VW Golf

Ein Erfolg, den niemand erwartet hatte

Der Golf - 1974 vorgestellt und nach einem Pferd benannt - war für VW ein Überraschungserfolg. Er sanierte das Unternehmen und brachte andere Automarken unter Druck.

Es war eine Zeit, in der man Autos noch mehr nach Gefühl baute, nicht nach Meinungsumfragen und Markterhebungen. Wahrscheinlich waren deswegen alle so überrascht vom Erfolg des Golfs, der Volkswagen rettete, Opel und Ford in die Zwickmühle brachte und Geschichte schrieb - mehr noch, als sein (indirekter) Vorgänger, der Käfer.

Das Bauchgefühl für das Auto hatte Rudolf Leiding, der 1971 als neuer VW-Generaldirektor eine halbfertige Modellstudie vorfand. In einer Zeit, als es mit Volkswagen gerade abwärts ging und sich die Verluste häuften. Der Käfer verkaufte sich nicht mehr so wie früher, die Zeit der Luftkühlung und der Heckmotoren schien als Technik von gestern vorbei.

Gemeinsam mit der Mitte der 1960er-Jahre von Daimler gekauften Auto Union (Audi) arbeiteten die Ingenieure von VW an verschiedenen Modellen. Das, das Leiding auswählte, war der Entwicklungsauftrag 337 (EA 337). Im Mai 1974 stand der Golf, der übrigens nach dem Pferd des ehemaligen VW-Managers Hans-Joachim Zimmermann benannt ist, bei den Händlern: Ein kleines, leichtes Auto mit Vorderradantrieb, einem großzügigen Innenraum mit einer Heckklappe, umklappbarer Rücksitzlehne, mit Wasserkühlung und einer Schrägheck-Karosserie, die sich der italienische Designer, Giorgio Giugiaro, ausgedacht hatte.

Der Golf traf den Nerv einer Gesellschaft, die noch unter dem Eindruck der Ölkrise vom Herbst 1973 stand. Das Auto schaffte es, über alle Gesellschaftsschichten hinweg Käufer zu finden: Arbeiter fuhren ihn ebenso wie Manager, Pensionisten wie junge Lehrlinge, Hausfrauen wie Direktorinnen. Der Golf wurde zum klassenlosen Auto.

“Der Erfolg des Golf", staunte der Nachfolger von VW-Boss Leiding, Toni Schmücker, “hat uns total überrascht.” Nicht einmal sechs Monate nach Verkaufsstart setzte VW vom Golf mehr Stück ab, als Opel von all seinen Modellen zusammen. Ford, die früher in Deutschland einen Marktanteil von 18 Prozent hatten, fielen auch wegen des Erfolgs des Golf auf acht Prozent zurück.

Feier bei der Produktion des 18.000.000sten Golf
Produktion des 18.000.000sten Golf(c) AP (FABIAN BIMMER)

Schon im Oktober 1976 stellte man den millionsten Golf her. Von der ersten Generation wurden bis 1983 fast sieben Millionen Fahrzeuge gebaut. 

1976 wagte Volkswagen eine kleine Revolution mit dem Golf, als man ihn zum GTI machte - zum Grand Tourisme Injection. Sehr zurückhaltend und vorsichtig, anfangs nur als limitierte Sonderedition, weil man auch hier wieder nicht an den Erfolg glaubte und die traditionellen Golf-Käufer nicht verschrecken wollte.

Der erste Golf GTI
Der erste Golf GTI

Der Golf GTI wog lediglich 810 Kilogramm und brachte eine Leistung von 110 PS (0 auf 100 km/h: 9,2 Sekunden; VMax: 182 km/h). Diese PS-Gewicht-Verteilung garantierte überdurchschnittliche Fahrleistungen. Der GTI wurde schnell zum Sportwagen des kleinen Mannes - nicht nur: Noch heute bringt man etwa den ehemaligen Formel-1-Fahrer, Hans-Joachim Stuck, ins Schwärmen, wenn man ihn auf seinen privaten, roten GTI der ersten Generation anspricht.

Der GTI wäre eine eigene Geschichte, mit der geradezu göttlichen Verehrung, die ihm manche Fans zuteil werden lassen und die sie jedes Jahr beim Wörthersee-Treffen unter Beweis stellen. Manche stecken in ihren GTI so viel Geld, dass sie sich dafür schon einen gebrauchten Porsche kaufen könnten. “Aber das wäre ja kein GTI”, wie ein Besucher einmal der “Presse” erklärte.

GTI-Treffen am Wörthersee
GTI-Treffen am Wörthersee(c) APA/GERT EGGENBERGER (GERT EGGENBERGER)

Einst schien für VW der Erfolg des Käfers nicht wiederholbar, mehr als 21,5 Millionen Mal wurde der Inbegriff eines Volkswagens verkauft. Doch der Golf übertraf selbst diesen Rekord: Von ihm setzte VW bis heuer in sieben Generationen weltweit mehr als 35 Millionen Stück ab. Der kleine Kompaktwagen, der über die Jahre immer größer, breiter und schwerer wurde war und ist das wichtigste Modell von Volkswagen.

Noch immer spielt er in einer eigenen Liga - wenn auch nicht mehr ganz so dominant wie einst. Einerseits wegen der immer beliebter werdenden SUV, die heuer im August in Deutschland erstmals mit einem Anteil von 22,2 Prozent die Zulassungsstatistik anführten. Die Golf-Klasse kam nur noch auf 18,9 Prozent. In Österreich verdrängte heuer erstmals auch der Skoda Octavia den Golf von Platz eins der Verkaufsliste - nach 45 Jahren. In Europa, wo der Golf ebenfalls über Jahrzehnte die Verkaufsstatistiken anführte, holte zuletzt ein paar Mal der alte Rivale Ford mit seinem Fiesta den Spitzenplatz.

Kunden warten auf die achte Generation

Die schwindende Bedeutung hatte VW in den vergangenen Jahren damit aufzuhalten versucht, dass man sich beim Design stärker an Premiumautobauern wie BMW und Daimler orientierte. Der Golf bekam auch immer mehr Zusatzausstattungen, die es sonst nur in höherpreisigen Wagen der Konkurrenz gibt. Tiefgreifende Änderungen wagte VW aber nicht.

Das Warten der Kunden auf die neue, achte Generation, die am Donnerstag präsentiert wurde, schlug sich auch in den Jahresberichten nieder: 2017 war der Golf mit 968.284 Stück das meistproduzierte Auto von VW (6,32 Millionen Fahrzeuge wurden in jenem Jahr insgesamt hergestellt). 2018 musste sich der Golf mit Rang drei begnügen (805.752 Stück), Tiguan und Polo lagen vorne (insgesamt produzierte Fahrzeuge: 6,3 Millionen).

Trotz aller Beteuerungen der Konzernspitze, dass man den Volkswagen-Konzern zum Vorreiter bei der Elektromobilität machen wolle und eigentlich lieber gestern als heute nur noch E-Autos bauen will - am neuen Golf hängt viel Geld und diesmal auch hohe Erwartungen. Die achte Generation soll Masse und Umsatz bringen, E-Autos verkaufen sich auch bei VW nur in homöopathischen Dosen.

Der vollelektrische ID.3
Der vollelektrische ID.3

Offen ist, ob die neue Generation des Golf auch die letzte ist. Es dauerte sieben Jahre, bis die achte Generation die siebte (vorgestellt 2012) ablöste. Fraglich ist, ob es 2026 eine neunte geben wird. Bis 2028 will der Volkswagen-Konzern fast 70 neue, rein elektrische Modelle auf den Markt bringen und 22 Millionen E-Fahrzeuge produzieren.

Der eben vorgestellte ID.3, der 2020 zu den Händlern kommt, soll das elektrische Gegenstück zum Golf sein (Reichweite: 330 bis 550 km). Sein Basispreis wird zumindest in Deutschland bei unter 30.000 Euro liegen (in Österreich sicher darüber). Man wird sehen, ob er in den kommenden Jahrzehnten an den Erfolg seines Verbrennerkollegen anschließen kann.