Gastkommentar

Ein Liebesvirus für das Parlament

Ein Vorschlag zum Ende der Einöde: Schicken wir doch Künstler ins Parlament! Die Dänen machen es vor.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare"</

Dieser Tage formieren die einzelnen Parteien ihre neuen Parlamentsklubs. Der Alltag für Abgeordnete und ihre Mitarbeiter geht wieder los, und viele von ihnen landen schnell im Hamsterrad der Politik. Es herrscht Lagermentalität, Silodenken, zuweilen Ohnmacht. Manche kapseln sich von der realen Welt ab und nehmen nichts mehr außerhalb der politisch-medialen Blase wahr. Das muss nicht so sein, wie das Beispiel Dänemark zeigt.

Die dänische Parlamentspartei Die Alternative arbeitet seit 2016 mit einer Idee aus der Kunstwelt: die des Artist-in-Residence-Programms. Bereits fünf dänische Künstler waren seither für mehrere Monate Gast ihres Parlamentsklubs. Musiker, Performance-Künstler, Fotografen. So konnten kontinuierlich neue, unerwartete Impulse geliefert werden. Ein Alltagstrott der Parlamentsarbeit wird dadurch vermindert.

Uffe Elbæk, Vorsitzender von Die Alternative und ehemaliger Kulturminister, denkt, „die Idee, Künstler in den traditionellen politischen Machtraum einzuladen, ist so einfach, aber gleichzeitig so inspirierend und kraftvoll, dass alle Parlamente es versuchen sollten. Künstler können Politik menschlicher, lebendiger und kreativer machen. Andernfalls wird das wachsende Misstrauen zwischen den Bürgern und gewählten Politikern immer größer und größer. Das Artist-in-Residence-Programm ist der perfekte Liebesvirus.“

 

Ein Austauschprogramm

Unter „Artist in Residence“ versteht man einen temporären Aufenthalt eines Künstlers aus unterschiedlichen Sparten an einem bestimmten Ort außerhalb des jeweiligen eigenen Kulturkreises oder Wohnorts. Zweck ist Vernetzung, Austausch und fokussierte künstlerische Arbeit, ermöglicht durch ein Stipendium, Wohn- und Arbeitsräumlichkeiten sowie Ausstellungsmöglichkeiten. Das österreichische Bundeskanzleramt vergibt jährlich eine Reihe solcher Stipendien an Künstler, die nicht in Österreich leben, 2019 waren es 50.

Im Parlament würde so ein Programm bedeuten, dass Künstlerinnen oder Designer, Philosophinnen und Wissenschaftler auf begrenzte Zeit Gast eines Parlamentsklubs sind. Dort wird recherchiert, zugehört, beobachtet, diskutiert, nachgedacht, umgesetzt. So wird die tägliche politische Arbeit der Abgeordneten immer wieder neu herausgefordert. Laufende kreative Interventionen können Politiker der eigenen Partei, aber auch die anderer Parteien in einen lebendigen produktiven Austausch involvieren. Beim Hinterfragen von Gewohnheiten helfen. Denkmuster durchbrechen. Sie können eingefahrene Perspektiven verändern und neue Zugänge schaffen. Dabei entstehen Soundinstallationen, Fotoserien, Texte, Zeichnungen, Skulpturen . . .

 

Ein kreatives Parlament

In Österreich ließe sich ein solches Programm fürs Parlament unkompliziert umsetzen. Es braucht dafür keine neuen Budgets, keine Gesetzesbeschlüsse. Kreative werden für z. B. drei Monate als parlamentarische Mitarbeiter angestellt und bekommen einen Arbeitsplatz.

Stellen wir uns vor: Wenn drei Parteien alle drei Monate, also viermal im Jahr, einen Artist in Residence zu Gast haben, sind das zwölf Kreative pro Jahr, die mit ihrer Arbeit das demokratische Zentrum unseres Landes beleben. Das Parlament wäre ein komplett anderer Ort. Ein Ort für Innovation. Ganz gute Voraussetzungen für eine bessere Politik.

Milo Tesselaar (*1982) ist ein politischer Entrepreneur, strategischer Berater und Leadership Coach. Er ist Gründer und Leiter von Demokratie21, einer Initiative, die Gespräche über die Zukunft der Demokratie initiiert. Er hat erfolgreich Präsidentschafts-, Bürgermeister- und Parlamentswahlen geleitet. www.milotesselaar.com

E-Mails an: debatte@diepresse.com

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.10.2019)