Wandgestaltung

Hippe Wände: Die Sehnsucht nach alten Trends mit neuer Funktion

Bei Living Walls richtet man sich nach den gewünschten Pflanzen.
Bei Living Walls richtet man sich nach den gewünschten Pflanzen.(c) imago/Manfred Ruckszio (Manfred Ruckszio)

Holz, Stein oder Pflanzen? Neue Trends – und ihre historischen Vorläufer.

„Weiße Wände sind mittlerweile im Raumdesign eher die Ausnahme“, berichtet Eugenie Arlt, Interior-Designerin. „Gefragt sind Wandverkleidungen mit unterschiedlichsten Materialien – Hauptsache, es sind natürliche, wie Holz oder Stein.“ Damit reiht sich der neueste Trend nahezu nahtlos in die lange Geschichte der Wandgestaltung ein. Die Menschen hatten schon immer ein Faible dafür, die Wände ihres Heims zu schmücken. Über Jahrtausende hinweg waren es Wandmalereien – etwa bei den Ägyptern, Etruskern, Griechen und Römern. Erst in den kalten, zugigen Burgen des Mittelalters verband man Schönes mit Nützlichem und bedeckte die Wände mit dicken, meist bestickten Wandteppichen – mit Nebeneffekt: Sie hielten die Kälte der dicken Mauern ein wenig ab.

 

Lack und Leder

„In der Renaissance begann man, seine Wände mit Holz zu verkleiden. Meist nur bis zu einer gewissen Höhe, darüber brachte man – so das nötige Kleingeld vorhanden – geprägte Ledertapeten an“, weiß Kunsthistorikerin Eva Ottillinger, Kuratorin am Hofmobiliendepot in Wien. Auch Stoffbespannungen waren en vogue. Im Rokoko schmückten diejenigen, die besonders trendy sein wollten, ihre Wände mit asiatischen Lacktafeln oder eingelassenen Bildern. Im Biedermeier setzte man wieder vermehrt auf Wandbespannungen aus Stoffen, und es kamen die ersten Papiertapeten auf. „In Paris und Wien entstanden die ersten Tapetenfabriken. Das war damals ein sehr gefragter Modeartikel, etwas günstiger als die Stoffbespannungen, aber nicht wirklich billig“, erläutert die Kunsthistorikerin.

Die Ringstraßenära gefiel sich in einem nahezu unübersichtlichen Stilmix: Elemente der Renaissance mischten sich mit aufwendig gestalteten Tapeten und überladenen Draperien. „Der echte Stilwandel setzte erst in den 1920er-, 1930er-Jahren ein. Die Architekten begannen, die neue Einfachheit zu propagieren, wozu auch die weiße, nackte Wand gehörte. Dazu kamen in den folgenden Jahrzehnten zwar Tapeten und die berühmten Rollmuster der 1960er-/1970er-Jahre, aber aufwendigere Wandgestaltungen wie in den Jahrhunderten davor waren im Wesentlichen out“, erklärt Ottillinger.

Nun wird es wieder lebendig: Neben Holzverkleidungen, meist Eiche, wird auch Steinoptik verwendet, etwa Marmor oder Terrazzo, bevorzugt in Kombination mit Holz. „Das ergibt nicht nur eine wertvolle Anmutung, es schützt auch die Wand“, weiß Arlt. Gefragt ist alles, was einen Handmade-Charakter hat. Das können verschiedene Putze sein, die die Wand strukturieren, oder – meist – großflächige Fliesen in Steinstruktur. „Sogar Wandbespannungen in Leder sind wieder da, allerdings neu interpretiert“, berichtet die Designerin.

 

Luftfilternde Wandfarben

Wert wird auch darauf gelegt, dass die Optik mit Funktionalität gepaart ist: Holzverkleidungen sollen die Raumakustik verbessern, und es gibt Wandfarben, die die Raumluft filtern. Zudem darf wild gemixt werden: „Etwa zwei Wände mit Holz, eine mit Farbe, eine in Steinoptik“, erzählt Arlt.

Oder man holt sich gleich den Wald in die Wohnung – etwa mit Moos. Andreas Lichtblau, Experte für Vertikalbegrünung, entwirft seit einigen Jahren Bilder oder ganze Wände aus Moos, deren Zusammensetzung ein individuelles Muster ergeben. „Am besten eigen sich dafür eher die dunklen Bereiche der Wohnung“, erklärt der Fachmann.

Wem Moos zu wenig ist, der kann sich eine Living Wall in der Wohnung einrichten: „Im Prinzip gibt es zwei Möglichkeiten: die Low-Cost-Variante oder den ,Ferrari‘“, erklärt Petra Köck von Ammon Raumbegrünung. Bei der einfachen Variante, die man selbst installieren kann, besteht das Trägersystem aus Kunststoff mit Platten, in deren Aussparungen Hydropflanzen gesetzt werden. Beim „Ferrari“ sind es Metallschienen mit Steinwollmatten, in die die Pflanzen gesetzt werden. Das wird vom Spezialisten angefertigt – und verbessert durch das viele Grün (ein wenig) das Raumklima.

WALD IM WOHNZIMMER

„Für Mooswände wählt man am besten die dunklen Bereiche der Wohnung – es ist wie in der Natur, da wachsen die Moose auch an eher dunklen Stellen“, erklärt Andreas Lichtblau, Experte für Vertikalbegrünung. Bei Living Walls richtet man sich nach den gewünschten Pflanzen. Bei der einfachen Variante besteht das Trägersystem aus Kunststoff mit Platten, in deren Aussparungen Hydropflanzen gesetzt werden. Bei der luxuriöseren Ausführung sind es Metallschienen mit Steinwollmatten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.10.2019)