Gastbeitrag

Facebooks Pläne für eine Währung der Konzerne

(c) Peter Kufner

Facebook will nun auch eine neue digitale Währung einführen. Aber welche Probleme sollen damit eigentlich gelöst werden?

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Facebook macht ernst: Seit der Ankündigung, eine neue globale digitale Währung einführen zu wollen, gehen die Wogen in Politik und Finanzwelt hoch. Nicht ohne Grund verweist das Unternehmen mit dem Namen „Libra“ zurück auf Rom mit seiner Gewichtseinheit „Libra“ – und damit auf einen sehr weit gespannten historischen Zusammenhang: der Digitale Tsunami macht nun also auch vor Währungssystemen nicht halt.

Wohin die Reise gehen könnte, kann man heute schon in China besichtigen. Wer dort Einkäufe, Restaurantbesuche oder die Taxifahrt noch mit Bargeld oder Kreditkarte bezahlt, ist digitaler Analphabet. Stattdessen nutzen mehr als eine Milliarde Zeitgenossen WeChat Pay und Alipay als mobile Zahlungsmethoden. So kontrollieren die beiden gigantischen Tech-Konzerne Tencent und Alibaba mittlerweile über 90% des chinesischen mobilen Zahlungsmarkts mit einem jährlichen Transaktionsvolumen von mehr als 40 Billionen USD und über 60 Milliarden Finanztransaktionen in Fiat-Währungen wie dem chinesischen Yuan [1].

Der westlichen Welt bleibt angesichts dieser Aufholjagd im Bereich Finanztechnologie nur ungläubiges Staunen, trotz Bitcoin & Co. mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 200 Milliarden USD [2] und der dadurch geschaffenen Möglichkeit, auch Vermögenswerte außerhalb von Fiat-Währungen abzubilden. Höchste Zeit also, dachte sich ein breit aufgestelltes Konsortium aus Finanz- und Tech-Konzernen mit mehreren Milliarden Nutzern, ein globales Zahlungssystem und gleichzeitig eine globale, rein digitale Währung einzuführen.

Doch dabei stellt sich eine simple Frage: Welche Probleme sollen durch Libra eigentlich gelöst werden?

Werfen wir hierzu einen etwas detaillierteren Blick auf die ursprüngliche Idee und die bisherigen Entwicklungen rund um Bitcoin. Bitcoin geht zurück auf die Vision eines bis heute unbekannten Akteurs, der unter dem Pseudonym Satoshi Nakamoto ein neues Geld- bzw. Währungssystem konzipierte, das direkte elektronische Zahlungen ermöglichen sollte, ohne dabei auf die Dienste etablierter Finanzinstitutionen wie Banken, Zahlungsdienstleister oder Zentralbanken vertrauen zu müssen [3]. Die durchaus berechtigten Erwartungen an eine kostengünstigere und effizientere globale Infrastruktur für Finanztransaktionen waren hoch und wurden durch exorbitante Kurssprünge und den Glauben an die darunterliegende Blockchain-Technologie als Lösung für alle möglichen ungelösten (und vielleicht auch gar nicht lösbaren) IKT Probleme noch weiter befeuert. Effizienz, Dezentralität und “programmiertes Vertrauen” gegenüber unbekannten Dritten gelten bis heute als Hauptargumente für den Einsatz von Blockchains. Libra als Anwendungsfall verspricht schnelle und einfache Zahlungsströme, über Grenzen hinweg, ohne sperrige und teure Intermediäre wie Banken oder Zentralbanken. Libra will auch Zahlungsmittel und nicht Spekulationsobjekt sein; Kurssprünge sollen durch eine „Spiegelung“ der Währung in einem Korb von Fiat-Währungen und realen Vermögenswerten vermieden werden.

Zehn Jahre nach Nakamotos Text können wir einzelne Bausteine der ursprünglichen Bitcoin-Vision etwas besser in die Realität einordnen. Wir wissen, dass die meisten Kryptowährungen nicht anonym sind, sondern bestenfalls als pseudonym einzustufen wären [4]. Außerdem bleiben Kryptowährungen nicht vor den digitaltypischen Zentralisierungsprozessen verschont, wie wir sie schon von Online-Handel, Videostreaming oder der Social Media-Landschaft kennen; insbesondere werden zentrale Funktionen wie die Schaffung neuer Währungseinheiten oder der Wechsel zwischen Fiat- und Kryptowährungen bereits heute von nur wenigen Akteuren kontrolliert [5].

Aber auch die technische Basis von Kryptowährungen ist in Teilen viel weniger ausgereift als weithin suggeriert. So scheitert etwa der Einsatz der Blockchain-Technologie in verteilten Umgebungen in der Praxis an ganz grundlegenden technischen und konzeptionellen Problemen. Die Bitcoin-Blockchain könnte mit ca. 10 möglichen Transaktionen pro Sekunde niemals an die globale Transaktionskapazität von VISA mit mehr als 60.000 Transaktionen pro Sekunde auch nur heranreichen [6]. Selbst die Lösung des Vertrauensproblems ist nicht so trivial wie oft proklamiert: sobald nämlich nicht rein virtuelle Güter oder Werte abgebildet und transferiert werden, braucht man unweigerlich wieder eine vertrauenswürdige Schnittstelle zwischen virtueller und realer Welt – das Vertrauensproblem wird also nicht gelöst, sondern lediglich zu neuen Intermediären verschoben.

Bitcoin hat sein ursprüngliches Ziel verfehlt

Außerdem lässt sich mittlerweile mit einiger Sicherheit behaupten, dass Bitcoin sein ursprüngliches Ziel, nämlich direkte Zahlungen zu ermöglichen, klar verfehlt hat. Eine Studie der kanadischen Nationalbank [7] zeigt, dass zumindest dort Bitcoins hauptsächlich für Investment- bzw. Spekulationszwecke gehalten werden (in anderen Ländern dürfte das ähnlich aussehen). Auch den fahlen Beigeschmack, gerne auch für nicht so ganz legale Zwecke verwendet zu werden, konnten Kryptowährungen noch nicht abschütteln. Aktuellen Schätzungen zufolge belaufen sich die direkten Kosten krimineller Aktivitäten mit Kryptowährungs-Bezug bisher auf ca. 2 Mrd. USD [8]. Und schließlich ist da noch die Sache mit dem exorbitanten Energieverbrauch, da das Bitcoin-System derzeit genausoviel verbraucht wie – Achtung! – ganz Österreich [9]. Im Zuge der aktuellen Debatte zum Klimawandel muss uns auch dieser Aspekt zu denken geben.

Wie kann Libra nun vor diesem Hintergrund eine globales Zahlungssystem und gleichzeitig eine globale, rein digitale Währung einführen, ohne dabei auf dieselben Probleme wie Bitcoin zu stoßen? Im ersten Schritt relativ einfach: durch Zentralisierung. Zunächst ist nämlich daran gedacht, nur Mitglieder der „Libra Association“ am Transaktionsnetzwerk teilnehmen zu lassen, die per se als vertrauenswürdig gelten können. Außerdem können durch den Einsatz einer dezentralen Datenbank zumindest 1.000 Transaktionen pro Sekunde verarbeitet werden, ohne dabei auf rechen- und energieintensive Algorithmen wie in Bitcoin zurückgreifen zu müssen [10]. Längerfristig plant Libra dann zwar eine Öffnung für andere Teilnehmer; wie dies jedoch realisiert werden kann, ohne sich dabei die Probleme von Bitcoin einzufangen, darüber lässt sich nur spekulieren. Bis dahin ist Libra schlichtweg die Währung eines bzw. mehrere großer, globaler Konzerne.

Durch diese Zentralisierung entstehen aber natürlich sofort neue Probleme, vor allem im Datenschutz und durch die erneut zu befürchtende Schaffung weiterer marktbeherrschender Stellungen. Wenn die Transaktionen in der Regel personenbezogen sind, dann fallen sie zwar in den Anwendungsbereich datenschutzrechtlicher Normen, in Europa insbesondere der DSGVO, mit denen datenschutzrechtliche Fundamentalprinzipien wie Datenvermeidung, Zweckbindungsgrundsatz und Erfordernis einer Rechtsgrundlage verbunden sind. Diese sind jedoch nur schwer durchzusetzen, wenn es an dem zentralen Anknüpfungspunkt datenschutzrechtlicher Pflichten, dem datenschutzrechtlich Verantwortlichen, fehlt, weil schlichtweg nicht klar ist, wer über Zwecke und Mittel des Libra-Einsatzes entscheidet. An wen sollte sich der Betroffene denn wenden – an Facebook, Libra, den Zahlungsempfänger, die Bank, die in Fiat-Währungseinheiten wechselt, oder gleich an alle zusammen?

Gleichzeitig erleben wir mit Libra einen weiteren Schritt der Wertsteigerung von Nutzerdaten durch Verknüpfung. Kommt zu all dem, was Facebook ohnehin über uns weiß, noch das exakte Wissen hinzu, wie wir alles, was wir tun, bezahlen, wird das den Wert der Nutzerdaten für das Unternehmen – nicht aber für die Nutzer – noch weiter erheblich steigern. Das stößt auf nicht geringen Widerstand – insbesondere aus Kreisen der europäischen Währungspolitik.

Wo wird diese Reise enden? Mit welchen Währungen werden unsere Kinder in Zukunft bezahlen? Kann und soll man Währungen wie Libra schlicht verbieten? Oder war der Ausstieg von PayPal aus dem Libra-Konsortium letzte Woche schon der Anfang vom Ende?

[1] https://www.caixinglobal.com/2019-03-22/chart-of-the-day-chinas-mobile-payment-transaction-volume-hits-4151-trillion-in-2018-101395789.html

[2] https://coinmarketcap.com/all/views/all/

[3] https://bitcoin.org/bitcoin.pdf

[4] https://cseweb.ucsd.edu/~smeiklejohn/files/imc13.pdf

[5] Romiti, M., Judmayer, A., Zamyatin, A., & Haslhofer, B. (2019). A deep dive into bitcoin mining pools: An empirical analysis of mining shares. 18th annual workshop on the economics of information security (WEIS 2019).

[6] Gudgeon, L., Moreno-Sanchez, P., Roos, S., McCorry, P., & Gervais, A. (2019). SoK: Off The Chain Transactions. IACR Cryptology ePrint Archive, 2019, 360.

[7] https://www.bankofcanada.ca/wp-content/uploads/2018/07/san2018-23.pdf

[8] Anderson, R., Barton, C., et al. (2019). Measuring the Changing Cost of Cybercrime. WEIS 2019: Workshop on the Economics of Information Security. Verfügbar unter: https://weis2019.econinfosec.org/wp-content/uploads/sites/6/2019/05/WEIS_2019_paper_25.pdf

[9] https://digiconomist.net/bitcoin-energy-consumption

[10] https://developers.libra.org/docs/assets/papers/the-libra-blockchain.pdf

 

Die Autoren

Univ.-Prof. Dr. Nikolaus Forgó, University of Vienna, Department of Innovation and Digitalisation in Law
Dr. Bernhard Haslhofer, AIT Austrian Institute of Technology, Center for Digital Safety and Security
Univ.-Prof. Dr. Peter Reichl, University of Vienna, Research Group Cooperative Systems, Faculty of Computer Science

Termin: Am Mittwoch, den 16.10. findet dazu die Podiumsdiskussion „From Crypto- to Corporate Currencies“ statt. Uni Wien, Fakultät für Business, Economics and Statistics, Skylounge (12. Stock), Oskar-Morgenstern-Platz 1. Es gibt noch Restplätze. Weitere Details zur Veranstaltung und zur Anmeldung: https://id.univie.ac.at/news-und-events/detailansicht-news-und-events/news/panel-discussion-from-crypto-to-corporate-currencies/?tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&cHash=0f4867dd97b490b9aa8e5bf20278c406

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2019)