jüngste an der Reihe.

Wir haben gesagt: Die Volksschule ums Eck soll es sein, öffentlich, freundlich und ambitioniert. Bei den ganz nahen Schulen im Grätzel gibt es zwei Geschichten, die alle mündlich bestätigen, die dort wohnen: Die eine Schule ist großartig, alternativ und bietet klassenübergreifendes Lernen. Die anderen beiden Schulen: Gehen gar nicht.

Schule eins am Tag der Wiener Schulen: Um 8.30 Uhr ist die Schule bummvoll mit Eltern, die alle so ausschauen wie wir: weiß, bildungsaffin und vielfältig engagiert. Wir gehen durch die Schule – alles ist so wie versprochen: ansprechend, freundlich, fein, aber platzt aus allen Nähten, weil in Wirklichkeit viel zu viele Kinder in genau diese Schule wollen. Wegen des hohen Elternaufkommens gibt es für alle einen kurzen Vortrag, die Bitte, selbstständig in die Klassen zu schauen, keine Fragen an die Lehrer zu stellen – erst am Ende in angekündigten Reflexionsrunden.

 

Mehr Platz, mehr Luft

Und dann gehen wir in die anderen beiden Schulen. Um zehn Uhr sind wir so ziemlich die einzigen Eltern im Gebäude. Wir werden aufs Herzlichste begrüßt von der Direktorin, allen Lehrern und Lehrerinnen, die uns begegnen, dem Bewegungscoach – und viele Kinder winken aus der Klasse heraus. „Kommen Sie doch herein!“ Diesen Satz hören wir gefühlt zwanzig Mal. Beide Schulen wirken räumlich besser ausgestattet: mehr Platz, mehr Luft, mehr Räume, ein moderner Zubau.

In der Sekunde befinden wir uns in einem persönlichen Gespräch mit der Direktorin: „Die meisten ,Bobos‘ schauen sich unsere Schule gar nicht an, ein paar kommen und sind interessiert und trauen sich aber dann doch nicht zu uns. Wir haben einen schlechten Ruf – den werden wir nicht mehr los.“

Alles, was wir in dieser Schule sehen, ist ansprechend, liebevoll und sehr engagiert. Wir setzen uns in eine Klasse und hören zu, wie die Lehrerin einerseits Lesen unterrichtet, gleichzeitig von der Tragezeit der Eisbären spricht und die Frage beantwortet, ob sie glaubt, dass Tiere weinen können und traurig sind. Die Kinder hören aufmerksam zu, zeigen auf, lesen und diskutieren mit. Anteil der Kinder mit Migrationsgeschichte: ziemlich sicher über 90 Prozent.

 

Nachvollziehbares Unbehagen

Die Erfahrungen am Tag der Wiener Schulen beschäftigen uns sehr. Wie kann das sein, in einem Grätzel? Warum gibt es keine Aufteilung, keine Quoten und keine vorgegebene Durchmischung? Weder die eine noch die andere Schule bildet die Stadt, in der wir leben, vollständig ab.

„Weil die Eltern sonst Sturm laufen würden“, sagen manche. Die Sorge darum, dass das eigene Kind einen guten Platz im Bildungssystem bekommt, ist zutiefst verständlich. Wir wollen, dass unsere Kinder gut lesen, schreiben und rechnen lernen. Wir wollen, dass sie sich in der Welt zurechtfinden, wir wünschen uns, dass sie selbstbestimmte Kinder werden und die Lust am Lernen nicht verlieren. Das Unbehagen, dass das in einer Klasse, in der kaum ein Kind Deutsch als Muttersprache hat, nicht gelingen kann, ist nachvollziehbar.

Ausweichen ist leicht, weil es viele Möglichkeiten dazwischen gibt: katholische Schulen mit Öffentlichkeitsrecht, private Schulen, eltern- und selbstverwaltete Schulen, und auch die eine öffentliche Schule mit dem guten Ruf gibt es fast immer. Ein guter Ruf, der in Wirklichkeit darin besteht, dass die, die dort sind, ein bisschen so sind wie wir.

Das Schlagwort der Parallelgesellschaft ist omnipräsent in der öffentlichen Debatte. Für die öffentlichen Schulen (und auch die, die öffentlich finanziertes Lehrpersonal haben) jedoch sollten wir dafür sorgen, dass sie die Gesellschaft, in der wir leben, möglichst gut abbilden. Wir sollten für Ausgewogenheit und ja, eine Quote sorgen. In der Schule sollte soziales Lernen mit genau denen passieren, mit denen wir im Alltag dieser Stadt zusammenleben.

„Die Kinder sind nie das Problem“, diesen Satz haben wir von Lehrern und Lehrerinnen sehr oft gehört an diesem Tag der offenen Tür. Die Kinder lernen miteinander und voneinander. Es sind in der Regel die Eltern, die nicht das Vertrauen haben (können), dass ihr Kind in der Schule ums Eck genauso gut gefördert wird, und deshalb nach oft teuren Alternativen suchen. Die zitierte Parallelgesellschaft ist also keine, bei der man nur „dem System“ die Verantwortung geben kann. Die Parallelgesellschaft ist genauso in unseren Köpfen – es sind auch unsere eigenen Vorurteile und Ängste.

 

Festgefahrene Bilder drehen

Wir haben uns jedenfalls schon klar für die Schule entschieden, die nicht den besten Ruf genießt. Wir vertrauen auf unser Gefühl und sind davon überzeugt, dass wir einen guten Ort für unsere Tochter gefunden haben, wo sie weit mehr als lesen, rechnen und schreiben lernen wird.

Wir werden beginnen, die guten Geschichten in Umlauf zu bringen und zu verstärken. Wir wollen die festgefahrenen Bilder ein bisschen drehen. Wir werden mit den Eltern reden, die sich vielleicht auch gern „trauen“ würden. Kommen Sie doch herein.

Die Autorin

Judith Pühringer ist Mutter von zwei Töchtern (fünf und 18 Jahre), im Patchwork gibt es insgesamt fünf Töchter. Sie selbst ist in Wien geboren und in eine katholische Privatschule gegangen. Sie ist Expertin für Arbeitsmarktpolitik bei Arbeit Plus und in der Armutskonferenz engagiert.

E-Mails an: debatte@diepresse.com

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2019)