Deutschland

München, man gönnt sich ja sonst nichts

Blick über die Skyline von München
Blick über die Skyline von MünchenReuters (Michael Dalder)

Investoren versuchen, jeden Quadratzentimeter des teuren Münchner Bodens zu Geld zu machen. Für soziale und kulturelle Initiativen bleibt da wenig Raum.

In einem Innenstadthinterhof sitzt ein nachdenklicher älterer Herr auf einem weißen, wackeligen Holzstuhl. In der Hand hält er einen vom Wasser der Isar rund geschliffenen Kieselstein. Millimeter für Millimeter ritzt er Buchstaben in den Kalkstein. „Mann, ertrunken, gefunden nahe El Sarchal, Ceuta“, steht schließlich auf dem faustgroßen Kiesel, „Amal Naser Mahmoudi“ auf einem anderen. Meist ist es nur ein „N.N.“, Name unbekannt.

Peter Weismann sammelt Steine an der Isar, um den im Mittelmeer ertrunkenen Flüchtlingen darauf ihre Namen zurückzugeben. Diese findet er im Buch „Todesursache: Flucht“. Es listet 35.000 Frauen, Männer und Kinder auf, die die Reise übers Meer nicht überlebt haben. Das fast 500 Seiten dicke Werk liegt vor ihm auf einer Holzpalette, die der Aktionskünstler als Arbeitstisch nutzt. Die gravierten Kiesel bringt Weismann wieder an den Fluss. „Mare Nostrum“, „Unser Meer“, nennt der 75-Jährige seine Arbeit: „Migration ist Menschsein, kein Verbrechen“, erklärt er und nimmt den nächsten Stein in seine kräftigen Hände. Schließlich wandere der Mensch seit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies über die Erde – zumeist auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen.

Über den Tellerrand

Diese finden manche der Geflüchteten in München dank Leuten wie Jasmin Seipp. Gemeinsam mit Julia Harig gründete sie vor ein paar Jahren den Münchner Ableger des Berliner Vereins Über den Tellerrand. Im Bildungszentrum der Volkshochschule haben sie ein Restaurant eröffnet. Im kühl-modernen Ambiente des Neubaus kochen und servieren viele Flüchtlinge neben deutschen und italienischen vor allem arabische und asiatische Spezialitäten. Wer wenig Geld hat, zahlt den „Schmaler Taler“-Preis, die anderen den „Fairen Deal“ oder freiwillig mehr.

„Inzwischen spielt der Betrieb seine Kosten ein“, freut sich Jasmin Seipp. Die gelernte Betriebswirtin will ihren 16 Angestellten „Wegbegleiterin“ sein: Beide Geschäftsführerinnen helfen bei Behördengängen, bei Arztterminen und bei der in München schwierigen Wohnungssuche. Für die Servicekräfte gibt es einen Deutschkurs, für die Gäste Koch-Events und Kulturveranstaltungen in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule. Für ihr Konzept erhielten die Gründerinnen den Gastro-Gründerpreis 2019.

Ähnlich arbeitet das Kultur- und Beratungszentrum Bellevue di Monaco. Das Café am Südrand der Innenstadt bietet eine soziale Preisspanne von sieben bis elf Euro fürs vegan-vegetarische Mittagessen. Auch hier kochen und servieren vor allem Geflüchtete. In den Nebenräumen ist Platz für internationale Feste, Hausaufgabenhilfe, Sozialberatung, Konzerte, Lesungen, Sprachkurse, Kunstateliers, Asylberatung, eine Nähwerkstatt, Rap- und Fotoworkshops und viele weitere Angebote für Einheimische und noch nicht Heimische. Oben im Haus wohnen geflüchtete Jugendliche und Familien.

9000 registrierte Wohnungslose

Die Wohnungsnot ist derzeit das Thema in München schlechthin. Nach Angaben des Statistikportals Statista bewarben sich voriges Jahr für eine Zwei-Zimmer-Wohnung durchschnittlich 2000 Menschen. Und die Stadt wächst weiter. Eine Million Einwohner zählte sie zu den olympischen Spielen 1972. Heute sind es 1,55 Millionen, und bis 2040 werden es voraussichtlich 1,85 Millionen sein.

Doch während ein Drittel der Wiener Mietwohnungen der Gemeinde gehört, haben München und der Freistaat Bayern viele ihrer Wohnungen seit den 90er-Jahren – oft zum Schleuderpreis – an Privatunternehmen verkauft. Ende 2018 zählte München 9000 registrierte Wohnungslose, dreimal mehr als zehn Jahre zuvor.

Pop-up-City

Not macht erfinderisch. Christian zum Beispiel. Der 36-Jährige wohnt im Stattpark Olga. Den gibt es einmal hier, einmal dort – und 2021 vielleicht gar nicht mehr. Seit 15 Jahren lebt Christian in seinem Wohnwagen, seit zehn Jahren mit rund 20 Gleichgesinnten in der Wohnwagensiedlung Stattpark Olga – „wegen der Gemeinschaft“, wie er sagt. „In einem Mietshaus kennen sich die meisten Nachbarn bestenfalls vom Sehen. Hier dagegen leben wir zusammen.“ Christian ist froh, von seinen ganz unterschiedlichen Mitbewohnern immer wieder neue Anregungen zu bekommen. Wichtige Entscheidungen trifft die Gemeinschaft nach ausgiebiger Diskussion gemeinsam. Auf dem Platz vor dem Café-Wagen heizt ein junger Mann in einer großen Schale ein Feuer an. Vor ein paar Jahren ist er aus Afghanistan geflohen und hofft nun, nicht abgeschoben zu werden. Gleich werden sie alle zusammen essen.

Gäste sind willkommen

Regelmäßig organisieren die Stattpark-Bewohner in ihrem Gemeinschaftszelt zum Selbstkostenpreis Lesungen, Café-Nachmittage und Konzerte. Besucher zahlen so viel sie können. Die Kinder aus der Nachbarschaft kommen zum Spielen auf das große Freigelände, und junge Flüchtlinge zum Beispiel in die mobile Radwerkstatt.

Nach verschiedenen Zwangsumzügen hat Christian immer wieder erlebt, wie Nachbarn erst abweisend reagieren, wenn seine Gemeinschaft mit ihren Wohnwagen auf ein neues Grundstück zieht. „Viele halten uns für Obdachlose oder Arbeitsscheue.“ Dann dauert es eine Zeit, bis die ersten neuen Nachbarn Konzerte oder andere Veranstaltungen im Stattpark besuchen und sich herumspricht, dass hier „ganz normale Leute wohnen, die nur ein bisschen anders leben“.

Auf einer Brache hinter dem viel befahrenen Mittleren Ring haben die 20 Bewohner mit den mobilen Behausungen Unterschlupf gefunden. Ihr letztes Domizil mussten sie – wie schon einige zuvor – verlassen, weil dort Wohnungen gebaut werden. „Die Stadt hat uns jetzt dieses Grundstück bis Ende 2020 vermietet“, erzählt der Tischler. Er baut edle Schaukelstühle, das Stück für rund 3500 Euro, „alles Handarbeit“, nichts geleimt oder geklebt. Auch seine Werkstatt muss er beim nächsten Umzug wieder mitnehmen.

Ob Stattpark Olga, das Kreativquartier in einem ehemaligen Gewerbegebiet, das Werksviertel am Ostbahnhof oder das Areal namens „Bahnwärter Thiel“: Kulturinitiativen trotzen der Stadt und privaten Eigentümern immer wieder Flächen ab, die sie dann so lang nutzen dürfen, bis auch diese Freiräume verbaut werden.

Auf dem Gelände des einstigen Viehhofs im Schlachthofviertel sitzt Daniel Hahn auf einer selbst gezimmerten Dachterrasse zwischen bunt besprühten Containern und ausrangierten U-Bahn-Waggons. 2017 hatte er mit ein paar Freunden etwas geschafft, was alle für unmöglich hielten. Er ließ ein ausgemustertes Ausflugsschiff am Ammersee zerlegen, um es in München wieder zusammenzubauen. Seitdem thront die Alte Utting, Baujahr 1949, als Veranstaltungs-Location, Café und Kulturort hoch oben im Juchee auf einer stillgelegten Eisenbahnbrücke.

Von dort sind es nur ein paar Hundert Meter zu Hahns Nachbarprojekt, dem Bahnwärter Thiel: Mehr als 50 Seecontainer vermietet die Initiative an Künstler, Designer und Start-up-Unternehmer, die sich darin Büros, Werkstätten und Ateliers einrichten. Von der Münchner Verkehrsgesellschaft MVG haben sie eine ausrangierte Tram gekauft, die sie zur Kantine und zum Erfindergarten umbauen. Hier können Jugendliche Ideen mit 3-D-Druckern und anderen Geräten ausprobieren. Aus dem ehemaligen Ausstellungspavillon des Kunstmuseums Lenbachhaus wurde eine Konzert- und Veranstaltungslocation.

Flüchtige Räume

Auf dem Freigelände drumherum halten Imker ihre Bienen, die die vielen bunten Blumen und das Gemüse in den Pflanzkästen bestäuben. 30 Beetpaten pflegen den „Glücksgarten“. Gründer Daniel Hahn und seine Mitarbeiterin Aranca Haller laden Besucher ein, „zu tanzen und zu träumen – in einer außergewöhnlichen Kulisse voll kurioser Dinge wie einem Kran, bestückt mit Discokugeln, einer Kutsche, schwebenden Gondeln und ausrangierten U-Bahnen, umstellt von weit gereisten, kunstvoll bemalten Seecontainern“. Auch dieser Münchner Traum wird enden, wenn 2022 wieder einmal die Bagger anrücken.

GEFÜHRT ODER INDIVIDUELL

Stadtführungen und -touren: Auf den entspannten alternativen Hey-Minga-Touren in einem VW-Bus von 1985 geht es unter anderem ins Werksviertel auf dem ehemaligen Pfannigelände, in den Englischen Garten und zum Bahnwärter Thiel. Die Stadtführerinnen erzählen eine Menge über die vielen neuen Kunst- und Kulturprojekte und darüber, wie sich die Menschen gegen die Gentrifizierung ihrer Viertel wehren. www.heyminga-touren.com

Darüber hinaus gibt es in München Stadtführungen zu allen vorstellbaren Themen, zu Fuß, mit dem Radl oder im Bus, z.B.: Weis(s)er Stadtvogel: www.stadtvogel.de

Radius Tours: www.radiustours.com

Ehrenamtliche Führungen von Einheimischen: www.munich-greeter.de

Portale: www.likealocalguide.com/munich oder www.getyourguide.de

Cafés und Restaurants: Die Auswahl ist riesig. Es gibt alles von Äthiopisch über Afghanisch bis zu Isländisch, von billig bis Sternerestaurant und natürlich Deutschlands beste Italiener.

Etwas Besonderes: Das Bellevue di Monaco verbindet die Integration von Flüchtlingen mit einem gemütlichen Restaurant und Café. Es schafft Jobs für die Neuankömmlinge, vermittelt Paten, berät und bietet Platz für Begegnungen, Müllerstr. 2 (Ecke Corneliusstr.), www.bellevuedimonaco.de

Ähnlich funktioniert das Projekt „Über den Tellerrand“ mit seinem Restaurant am Max-Weber-Platz, Einsteinstr. 28, ueberdentellerrand.cafe

Biergärten: Gastgärten heißen in Bayern Biergärten. Entstanden sind sie über den Bierkellern der Brauereien. Diese bepflanzten die Brauer einst mit Kastanien, die die Lagerstätte des flüssigen Golds darunter schön kühl halten sollten. Dann kam einer auf die Idee, das Bier gleich vor Ort auszuschenken. An den nicht gedeckten Tischen darf man wie schon immer seine mitgebrachte Brotzeit verzehren.

Der Augustiner an der Arnulfstraße zwischen Hauptbahnhof und Hackerbrücke hat das angeblich beste Münchner Bier.

Der Muffat-Biergarten hinter der Event- und Kulturlocation Muffathalle (Zellstr. 4) serviert in Wurfweite der Isar u. a. zertifizierte Bioprodukte. Das Publikum: jung und eher alternativ bis vegan. Charmant: die Liegestühle. www.muffatwerk.de

Fräulein Grüneis: Kiosk in Hörweite der Eisbachwelle, an der sich Surfer aus aller Welt zu ihren Kunststückchen treffen. Ein paar junge Leute haben das ehemalige Klo zum Kiosk umgebaut.

Milchhäusl: Alles bio, regional und fair, überschaubar und schön grün auf der Westseite des Englischen Gartens (Richtung Uni), Königinstr. 6, milchhaeusl.bio

Isar Alm: Wenig bekannt und daher nicht überlaufen in der Kleingartenanlage Süd-West 54 e.V., Nithartstraße 8 in den Isarauen, serviert Öko-Fleisch eines örtlichen Metzgers

Grünspitz: Der Verein Green City hat das Gelände eines Autohauses in einen öko-sozialen Biergarten verwandelt: Gemeinschaftsgarten, Café, Kunst & Kultur, Tegernseer Landstr 104, www.gruenspitz.de

Shoppen kann man in München bis zum Umfallen. Neben den Filialen sämtlicher großer Ketten haben sich trotz horrender Mieten kleine inhabergeführte Geschäfte zum Beispiel in Schwabing (Herzogstr., Kaiserstr. und Umgebung), Haidhausen (rund um den Pariser Platz, Schloßstr., Balanstr.) dem Glockenbachviertel (rund um den Gärtnerplatz/Klenzestr.) oder dem seit einiger Zeit in der Münchener Kreativszene ziemlich angesagten Westend/Schwanthaler Höh (Kazmairstr, Gollierstr. und Umgebung) gehalten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2019)