TAG Theater

„Dorian Gray“: So verkauft man ein fiktives Bild

Mara Mattuschka zeigt im TAG eine lustvolle Kunstmarktsatire sehr frei nach Oscar Wilde.

„Das Gemälde – es ist ein Akt!“, ruft die Literaturwissenschaftlerin erregt. Davon hat Oscar Wilde nichts geschrieben in seinem Roman von 1890. Er habe seinen Dorian Gray seinem Liebhaber, dem Dichter John Gray, nachempfunden, lautet ein beliebtes Gerücht. Im Theater an der Gumpendorfer Straße wird es weitergesponnen: Auf dem Dachboden der Großnichte von Grays späterem Partner Marc-André Raffalovich stöbert eine Wilde-Biografin nach Liebesbriefen der Schriftsteller – und meint dabei das Bildnis gefunden zu haben, von dem keiner angenommen hat, dass es wirklich existiert. Dorian Gray, nackt, Öl auf Leinwand!

„Dorian Gray. Die Auferstehung“ heißt das Stück, das Mara Mattuschka „sehr frei nach Oscar Wilde“ für das TAG geschrieben und inszeniert hat. So ein Bildnis, noch dazu mit eindeutiger Provenienz gesegnet, wäre wohl ein Leckerbissen für Kunstmarkt und Medien. Mattuschka lässt Karikaturen in Seidenschals auf die Bühne, um eine sensationslüsterne, moralisch flexible Branche zu persiflieren: einen aufbrausenden Kunstversicherer, einen perfiden Art-Dealer, Fälschungsgutachter, die Bestechungsgeld mit dem Hinweis „von Haus aus könn' ma nix versprechen“ einstecken. Die Bereicherungsmaschinerie ist längst angelaufen, als klar wird: Das begehrte Bildnis gibt es nicht. Die Biografin hat sich vertan. Gray, das war nur der nackte Butler in „klassizistischer Pose“. Was den lukrativen Hype nicht aufhalten soll.

 

So boulevardesk wie märchenhaft

Es hat etwas Boulevardeskes, wie die Figuren aufmarschieren, in Ohnmacht fallen, raufen und vögeln. Aber auch etwas Märchenhaftes: Mattuschka inszeniert flott und geradlinig, die leeren Bilderrahmen auf der Bühne erinnern an „Des Kaisers neue Kleider“. Spuren zu Oscar Wilde lassen sich nicht nur in der beiläufigen Homoerotik ausmachen (die bei Wilde freilich viel vorsichtiger dosiert ist), sondern auch in der dekadent-schauerlichen Stimmung, die zwischendurch aufkommt (maßgeblich hier: Alexander Braunshör als elegante Lady Raffalovich). Sechs Darsteller wechseln lustvoll die Rollen, während sich ein heiterer Kunstkrimi entspinnt: sehr unterhaltsam.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2019)