System-Kritik

Kriechmayr kritisiert FIS: "Athleten haben nichts zu sagen"

Vincent Kriechmayr
Vincent KriechmayrAPA/AFP/FABRICE COFFRINI

Vincent Kriechmayr fühlt sich wie seine Speedkollegen auch im diesjährigen Weltcupwinter im Nachteil gegenüber den Technikern. Nicht nur deshalb wünscht er sich eine eigene Fahrergewerkschaft.

Wien. Nach dem Rücktritt von Seriensieger Marcel Hirscher ist der Kampf um den Gesamtweltcup neu eröffnet, so der Tenor vor dem Saisonstart am kommenden Wochenende in Sölden. Aus Sicht der Speedfahrer stimmt das nicht ganz. „Ich glaube eher, die beiden Techniker, die die letzten Jahre hinter dem Marcel waren, sind wesentlich froher als wir“, sagte Vincent Kriechmayr mit Blick auf Alexis Pinturault und Henrik Kristoffersen. Der Oberösterreicher sieht sich und seine Kollegen in Abfahrt und Super-G angesichts des Programms vom Ski-Weltverband (FIS) einmal mehr im Nachteil: 24 Technikrennen (inklusive Parallelevents) stehen lediglich 19 Speedbewerbe gegenüber.

Seit dem Schweizer Carlo Janka 2010 hat kein Speedfahrer mehr die große Kristallkugel zu Saisonende gestemmt – und die Durststrecke dürfte noch weiter andauern. Denn obwohl etwa Dominik Paris in der vergangenen Saison ab Bormio sieben von neun schnellen Bewerben gewann, musste sich der Südtiroler in der Endabrechnung des Gesamtweltcups gleich drei Technikspezialisten geschlagen geben. Die Rechnung des Punkteschnitts aber zeigt ein anderes Bild: Hinter Hirscher, der pro Start knapp über 70 Punkte sammelte und damit klar außer Reichweite war, hatte Paris mit fast 56 Zählern pro Rennen die bessere Ausbeute als der heuer ausschließlich in den technischen Disziplinen angetretene Kristoffersen (47) sowie Allrounder Pinturault (44), der auch in drei Super-G anschrieb.

Neuen Ideen Raum geben

Zumindest in der Kombination wurde die Gewichtung zugunsten der Speedfahrer verschoben, indem die Schnellsten heuer mit niedrigen Startnummern im Slalom belohnt werden. „Wesentlich fairer“ findet das Kriechmayr, selbst regelmäßiger Kombi-Starter. Der 28-Jährige hätte aber einen noch radikaleren Schritt befürwortet: „Ich war immer Fan der Kombi, aber trotzdem hätte ich mir gewünscht, dass sie verschwindet und dadurch mehr Speedrennen in den Kalender kommen.“ Der zweimalige WM-Medaillengewinner plädiert für eine gleiche Rennverteilung unter den vier Kerndisziplinen und eine Klassiker-Serie nach dem Vorbild der Vierschanzentournee. „Man könnte Wengen, Kitzbühel und Garmisch zusammenfassen und ein bisschen Preisgeld reinschmeißen.“

Die FIS aber verschließe bei alternativen Ideen Augen und Ohren, beklagte Kriechmayr: „Das Problem ist, dass wir Athleten bei der FIS gar nichts zu sagen haben, und deswegen ändert sich nichts.“ Schon vor zwei Jahren hätten die Abfahrer zahlreiche Vorschläge gemacht. „Jeder war der Meinung, dass wir damit unseren Sport erstens sicherer und zweitens interessanter machen können“, sagte Kriechmayr. Das Ergebnis: „Es ist so ziemlich alles von der FIS abgeschmettert worden.“
Ähnlich ernüchternde Erfahrungen hat auch Hannes Reichelt in seiner langjährigen Funktion als Athletensprecher gemacht. „Das Verhältnis Speed/Technik passt nach wie vor nicht“, meinte der 39-Jährige, der das Amt dieses Frühjahr zurücklegte. „Ich habe mich relativ forsch dagegen aufgelehnt. Vielleicht muss man das diplomatischer machen.“ Reichelts Nachfolger ist der Schweizer Daniel Yule. Im Kampf gegen die FIS-Mühlen nimmt Kriechmayr auch seine Kollegen in die Pflicht, fordert mehr Zusammenhalt und hofft auf die Bildung einer Fahrergewerkschaft. „Dann hätten wir Athleten wesentlich mehr Macht.“

Schwarz verzichtet auf Sölden

Als heißeste ÖSV-Zukunftsaktie für den Gesamtweltcup, wenn auch wohl noch nicht in diesem Jahr, wird Marco Schwarz gehandelt. Der Kärntner möchte sich nach seinem Kreuzbandriss aber noch Zeit lassen und wird deshalb Sölden auslassen. „Mir geht es schon sehr gut, aber ich bin noch nicht so weit, dass ich Ende nächster Woche ein Weltcuprennen bestreiten kann“, so der 24-Jährige. (swi)