Um Salzburgs Serie, die Bullen waren 71 Heimspiele lang ungeschlagen, zu stoppen, hat Napoli-Coach Carlo Ancelotti hoch gepokert. Die Bullen-Abwehr ist die Schwachstelle.
Salzburg. Dortmund, Leipzig, Schalke, Marseille, Lazio – die Liste jener Mannschaften, die sich in den vergangenen drei Jahren in der Red-Bull-Arena am Stadtrand Salzburgs die Zähne ausgebissen haben, ließe sich noch mit weiteren namhaften Klubs fortsetzen. Nun aber hat nach 71 Heimspielen wieder einmal eine Mannschaft als Sieger die Heimreise aus Wals-Siezenheim angetreten.
Dafür war ein Starensemble wie jenes von SSC Napoli notwendig, außerdem eine Abgeklärtheit in den entscheidenden Strafraumsekunden, wie sie wohl nur ein italienischer Topklub auf den Platz bringen kann – gegen eine Salzburger Abwehr, die nicht mehr sattelfest wirkte. Das ist die Erkenntnis der 2:3-Niederlage am dritten Spieltag der Champions League.
Paisley, Zidane – und der „Sir“
Aber dafür musste einer der Allergrößten der Trainerzunft tief in seine Trickkiste greifen: Carlo Ancelotti. Acht Spiele war sein Klub in Auswärtspartien der Champions League schon sieglos unterwegs. Als einer von nur drei Trainern hat Ancelotti schon dreimal die Champions League bzw. den Europapokal der Landesmeister gewonnen (2003 und 2007 mit Milan, 2014 mit Real Madrid; die anderen beiden sind Liverpool-Ikone Bob Paisley und Real-Coach Zinédine Zidane). Erfolgreich war Ancelotti damals dank Weltklassefußballer wie Andrea Pirlo, Kaká und Cristiano Ronaldo. In Salzburg aber verstand er es, mit seiner Aufstellung zu überraschen.
Der „Sir“, sein kolportiertes Gehalt beläuft sich auf 6,5 Millionen Euro netto, rotierte und stellte Spieler in die Startelf, die sonst nicht unbedingt zum Stammpersonal zählen. Nicht etwa die Star-Angreifer Milik und Insigne stürmten, sondern Mertens und Lozano. Vor allem der Mexikaner Lozano, Neuzugang von PSV Eindhoven, sorgte für Verwunderung bei den italienischen Experten. Doch Ancelottis Rechnung ging auf. „Ich wollte schnelle Spieler in der Offensive. Beide haben sehr gut gespielt und alles umgesetzt“, meinte er. Mertens avancierte mit zwei sehenswerten Treffern zum Matchwinner, der Belgier hält nun bei insgesamt 116 Toren für Napoli – und überholte damit einen gewissen Diego Maradona (115). Außerdem bereitete er den Siegtreffer vor, vollendet von Insigne, mit dem Ancelotti über Kreuz sein soll.
14 Kaugummis pro Spiel
Auch in der Defensive ging Ancelotti ein Risiko ein. Malcuit ist auf der rechten Außenbahn meist nicht erste Wahl (und verschuldete immerhin einen Elfmeter), der 23-jährige Innenverteidiger Luperto gab sein Champions-League-Debüt und stand stellvertretend für Ancelottis Überraschungscoup. „Luperto ist ein Symbol für diesen Sieg“, meinte der 60-Jährige, der 90 Minuten lang Kaugummi kauend – es heißt, er verbrauche 14 Streifen pro Spiel – am Rand der Coaching Zone wachte. „Wir wussten, dass wir 90 Minuten leiden müssen“, sagt Ancelotti. Ob es der wichtigste Sieg seit Amtsantritt in Neapel im Sommer 2018 gewesen sei? Der Fußballlehrer wich aus: „Solche Spiele werden im Kopf entschieden. Wir waren in den entscheidenden Momenten vielleicht aufmerksamer.“
Und in Salzburg? Da haderte Trainer Jesse Marsch mit dem Video-Referee, der Hålands Abseitstor aberkannt hatte, vor allem aber mit den Gegentoren. Neun sind es nach drei CL-Gruppenspielen, also zu viele. „Das ist nicht gut genug für dieses Turnier.“ Darauf läuft es auch hinaus nach dem 2:3. Salzburg dürfte, sollten keine Überraschungen mehr gelingen, mit ziemlicher Sicherheit nach Ende der Gruppenphase in der Europa League landen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2019)