Lokalkritik

Testessen bei Speisen ohne Grenzen

Das Badeschiff wird nun von Frauen aus Afghanistan, Somalia und Syrien bekocht. Sehr bunt und aromatisch.

Shireen aus Syrien bringt Melanzani mit Salz „zum Weinen", damit sie weniger bitter sind. Fatima aus Afghanistan fühlt sich beim Anblick von Wiener Schneekugeln an die kühlende Limonade Khakshir aus ihrer alten Heimat erinnert: Wenn man im Glas umrührt, tanzen die rostbraunen Samen der Besenrauke träge durchs Glas wie Schneeflocken. Und in Halimas somalischer Familie gibt es zum Gemüseeintopf immer ein hartes Ei.

Geschichten wie diese erzählt seit Kurzem die Speisekarte des Lokals auf dem Wiener Badeschiff: Der Verein Speisen ohne Grenzen, der im Sommer schon die (zum Badeschiff gehörende) Adria Wien am Donaukanal mit bunten, weithin duftenden Speisen aus Syrien, Somalia, Georgien und Afghanistan bekocht hat und Mittagsmenüs per Lastenrad ausliefert, ist hier auf dem Wasser sesshaft geworden.

Und ergänzt die inklusive Ausrichtung des Badeschiffs, das Mitarbeiter mit Behinderung beschäftigt, eine Rampe aufs Sonnendeck gebaut hat und Standort des Literaturcafés Ohrenschmaus ist, für schreibende Menschen mit Lernschwierigkeiten. Shireen, Halima und Fatima sind vom Verein Speisen ohne Grenzen angestellt, demnächst kommt vielleicht eine Frau aus Uganda dazu.

(c) Christine Pichler

In der Küche des Badeschiffs, in der einst Christian Petz Dinge wie orientalische Kutteln und Schweinsohrsalat aus dem begnadeten Handgelenk schüttelte, wird nun mittags (nur Menüs, Hauptspeise mit Suppe oder Dessert zwischen 9 und 12 Euro) und abends gekocht – jeden Tag von einer anderen Frau. Wenn Halima aus Somalia an der Reihe ist, bedeutet das zum Beispiel Huhn, mit würzigem Paradeiser-Joghurt überbacken, dazu bunt gefärbten lockeren Reis und erfrischenden Koriander-Zwiebel-Salat sowie einen ­derart guten und schön speckigen Kokos-Grießkuchen namens Busbusa, dass man „Nur ein Stück"-Vorsätze schnell vergisst.

Von Shireen aus Syrien (Bild) kommen Shorbet Adas, eine rote Linsensuppe mit Reis, Zi­­trone und Croutons, oder gebratene Melanzani mit gerösteten Mandeln. Fatima aus Afghanistan kocht etwa Lammragout mit Safran-Berberitzen-Reis und gebackene süße Teigkringel und Pistazien. Sonntags gibt es Brunch – die Köchinnen haben dabei jede Freiheit, können glasierte Lammleber servieren, Brot mit Karotten-Safran-Marmelade, . . . Nicht versäumen: den somalischen Kaffee, dessen Namen selbst Nerds noch nie gehört haben. Qaxwaha, mit Milch, Zucker und Gewürzen zubereitet, knipst im Bauch ein paar kleine freundliche Heizstrahler an.

Info

Speisen ohne Grenzen, Badeschiff Wien, Tel: 0660/3124703, Restaurant: Di–Fr: 12–15, 18–22,
Sa: 16–22, So: 11–16 Uhr.

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("Die Presse-Schaufenster", 19.07.2019)

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