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Kolumne zum Tag

Frauen verdienen nicht weniger als Männer

Frauen verdienen nicht weniger als Männer, sie bekommen nur weniger bezahlt.
Frauen verdienen nicht weniger als Männer, sie bekommen nur weniger bezahlt.(c) imago/Ikon Images (imago stock&people)

Ein Wort kann mehrere Bedeutungsebenen haben, die oft nicht sauber getrennt werden.

Es gibt im Deutschen – wie auch in anderen Sprachen – Wörter, die mehrere Bedeutungen haben. Sie wissen schon, ein Schloss kann sowohl ein Gebäude sein als auch die Vorrichtung, mit der man die Tür dazu absperren kann. Wer von seinem Lieblingsgericht spricht, schwärmt in der Regel nicht vom Landesgericht für Strafsachen oder einer ähnlichen Einrichtung. Und wenn man Brot unter den Armen verteilt, bedeutet das nicht, sich ein paar Baguettes unter die Achseln zu stecken. Bei manchen dieser Homonyme, so der korrekte Begriff dafür, ist der Unterschied in den Bedeutungen ziemlich eindeutig. Bei manchen hingegen verschwimmen die unterschiedlichen Ebenen. Ein Beispiel dafür ist das Wort „verdienen“. Das kann dafür stehen, dass man als Entschädigung für eine geleistete Arbeit etwas bekommt, also etwa Lohn, Gehalt oder Honorar. Es kann genauso dafür stehen, welche Summe man tatsächlich ausgezahlt bekommt. Und nicht zuletzt kann man auch etwas verdienen, indem man einen Gewinn erzielt, also wenn man zum Beispiel etwas um mehr Geld hergibt, als man dafür selbst hat hinlegen müssen.

Und dann ist da auch noch eine zweite Ebene, die abseits der monetären Dimension für etwas völlig Anderes steht. Dass man nämlich einer bestimmten Einschätzung oder Reaktion würdig ist. Dass man etwas zu Recht bekommt. Das kann Lob, Dank oder Anerkennung sein, vom Schulterklopfen bis zum Nobelpreis. Ein Sieg, aber auch in negativer Hinsicht eine Strafe, die man sich eben aus der Sicht der anderen verdient hat.

Im Englischen gibt es für diese zwei Ebenen unterschiedliche Wörter – „to earn“ für die monetäre, „to deserve“ für die moralische. Auf Deutsch lässt sich der Unterschied sprachlich nur schwierig ausdrücken. Halten wir dennoch fest: Frauen verdienen nicht weniger als Männer, sie bekommen nur weniger bezahlt.

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("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.10.2019)