Zuwanderung

Migrationsproblem nimmt wieder merklich zu

Migranten kommen Anfang Oktober auf der griechischen Insel Lesbos von einer Fähre.
Migranten kommen Anfang Oktober auf der griechischen Insel Lesbos von einer Fähre.(c) AFP (LOUISA GOULIAMAKI)

Zypern meldet rund 1000 Ankömmlinge pro Monat, in Bosnien wird die Schließung eines Aufnahmelagers gefordert. Istanbul wiederum schiebt Zehntausende Migranten, meist Syrer, aus dem Stadtgebiet ab.

Allen Relativierungen zum Trotz hält der Zustrom von Einwanderungswilligen aus Nahost und Asien Richtung Europa offenbar an. So wurden sogar auf der Mittelmeerinsel Zypern, die eigentlich höchstens als Durchzugsstation nach Europa gesehen werden kann, in den ersten neun Monaten 2019 schon knapp 9000 illegale Migranten aufgegriffen. 2016 waren es nur 2936, 2017 etwa 4600, 2018 schon 7761, berichtete die zypriotische Zeitung "Phileleftheros" am Freitag unter Berufung auf das Innenministerium.

"Es kommen (seit Jahresbeginn) fast 1000 Menschen monatlich an", hatte am Vortag der Sprecher der zypriotischen Polizei, Christos Andreou, im Staatsfernsehen RIK gesagt. Präsident Nikos Anastasiades forderte bereits Hilfe von der EU. Im EU-Land Zypern (rund 850.000 Einwohner) leben derzeit mehr als 20.000 Migranten und Flüchtlinge, deren Status nicht geklärt ist. Die Aufnahmelager sind laut Medien überfüllt.

In der Meerenge von Otranto zwischen Italien und Griechenland entdeckten unterdessen die griechische Küstenwache und die Europäische Grenzschutzagentur Frontex am Freitagmorgen rund 40 Migranten in einem manövrierunfähigen Boot. Sie seien auf dem Weg von Griechenland nach Italien gewesen. Ihr Boot hatte nach Berichten des staatlichen griechischen Fernsehens einen Maschinenschaden. Die Bootsinsassen hatten am Vorabend die griechischen Behörden alarmiert. Woher sie stammen, wurde zunächst nicht bekannt.

Schlepperrouten auch übers Ionische Meer

Im Ionischen Meer zwischen Italien und Griechenland werden fast täglich Migranten auf dem Weg nach Italien entdeckt. Mit von Schlepperbanden organisierten Überfahrten aus Griechenland oder der Türkei direkt nach Italien versuchen Migranten, die seit 2016 nicht zuletzt auf österreichische Initiative hin weitgehend geschlossene Balkanroute auf dem Weg nach Westeuropa zu umgehen.

Moslemische Migranten beten auf der griechischen Insel Samos.REUTERS

Der Europarat in Straßburg, die UNO sowie Beamte der EU forderten derweil am Freitag eine Schließung des völlig überfüllten Migrantenlagers Vucjak im Nordwesten Bosniens. Die dort untergebrachten Menschen sollten in geeignetere Unterkünfte gebracht werden. Die Menschenrechtskommissarin des Europarats, Dunja Mijatovic, sprach von einer "erbärmlichen" Lage.

"Das Lager Vucjak hätte gar nicht eröffnet werden dürfen und muss nun geschlossen werden", hieß es in einer Mitteilung von Mijatovic. Sie zeigte sich sehr besorgt, weil die Behörden weiterhin die Migranten in das überfüllte Lager brächten. Schon jetzt gebe es in dem Lager kein fließendes Wasser und keinen Strom. Die sanitären Bedingungen seien schlecht und würden sich mit dem absehbaren Wintereinbruch nur noch verschlechtern. Zudem sei das Lager in einem mit Landminen kontaminierten Gebiet.

„Unwürdiges Lager" in Bosnien

Das UNO-Team für Bosnien-Herzegowina bezeichnete das Lager, das auf einer ehemaligen Mülldeponie gebaut wurde, als ungeeignet für Menschen. Es sei „von internationalen humanitären Normen weit entfernt", betonte das UNO-Team. Auch die EU-Vertretung in Sarajewo bezeichnete den Standort als "unsicher" und "unwürdig".

Junge Männer im Migrantenlager Vucjak (Bosnien).
Junge Männer im Migrantenlager Vucjak (Bosnien).REUTERS

Die bosnische Grenzpolizei hat seit Jänner mehr als 10.200 illegale Migranten an der Einreise gehindert. Das Land ist mit anhaltend hohen Ankünften von Asylsuchenden, die über Serbien und Montenegro einreisen, konfrontiert. In Bosnien hielten sich zuletzt schätzungsweise rund 8000 Migranten auf, was untertrieben sein dürfte.

Ende September hatte sich der Präsident der italienischen Region Friaul-Julisch-Venetien, Massimiliano Fedriga, über die zunehmende Zahl von Migranten, die über den Balkan nach Italien gelangen, besorgt gezeigt. Vor allem die italienisch-slowenische Grenze bei Görz (Gorizia) werde aktuell regelrecht gestürmt. „Auch aus Kroatien bestätigt man uns, dass die Zahl der Migranten, die von Bosnien-Herzegowina kommen, wächst", klagte Fedriga, der der rechten Oppositionspartei Lega angehört.

Stimmung in der Türkei gekippt

Auch in der Türkei hat man immer mehr Probleme mit Migranten. Das Gouverneursamt der Millionenmetropole Istanbul hat seit Mitte Juli mehr als 40.000 Migranten aus der Stadt abgeschoben. In einer am Freitag veröffentlichten Stellungnahme hieß es, dass 34.397 "Migranten, die über illegale Wege" in die Stadt gekommen seien, in andere Städte gebracht worden seien und dort auf Abschiebung in ihre Heimat warteten. Zudem seien 5945 nicht registrierte Syrer in Lager außerhalb der Stadt verbracht worden.

Türkische Polizeisperre gegen Migranten auf der Strecke Istanbul - Edirne.APA/EPA/TOLGA BOZOGLU

Innenminister Süleyman Soylu hatte im August betont, dass die Kapazitäten in Istanbul überschritten seien. Dort sind schon mehr als 500.000 Syrer offiziell gemeldet. Mindestens weitere 300.000 Syrer sollen dort leben, aber in anderen Städten registriert sein. Viele Syrer in der Türkei sind aber auch gar nicht registriert.

Syrische Flüchtlinge stehen in der Türkei unter "temporärem Schutz". Die Türkei hat seit Beginn des Krieges im Nachbarland Syrien 2011 rund 3,6 Millionen Menschen von dort aufgenommen, mehr als jedes andere Land. Wie viele Syrer jetzt in der Türkei leben, ist aber unberkannt, zumal auch zahllose Menschen etwa aus Afghanistan, Pakistan und anderen asiatischen Ländern versuchen, über die Türkei nach Europa zu gelangen.

TURKEY-DEMO-POLITICS-REFUGEES
Türken demonstrieren gegen Syrer in Istanbul.APA/AFP/YASIN AKGUL

Die Stimmung in der Türkei hat sich schon vor geraumer Zeit gegen die vielen (meist muslimischen) Migranten gewendet. Die Rede ist von zunehmenden Verbrechen durch Migranten, Bettelei und „kulturellen Problemen". Präsident Erdogan will nun mehrere Millionen Syrer in jene Zone in Nordsyrien umsiedeln, die türkische Truppen und verbündete syrische Milizen - großteils islamistische Verbrecherbanden - bereits besitzen bzw. aktuell gegen den Widerstand kurdischer Truppen zu erobern versuchen. Am Mittwoch war eine Waffenruhe in Kraft getreten.

(DPA/Reuters/red.)