Architektur

„Man möchte auch selbst kochen“

In den eigenen vier Wänden alt werden: Der Trend geht zum neuen kleinen, barrierefreien Alterssitz mit Betreuung auf Wunsch.
In den eigenen vier Wänden alt werden: Der Trend geht zum neuen kleinen, barrierefreien Alterssitz mit Betreuung auf Wunsch.(c) Getty Images (Dean Mitchell)

Selbstbestimmtes, aber betreutes Wohnen im Alter wird zunehmend beliebter. Das wirkt sich auf die Haus- und Raumgestaltung der gewählten Wohnformen aus.

Seit zehn, 15 Jahren gebe es einen Trend zu Wohngruppen oder Wohngemeinschaften für ältere Menschen, sagt die Salzburger Architektin Ursula Spannberger: „Selbstbestimmung ist das große Thema. Man möchte, dass an der Appartement- oder Zimmertür angeklopft wird, man möchte erst aufstehen, wenn man ausgeschlafen ist. Und man möchte auch selbst kochen.“ Gemeinsam mit der Gerontologin Sonja Schiff hat sie das Projekt „Neues Wohnen 70plus“ ins Leben gerufen, bald erscheint das Buch „Babyboomer aufgepasst – Jetzt das Wohnen für später planen“. Beide wollen dafür sensibilisieren, dass „diese Generation schon frühzeitig darüber nachdenkt, wie sie im Alter aktiv wohnen kann“. Denn nicht nur die Lebenserwartung steigt, auch die Anzahl der Menschen, die älter werden: Momentan leben in der Altersgruppe 60 plus rund 2.234.000 Menschen in Österreich. Bis 2029 werden es 530.000 mehr sein. Experten erwarten daher in Zukunft eine „graue Wohnungsnot“ in der Babyboomer-Generation.

 

Wohnmodelle nach Wunsch

Die derzeit beliebtesten Möglichkeiten sind das betreute Wohnen in eigenen Appartement-Häusern, Generationenwohnen oder Wohngemeinschaften mit Gleichgesinnten. „Betreubares Wohnen verbindet Selbstständigkeit, Selbstbestimmtheit und Sicherheit“, erklärt Gea Ebbinge, Bauprojektkoordinatorin der Caritas Wien. „Sie ist für Menschen mit leichtem Hilfe- und Betreuungsbedarf gedacht, die eine behindertengerechte Mietwohnung wünschen und das Bedürfnis nach Gemeinschaft in einem stimmigen sozialen Umfeld abdecken möchten.“ Die Wohnungen dazu verfügen meist über 35 bis 50 Quadratmeter und sind in Gebäuden mit Gemeinschaftsräumen untergebracht, diverse Aktivitäten wie Fitness oder Spa sind, je nach Exklusivität des Angebots, ebenso dort möglich. Zu bestimmten Zeiten ist auf jeden Fall eine Kontaktperson für Fragen der alltäglichen Lebensführung vor Ort.

Idealerweise werden die betreubaren Wohnungen in einer Wohnhausanlage geplant, in der auch Familien mit Kindern wohnen

Gea Ebbinge, Bauprojektkoordinatorin der Caritas Wien

Architekt Christian Struber von Schwarzenbacher Struber Architekten hat sowohl Seniorenwohnhäuser als auch generationenübergreifende Häuser geplant: „Meiner Erfahrung nach funktioniert ein Zusammenleben am besten, wenn mehrere Generationen in einem Haus leben. Allerdings braucht es dann eine Kontaktperson zwischen den jüngeren und älteren Bewohnern, von allein funktioniert das schlecht.“ Ebbinge sieht das ähnlich: „Idealerweise werden die betreubaren Wohnungen in einer Wohnhausanlage geplant, in der auch Familien mit Kindern wohnen, um das generationsübergreifende Miteinander zu fördern.“

 

Gute Sicht, bessere Haptik

Da der Raum das Wohlbefinden beeinflusst, muss er zu den Anforderungen und Wünschen im Alter passen oder angepasst werden. „Deshalb ist es wichtig, seine Bedürfnisse zu artikulieren“, sagt Spannberger. Grundsätzlich benötigt man weniger Platz, dieser sollte aber einfach zu begehen und zu nutzen sein – am besten barrierefrei. Keine Bodenschwellen im Gebäude, breitere Türen, die sich leicht öffnen lassen, große Lifte und großzügige Bäder sind dabei die Mindestanforderungen.

Die Gebäudestruktur sollte übersichtlich ein, auch architektonische Orientierungspunkte im Wohnumfeld sind wichtig – und wie Struber meint: „Großräumige Grünflächen, die zu Fuß leicht erreicht werden können, sollten in jedem Fall mitgeplant werden, da gerade ältere Leute oft nicht mehr so weit gehen können.“

Auch die nachlassende Sehrkraft muss berücksichtigt werden: „Da im Alter Konturen oft schwerer zu sehen sind, muss vor allem genügend Licht – am besten natürliches – vorhanden sein“, erklärt Struber. Das betrifft nicht nur die Wohnungen selbst, sondern auch das Umfeld wie etwa Stiegenhäuser und Lifte. „Es geht oft um Details, wie die Fliesen im Badezimmer: Der Unterschied zwischen Boden- und Wandfliesen muss gut sichtbar sei“, weiß Spannberger. „Um die Haptik spürbar zu machen, verwenden wir viele unterschiedliche, natürliche Materialien wie etwa Holz.“ Oberflächen zu fühlen und sich dadurch zu orientieren, statt nur zu sehen, kann die Selbstständigkeit auch bei eingeschränkter Sehkraft stark fördern.

 

Technische Möglichkeiten

Die Technik spielt ebenso eine wichtige Rolle: „Bewegungsmelder, elektrische Gangbeleuchtung, Haltegriffe entlang der Verkehrswege, ein leicht verständliches Leit- und Orientierungssystem mit klaren Markierungen in der richtigen Montagehöhe und nicht zuletzt Schallschutzmaßnahmen“, zählt Ebbinge die Möglichkeiten auf, die das Wohnen im Alter erleichtern. Auch der Standort des Gebäudes ist entscheidend. Alle wichtigen Einrichtungen des täglichen Lebens wie Nahversorger, Arzt oder Apotheke und öffentliche Verkehrsmittel sollen fußläufig erreichbar sein. Falls das nicht möglich ist, kann die erforderliche Mobilität durch Fahrtendienste sichergestellt werden.

In architektonischer Hinsicht ist die demografische Entwicklung mit all ihren Implikationen jedenfalls eine sehr spannendes Thema, das bisher noch viel zu wenig beachtet wurde, wie Struber meint. „Die Qualität eines Hauses sollte natürlich letztlich immer gleich sein, egal um welche Zielgruppe es geht. Ich plane ja grundsätzlich für Menschen, und das Eingehen auf die individuellen Bedürfnisse, die oft sehr unterschiedlich sind, ist dabei das Um und Auf .“

AUF EINEN BLICK

Die bevorzugten Wohnformen für das Leben älterer Menschen wandeln sich – von der Unterbringung im Pflege- oder Altenheim oder in der eigenen, oft nicht mehr altersgerechten Wohnung hin zum eigenen kleinen barrierefreien Appartement mit eigener Küche und Sanitäranlagen oder zu kleinen Wohngemeinschaften – die betreut werden. Das liegt nicht nur daran, dass der selbstbestimmte Lebensstil mit den Schwerpunkten Sinnfindung, Gemeinschaft und Genuss beibehalten werden soll, sondern auch an der nachhaltigen Nutzung von Architektur.

www.gut-überdacht.at

www.silberstreif.live

www.neueswohnen70plus.at

www.raumwert.cc

www.silver-living.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.10.2019)

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