Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Schnellauswahl
Gastkommentar

Den Zukunftsdystopien unserer Eltern kontern

(c) Peter Kufner
  • Drucken
  • Kommentieren

Die Generation unserer Eltern hat keinen positiven Zukunftsbegriff mehr. Der Versuch einer digitalen Utopie in 500 Wörtern.

Wir können der Generation unserer Eltern und ihren Politikern viele Versäumnisse im Umgang mit der digitalen Revolution und allen anderen aktuellen Veränderungen dieses Planeten vorwerfen, doch eines ist besonders krass: Sie haben keinen positiven Zukunftsbegriff mehr. Sie entwickeln keine Utopien mehr.

Würde ich einen Politiker um seine digitale Utopie in 500 Wörtern bitten, dann würde ich vermutlich eine Aneinanderreihung vieler leerer Phrasen bekommen. Irgendetwas darüber, wie wichtig Bildung oder Risikokapital für digitale Start-ups sind.

Unsere Eltern haben ihre Utopie mit ihrem Lebensentwurf mitgeliefert bekommen. Und der lautete: in einem Job zu strampeln, um ihre Familien zu ernähren, ihre Häuser und ihre Fahrzeuge zu bezahlen und so viel wie möglich zu konsumieren. Ziele waren, die besten Strampler von allen zu werden, so viel konsumieren zu können, wie sie wollen, und dass nur ihre Kinder sie eines Tages darin überbieten werden.

Längst hat sich herausgestellt, dass das nur eine Variante der Doktrin vom Konsum um jeden Preis war, die sie selbst ausgehöhlt und dem Planeten geschadet hat. Jetzt überlassen sie die Entwicklung neuer Utopien dem Silicon Valley, um sie als Dystopien wahrzunehmen.

 

Technologische Singularität

Nehmen wir die Vision einer Schnittstelle zwischen organischem Leben und Technologie, in deren Entwicklung derzeit Milliarden fließen. Wie stellen sich unsere Eltern das vor? Ich weiß es nicht so genau, und sie wissen es wahrscheinlich selbst nicht so genau, aber sie reden ständig von Cyborgs und vom Verlust des Menschlichen.

Die Dystopien unserer Eltern gipfeln in der sogenannten technologischen Singularität, also in jenem vom Silicon Valley definierten hypothetischen Punkt in der Menschheitsgeschichte, an dem künstliche Intelligenzen den technischen Fortschritt so schnell vorantreiben, dass nur noch sie selbst mitkommen. Bis diese Intelligenzen Menschen in Menschenfarmen züchten, für niedrige Dienstleistungen im Bereich der Maschinenwartung oder als Ersatzteillager für echte Cyborgs. In diesen Dystopien steht über solchen Intelligenzen dann höchstens noch eine verborgene Elite von Superreichen, die sich neue technische Services wie das ewige Leben leisten können.

Sich jetzt schon Sorgen zu machen, dass Maschinen eines Tages die Menschheit beherrschen werden, ist so sinnvoll, wie heute über die Überbevölkerung des Mars zu diskutieren. Wir – die junge Generation – denken deshalb anders. Wow, denken wir, wenn es um die Schnittstelle zwischen organischem Leben und Technologie geht, es wäre doch ein Hammer, wenn ich mit Freunden überall in der Welt in ihrer Sprache sprechen könnte, ohne sie lernen zu müssen. Oder wenn ich mich, wenn ein Baum auf die Straße fällt, einfach so mit einem Maschinenarm verbinden könnte, um das Hindernis zu beseitigen.

 

Neue Welt, neue Wege

Uns ist viel bewusster als es unseren Eltern je war, dass vor uns eine neue Welt liegt, die uns neue Wege abverlangt, und dass die besten Wegweiser bei so einem Aufbruch Utopien liefern. Würde mich ein Politiker nach der digitalen Utopie meiner Generation in 500 Wörtern fragen, würde ich antworten:

 

Die Gesellschaft der Zukunft ist eine Gesellschaft freier, selbstbestimmter Menschen. Sie sind dank des Internets verbundener, friedlicher, humaner und empathischer geworden. Das Prinzip des Seins hat das Prinzip des Habens abgelöst, wodurch Gründe für Konflikte weggefallen sind. Es geht nicht mehr um Arbeit, sondern um Leben, nicht mehr um Geld, sondern um Werte wie Gemeinschaft, Zeit und Frieden, nicht mehr um Besitz, sondern um Freiheit.

Egoismus und Narzissmus haben sich als Begleiterscheinung des Profit-Kapitalismus herausgestellt und sind mit ihm verschwunden. Der Profit-Kapitalismus hat einem gemeinnützigen Kapitalismus Platz gemacht. Die Menschen sind dabei nicht mehr für den Kapitalismus da, sondern der Kapitalismus ist für die Menschen da. Nicht mehr weiße Männer, die jeden und alles zu ihrem Vorteil ausbeuten, machen diesen Kapitalismus, sondern Menschen überall auf der Welt, die erfolgreich sein wollen, indem sie etwas Wesentliches beitragen.

Wir haben auf die Frage, ob es sich bei Konzernen wie Amazon, Facebook oder Google, die als digitale Monopolisten die Infrastrukturen unseres Lebens bestimmen, um Cashcows einiger Bosse des Silicon Valley oder um Gemeingut handelt, eine für die Menschheit befriedigende Antwort gefunden, die nichts mit Kategorien wie links oder rechts zu tun hat. Die Bosse des Silicon Valley haben ihren Ruf als neue Herren der Welt verloren und sich einen als ihre kreativsten und innovativsten Dienstleister aufgebaut. Der Kontrollkapitalismus von Ländern wie China ist in einer neuen, aus dem Internet geborenen globalen Ethik, die Würde und Privatsphäre des Individuums respektiert, untergegangen.

Der neu entstandene globale gemeinnützige Kapitalismus bietet Menschen im Rahmen einer Zusammenarbeit an einer gemeinsamen Sache die Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Befreit von Existenzängsten dank eines arbeitslosen Grundeinkommens machen sich viel mehr Menschen als bisher auf die Suche nach dem eigentlichen Sinn ihres Lebens, was sie reflektierter, toleranter und größer macht.

Die populistische Strategie des Instrumentalisierens von Ängsten ist durchschaut und funktioniert nicht mehr. Die Politik hat innerhalb einer global vernetzten Demokratie wieder Fantasie und Ideen. Wir haben ethische Maßstäbe und Gesetze, die zum Beispiel das Design von Babys nach Parametern wie Aussehen, Intelligenz, Kraft und Geschlecht oder das Delegieren der Entscheidungen über Leben und Tod an Kriegsmaschinen wie Kamikazie-Drohnen verbieten.

Das Leben bietet dank digitaler Hilfsmittel insgesamt mehr Ethik, mehr Würde, mehr Freiheit und mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Die Medizin hat neue Möglichkeiten geschaffen, unheilbare Krankheiten zu heilen, Krankheiten vor ihrem Ausbruch zu erkennen und unser Leben bis ins hohe Alter lebenswerter zu machen.

Durch die Globalisierung eines den Ressourcen des Planeten entsprechenden Lebensstils sind Probleme wie menschlich verursachter Klimawandel, Armut und Migration gelöst. Durch diesen Lebensstil und durch neue Biotechnologie sind wir in der Lage, den Schaden, die die Generationen vor uns dem Planeten zugefügt haben, allmählich zu beheben.

Wir steuern als Menschheit nicht mehr auf die technologische Singularität zu, sondern auf die technologische Kollektivität. Die technologische Kollektivität markiert jenen Punkt, an dem die Menschheit auf Basis eines globalen digitalen Betriebssystems friedlich und ohne neue Umweltbelastungen zusammenleben und der Planet endlich genesen kann. Wir führen dabei den Kampf um die Wahrheit und die Demokratie unaufhörlich weiter, auch wenn er jeden Tag schwierig bleibt.

E-Mails an:debatte@diepresse.com

Der Autor

Samuel Koch (* 1994), ist Autor des Buchs „Die Welt, die ihr nicht mehr versteht. Inside digitale Revolution“. Er gründete nach einem Informatikstudium ein Software-Unternehmen, das Unternehmen und deren Mitarbeitern digitale Kompetenzen vermittelt. Er rief mit einem Partner die „Startup Challenge Austria“ ins Leben, die jungen Menschen das Unternehmertum näherbringt.

Gastkommentare und Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der Redaktion entsprechen.

>>> Mehr aus der Rubrik „Gastkommentare"</

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2019)