Der Weg von Marie Adler wird über Monate und Jahre weiterverfolgt.

"Unbelievable": Wer glaubt dem Vergewaltigungsopfer?

Warum eine Serie über den Umgang der Polizei mit Vergewaltigungen die Zuschauer bei Netflix anzieht? Weil sie wahnsinnig gut ist: Spannend, glaubwürdig, bravourös gespielt - und thematisch wichtig.

In der Serie "Unbelievable" bekommt man schnell eine Erklärung dafür, warum viele Frauen Vergewaltigungen nicht anzeigen, warum sie selbst mit Freunden oder Familie nicht darüber reden wollen. Das zeigt schon die erste Folge: Darin wird ein allein lebendes Mädchen, gerade 18 Jahre alt, zuhause von einem maskierten Täter überfallen und vergewaltigt. So traumatisierend ist das, so professionell ist die Tat, dass sie sich nur schemenhaft erinnert. Keine Beweise bleiben. Als sie bei der Polizei ist, sind dort nur Männer, die schnell auf Ungereimtheiten stoßen. Der Zweifel wird unterstützt vom Umfeld der jungen Frau, das darauf hinweist, dass sie psychisch nicht sehr stabil ist.

Das Resultat: Man glaubt dem blassen Mädchen nicht. Zu sehen, wie Marie Adler (bravourös: Kaitlyn Dever) unter Druck gesetzt wird, wie man ihr die Unterstützung verweigert, ist schmerzvoll. Sie nimmt es hin, flüchtet, kämpft, gibt auf: Sie ist zerrissen, traumatisiert. Und lässt sich dazu nötigen, die Vergewaltigungsanzeige zurückzunehmen. Die Menschen aus ihrem ohnehin desolaten Umfeld wenden sich von ihr ab.

Die Serie, die einen wahren Fall dramatisiert, ist beklemmend. Es kommen noch weitere Vergewaltigungsfälle dazu. Das Leid der Frauen wird eindringlich geschildert. Es treibt auch die zwei Polizistinnen an, die diese Fälle akribisch, fast manisch bearbeiten. Schwere Kost, tragische Szenen: Dass die Serie zu den meistgesehenen Netflix-Serien eines vollen Jahres gehört, wie der Streaming-Gigant kürzlich bekannt gab, darf überraschen. Die Daten wurden von Oktober 2018 bis Oktober 2019 erhoben - und "Unbelievable" läuft erst seit Mitte September. 32 Millionen Zuschauer haben die Serie bisher gesehen. Zum Vergleich: Die hervorragende dritte Staffel der Erfolgsserie "Stranger Things", die länger läuft und die die erfolgreichste Netflix-Serie des Jahres ist, sahen 64 Millionen Zuschauer.

Das Thema ist relevanter, als wir wahrhaben wollen

Warum ist "Unbelievable" also ein dermaßen großer Erfolg? Der Achtteiler ist nicht nur filmisch unglaublich gut gemacht, packend, mit perfektem Timing und sensiblem Einsatz von kurzen, eingeschobenen Erinnerungen an die Attacken. Sie ist außerdem psychologisch sehr, sehr glaubwürdig und bis in die kleinsten Details der Polizeiarbeit gut recherchiert. Und sie ist wichtig. "Endlich thematisiert eine Serie, wie man mit Opfern von Vergewaltigung umgeht", schrieb etwa die "Zeit", das sehen die Medien in vielen Ländern so.

Die zwei Polizistinnen: Toni Collette ("Hereditary") und Merritt Wever ("The Walking Dead").(c) Netflix

Die Serie ist ein Resultat von #MeToo. Sie erzeugt Aufmerksamkeit. Und ist so unglaublich realistisch: Die männlichen Polizisten sind zwar Machos, wollen aber keine Vergewaltigung vertuschen. Ihr Handeln entspringt schlicht einer ignoranten Haltung und unprofessionellen Ahnungslosigkeit. Davon wird sehr unaufgeregt erzählt. Am Ende will sich einer der Polizisten übrigens bei dem Mädchen entschuldigen. Auf beinahe dieselbe dumme Art, die er schon vorher an den Tag legte. So reagieren viele um Umfeld der Vergewaltigungsopfer, nicht nur die Polizisten: Unsensibel, selbstbezogen, verallgemeinernd - ohne es (in vielen Fällen) böse zu meinen. Trotzdem gibt die Serie zumindest scheibchenweise Hoffnung: Die Solidarität unter Frauen, so sieht man, kann vieles ändern.