Eva Sangiorgi: "Meine Cinephilie wurde geweckt durch das nächtliche TV-Programm."
Viennale

Viennale-Direktorin Sangiorgi: „Das Publikum muss mir vertrauen“

Viennale-Direktorin Eva Sangiorgi lässt sich bei der Programmierung des Filmfestivals nichts diktieren. Hier präsentiert sie ihre Lieblinge.

Die Debatten, die die großen Filmfestivals seit Jahren begleiten, sind unter anderem diese (Festivalnamen sind reihum austauschbar): Hat Netflix was in Cannes verloren? Soll die Berlinale Serien zeigen? Und wie kann es sein, dass im Wettbewerb von Venedig so wenige Frauen sind? In Wien, wo die Dinge traditionellerweise immer etwas entspannter ablaufen, sitzt eine Frau im Chefsessel des größten heimischen Filmfestivals, die zu diesen Fragen eine klare Antwort hat. Für Eva Sangiorgi, die Direktorin der Viennale, dreht sich alles darum, gute Filme nach Wien zu holen. Dabei ist sie kompromisslos. Auf Promo-Zwecke und Promi-Zirkus nimmt sie keine Rücksicht.

Das „Kulturmagazin“ trifft sie im Viennale-Büro, als sie gerade aus Venedig zurückgekehrt ist, wo sie in der Orizzonti-Jury saß. Dass es in Wien keinen Wettbewerb gibt und keinen Druck, um Weltpremieren zu verhandeln, empfindet sie als Privileg. Zwar gebe es kleine Festivals, die das Premierenspiel geschickt spielen. „Aber oft ist es auch ein bisschen traurig: Man merkt, dass Filme deshalb ausgesucht wurden, weil man sie als Premiere zeigen konnte, und nicht, weil man sie wirklich wollte.“ Bei der Viennale zähle nur Letzteres. „Das ist sehr gut fürs Publikum. Es muss meinem Geschmack vertrauen, aber es kann sicher sein, dass keine Politik dahintersteckt.“

Was sind nun also Sangiorgis Positionen zu den genannten Dauerfestivaldebatten? An Serien ist sie nicht interessiert. Zumal, wie zuletzt in Venedig, wo „The New Pope“ Premiere hatte, nur wenige Folgen als Vorgeschmack gezeigt werden können. „Was ist da der Sinn? Das ist ganz klar eine Marketingsache.“ Für die sie die Viennale nicht hergeben will. Auch Frauenquoten im Programm lehnt sie ab. Eine Quote zu befolgen würde heißen, nicht nach Qualität zu urteilen, sondern eine falsche Repräsentation der Realität zu erzwingen, sagt sie: Denn die Filmwelt ist unausgewogen, Frauen produzieren weniger Filme. An diese wenigen gehe Sangiorgi aber umso aufmerksamer heran. „Wir müssen darüber reden, dass wir es nicht schaffen, ein 50-50-Verhältnis zu zeigen – weil es ein Problem im System gibt.“

Eva Sangiorgi
Eva SangiorgiChristine Ebenthal

Bleibt die Frage der Streaminggiganten. Aus Cannes wurde Netflix im Vorjahr verbannt, weil sein Geschäftsmodell der Idee der Cinephilie widerspreche. Eine Idee, die auch Sangiorgi hochhält. Eben deshalb ist sie nicht abgeneigt, gute Filme, die ansonsten nur via Bildschirm ein Publikum erreichen würden, auf die Leinwand zu holen. Bei der Viennale wird das melancholische, geisterhafte Drama „Atlantique“ von Mati Diop gezeigt, für das sich Netflix die Rechte geschnappt hat. Gegen Bildschirme an sich hat Sangiorgi übrigens nichts: „Meine Cinephilie wurde geweckt durch das nächtliche Fernsehprogramm in Italien. Die ganze Nouvelle Vague habe ich auf VHS gesehen.“ Manches habe sie sich später erneut im Kino angeschaut. Diese Erfahrung dürfe nicht eingeschränkt werden, mahnt sie. „Das ist so viel mächtiger!“

Die Italienerin, die in Mexico-City das Filmfestival Ficunam aufgebaut hat, bevor sie im Vorjahr die Viennale übernahm, hat die Programmstruktur neu geordnet. „Kinematografien“ sollen Filme mit einer thematischen oder entstehungsgeschichtlichen Klammer präsentieren, heuer etwa politische Werke: „Brasilien entflammt“ – der Titel sei schon vor den Amazonasfeuern festgestanden, ein „gruseliger Zufall“. In „Monografien“ wird das Gesamtwerk ausgesuchter Regisseure gezeigt – etwa von der Deutschen Angela Schanelec, für Sangiorgi „eine der besten der Welt“. Ihr neuester Film „Ich war zuhause, aber“, ein Familiendrama, das Schanelecs sensiblen, persönlichen Stil demonstriere, ist auch in der Hauptsektion zu sehen, die ein Best-of des zeitgenössischen Filmgeschehens darstellt.

Lieblingsfilme

Sangiorgi hat noch mehr Empfehlungen. Zu ihren aktuellen Lieblingsfilmen zählt „Martin Eden“: Pietro Marcello kombiniert die Romanvorlage von Jack London über einen Mann, der versucht, durch autodidaktische Bildung sozial aufzusteigen, mit Archivaufnahmen italienischer Emmigranten auf dem Weg in die USA. „Das verleiht der Geschichte etwas sehr Universelles. Es ist wunderschön anzusehen.“ Schön und sehr politisch sei „Zombi Child“ von Bertrand Bonello, der mit dem Thema schwarzer Magie spiele und dabei Außergewöhnliches vollbringe: „Er erzählt von etwas sehr Leichtem, der ersten Liebe eines Teenagers, verbindet das aber mit etwas Schwerem: Unserer Verantwortung für Europas koloniale Geschichte.“

Wie sieht es mit Sangiorgis persönlichen Kinogewohnheiten aus? Ihr Liebling in Wien sei das Gartenbaukino, wo sie gern im vorderen Teil sitzt. Popcorn? „Nie. Aber einen Whiskey würde ich nehmen.“ Sie hat nichts dagegen, dass Viennale-Gäste ihr eigenes Bier mitbringen – in ihrer Zeit in Mexiko sei sie selbst mit einer Thermoskanne voll Rotwein ins Kino gegangen. Störenfriede schnauzt sie nicht an, „ich bin noch keine verrückte Lady“. Überhaupt: „Ich habe in Mexico-City gelebt, ich kann mich auch mitten im Chaos konzentrieren.“ Zu Tränen rühren lasse sie sich leicht. „Ich weine schnell, auch bei Komödien. Ich weine in kleinen Momenten der Schönheit oder der Traurigkeit. Ich lache aber auch viel.“ Für beides soll es bei der Viennale genug Gelegenheit geben.

Viennale

Die 57. Ausgabe des Filmfestivals wird am 24.  Oktober eröffnet – mit dem Drama „Porträt einer jungen Frau in Flammen“ von Céline Sciamma. Bis 6. November sind in fünf Wiener Spielstätten Höhepunkte des internationalen Kinogeschehens zu sehen. www.viennale.at

("Die Presse - Kulturmagazin", Print-Ausgabe, 18.10.2019)