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System „Entmietung"

Aufgraben. Nach dem – angeblichen – Wasserrohrbruch
Aufgraben. Nach dem – angeblichen – Wasserrohrbruch im Haus: Gefahr in Verzug oder doch nur ein Mittel, um den Mieter aus der Wohnung zu drängen?(c) Beigestellt

Findige Immo-Methoden – oder die Geschichte einer stinknormalen Berliner Entmietung.

Noch vor 15 Jahren bestand eines der Berliner Spezifika, vor allem im Osten, in außergewöhnlich niedrigen Mieten. 2006 mietete ich eine 50-Qua­dratmeter-Wohnung in einem Hinterhaus in Prenzlauer Berg, mit Zimmer, Küche und einem schmalen WC, an dessen Rückseite die Duschkabine eingebaut worden war. Wer zu ihr wollte, musste über die Klomuschel steigen. Das entsprach dem Arbeiterstandard aus der DDR-Endzeit, der sich wiederum aus dem der Zwischenkriegszeit entwickelt hatte. Mich belustigte, dass der Hauseigentümer alle ein bis zwei Jahre wechselte. Immer schien ein noch größerer Immo-Fisch den Voreigentümer zu fressen. Durch solche „Marktbereinigungen" stiegen rundum die Mietpreise, zuerst gemächlich, später spürbar. Da ich wegen Unwissenheit eine Einspruchsfrist versäumte, schaffte es einer der Eigentümer, auch meinen Mietpreis um ein Fünftel anzuheben. Das Gebäude gehörte mittlerweile zu den wenigen unsanierten in der Umgebung.

Ringsum brummte eine irrwitzige Renovierungstätigkeit, bis all die romantisch-düstere Patina eliminiert war und die Fassaden in Zuckerbäckerfarben glänzten. Überall zogen glückliche Familien aus dem Rheinland ein. Plötzlich hatte auch ich Kinder, ließ die Bionade im Kindercafé „Kiezkind" am Helmholtzplatz schäumen, mein Burger kam mit Süßkartoffelchips daher, und auf dem Cappuccino schwamm ein Herz. Es war eine tolle Zeit.

Die letzte Hausverwaltung zeichnete sich durch Unzugänglichkeit, Unerreichbarkeit und totalen Sanierungswillen aus. Ich unterschätzte ihre kriminelle Energie. Mitten im Sommer täuschte sie einen Wasserrohrbruch vor, drang we-gen „Gefahr im Verzug" in die Wohnung ein und nahm sie auseinander: Ein stinknormales Dacapo des wohlbekannten Systems „Entmietung". Der Holzboden in der Küche war entfernt worden (da­runter kein Estrich, sondern Planken), ebenso wie der Herd, alle Waschbecken und sanitären Anlagen. Die Fiktionalität des Wasserrohrbruchs war absolut unbeweisbar, die Wohnung unbewohnbar, und als ich zurückkam, machte ­niemand die Zerstörung auch nur im Geringsten rückgängig. Ich gab auf.

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