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Kritik

Die Brillanz und Eleganz des Cellovirtuosen

Gautier Capuçon als umjubelter Solist mit dem Gewandhausorchester.

Kaum hatten die „Leipziger“ ihre Instrumente, stürzte sich Gautier Capuçon mit jener Verve auf das Podium, mit der er anschließend den Solopart von Schumanns Cellokonzert, das einst in Leipzig uraufgeführt wurde, ausführte. Capuçon löste diese Herausforderung mit Brillanz und Eleganz, einem besonderen Faible für plastisch geformte Details, differenzierter Dynamik und stets nobel leuchtendem Ton. Damit sah der durch seine exzellente Technik beeindruckende einstige Meisterschüler von Heinrich Schiff seine Aufgabe längst nicht erfüllt. Zuerst bedankte er sich für den Applaus, indem er mit der vorzüglichen Cellogruppe des Gewandhausorchesters das einfühlsame Dvořák-Lied „Lass mich allein“ aufführte. Nach der Pause musizierte er dann im Orchester den zweiten Konzertteil mit.

Dieser galt einer mit viel Theatralik und effektvoller Lautstärke präsentierten „Fliegender Holländer“-Ouvertüre sowie – als Hauptwerk – Mendelssohns dritter Symphonie, der „Schottischen“. Sie hatte der Komponist mit dem Gewandhausorchester in Leipzig aus der Taufe gehoben. Ob er deren melodisches Lineament auch mit so dicken Pinselstrichen nachzeichnete wie der gegenwärtige Kapellmeister Andris Nelsons, ob die damaligen Musiker über ebensolche Präzision und Klangkultur verfügten, wie es ihre heutigen Kollegen bei dieser kräftig akzentuierten Darstellung vorzeigten? Stimmig eingeleitet wurde der Abend mit dem von Melancholie wie Sentimentalität charakterisierten „Blumine“-Satz. Er war anfangs als Abschnitt von Mahlers erster Symphonie gedacht, ehe ihn der Komponist aus seiner mit „Der Titan“ übertitelten D-Dur-Symphonie strich. (dob)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2019)