Weltwirtschaft

IWF: Dunkle Wolken, aber kein Regen

Deutschland solle mehr investieren, sagt IWF-Chefökonomin Gita Gopinath.
Deutschland solle mehr investieren, sagt IWF-Chefökonomin Gita Gopinath.(c) Hindustan Times via Getty Images (Mint)

Der IWF kürzt erneut seine Wachstumsprognose – auf das niedrigste Niveau seit der Finanzkrise. Eine großflächige Rezession erwartet er nicht. 2020 soll es wieder besser werden.

Wien. Eine wirkliche Überraschung war es nicht, als der Internationale Währungsfonds (IWF) am Dienstagnachmittag, anlässlich aktualisierten Weltwirtschaftsausblicks (World Economic Outlook), neuerlich die Prognose senkte. So erklärte IWF-Chefin Kristalina Georgieva bereits unlängst, dass sich der „synchrone Abschwung“ weltweit ausbreiten werde, „Die Presse“ berichtete. Konkret reduzierte der Fonds seine Prognose für das globale Wachstum in diesem Jahr auf drei Prozent, ein Minus von 0,3 Prozent gegenüber dem Frühjahr. „Die globale Wirtschaft ist in einer Abschwächung. Drei Prozent Wachstum ist der niedrigste Wert seit der Finanzkrise“, sagte Gita Gopinath, die Chefökonomin des IWF, bei der Präsentation des Outlooks in Washington.

Allerdings ist die Situation deutlich weniger drastisch als vor zehn Jahren. Damals ging das weltweite Wachstum auf null Prozent zurück, dem Plus von 3,1 Prozent der Schwellen und Entwicklungsländer stand ein Minus von 3,4 Prozent in den Industrieländern gegenüber. Heuer erwartet der IWF für die Industrieländer immer noch ein Wachstum von 1,7 Prozent, die Schwellen- und Entwicklungsländer sollen um 3,9 Prozent zulegen. „Wenn das globale Wachstum unter 2,5 Prozent liegt, bedeutet das, dass viele Länder bereits in einer Rezession sind. Ein solches Szenario erwarten wir allerdings nicht“, so Gopinath.

Zudem soll es 2020 auch bereits wieder leicht bergauf gehen. Die globale Wirtschaft soll laut den Berechnungen des Währungsfonds demnach um 3,4 Prozent zulegen. Dieser Wert liegt aber ebenfalls um 0,2 Prozent unter der Prognose des Frühjahres. „Und es ist eine sehr fragile Erholung“, so Gopinath, die zum Teil auch auf Erholungstendenzen in jenen Ländern beruht, die heuer aufgrund besonderer Umstände überdurchschnittlich negativ betroffen waren. Konkret nennt die Chefökonomin des IWF dabei Argentinien, Iran, die Türkei oder Venezuela.

 

Handelskrieg kostet Wachstum

An der allgemeinen Schwäche sei hingegen vor allem der globale Handelskrieg schuld. So koste allein der Kampf zwischen China und den USA der Weltwirtschaft heuer ein Plus von 0,8 Prozent. Hinzu kommen Langfrist-Effekte wie eine alternde Bevölkerung in den Industriestaaten und der damit verbundene Rückgang der Produktivität in diesen Ländern.

Um die globale Konjunktur wieder mit mehr Dampf zu versehen, müssten die neu aufgestellten Handelsbarrieren so schnell wie möglich wieder beseitigt werden, so der Aufruf des Währungsfonds an die Politik. Die Zeit sei ein dabei nicht zu unterschätzender Faktor, weil Zölle und andere Hemmnisse zu Veränderungen bei den Wertschöpfungsketten führen.

Angesprochen auf die jüngste Einigung zwischen den USA und China, erklärt Gopinath: „Wir begrüßen jeden Schritt, der die Spannungen reduziert. Die konkreten Auswirkungen des Deals können wir aber erst beurteilen, wenn die Details vorliegen.“ Sollten die ursprünglich für Oktober und Dezember dieses Jahres geplanten Zollverschärfungen in den USA nicht kommen, würde der negative Effekt auf die Weltwirtschaft um 0,2 Prozentpunkte sinken.

Für Österreich erwartet der Währungsfonds nun ebenfalls ein schwächeres Wachstum. Die Prognose für 2019 wurde auf 1,6 Prozent gesenkt, jene für das kommende Jahr liegt nun bei 1,7 Prozent. Damit sind die Experten in Washington sogar ein wenig optimistischer als die heimischen Ökonomen von Wifo und IHS. Diese erwarten laut der jüngsten Konjunkturprognose für heuer zwar in etwa ein Wachstum auf dem Niveau der IWF-Prognose, für 2020 jedoch lediglich 1,3 bis 1,4 Prozent.

Lob kommt vom IWF für die geldpolitische Lockerung der Zentralbanken. Diese sei wichtig und habe ein halbes Prozent des Wachstums gerettet. Die Politik dürfe sich aber nicht allein darauf verlassen. Länder mit fiskalpolitischem Spielraum – namentlich Deutschland – sollten auch wieder mehr investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln, so Gopinath.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2019)

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