Bolivien

Stiehlt Evo Morales die Wahl?

Die Wahlen in Bolivien fachen eine neu Protestwelle an.
Die Wahlen in Bolivien fachen eine neu Protestwelle an.APA/AFP/AIZAR RALDES

Nach Ungereimtheiten bei der Stimmenauszählung brachen Unruhen aus. Der Oppositionschef spricht von Wahlbetrug.

La Paz. Bolivien ist in Aufruhr. Oppositionsführer Carlos Mesa bezichtigt den langjährigen Staatschef Evo Morales eines „beschämenden Wahlbetrugs“. Er will die Ergebnisse der Präsidentenwahl vom Sonntag nicht anerkennen. Tatsächlich zeigten sich auch unabhängige Wahlbeobachter der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) „erstaunt“ über einen plötzlichen Trendwechsel: Nach Auszählung von 84 Prozent der Stimmen hatte der linksgerichtete Präsident noch mit 45,3 Prozent vor Mesa mit 38,2 Prozent gelegen. Dann setzte die Wahlkommission die Stimmenauszählung für 20 Stunden aus, um später zu verkünden, Morales komme nach Auswertung von 95 Prozent der Stimmen auf 46,9 Prozent und der Oppositionschef nur noch auf 36,7 Prozent.

Das mag ein kleiner Unterschied sein, doch die Auswirkungen wären groß. Denn nach bolivischem Wahlrecht reichen für einen Sieg in der ersten Runde 40 Prozent der Stimmen, wenn der Abstand auf den Zweitplatzierten mindestens zehn Prozentpunkte beträgt. Morales würde sich demnach die Stichwahl, auf die ersten Hochrechnungen zufolge alles hingedeutet hatte, doch noch ersparen.

Durch Bolivien flutete eine Welle der Empörung. Tausende Demonstranten versammelten sich in fünf der neun Regionen des südamerikanischen Landes zu Protesten. In Sucre und Potosí gingen die Büros der Wahlbehörden in Flammen auf. In Oruro hinderten Polizisten eine aufgebrachte Menge daran, das Wahlbüro zu stürmen. In der Hauptstadt La Paz kam es zu Zusammenstößen zwischen den Anhängern der rivalisierenden Präsidentschaftskandidaten.

Umstrittene Kandidatur

Bereits die Kandidatur des 59-jährigen Morales für eine vierte Amtszeit war umstritten. Boliviens Verfassung hätte eine weitere Kandidatur eigentlich nicht zugelassen. Auch das Volk hatte sich in einem Referendum dagegen ausgesprochen. Das Verfassungsgericht räumte dem ersten indigenen Präsidenten Boliviens jedoch 2017 das Recht auf eine Bewerbung ein. (ag, red.)[PWD5G]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2019)