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„I Demoni“: Peter Stein bannt böse Geister

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(c) Wiener Festwochen
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Ein riesenhaftes italienisches Dostojewski-Projekt ist zu Gast bei den Wiener Festwochen und wird zum Triumph für den Altmeister genauester Regie.

Sind elfeinhalb Stunden Theater, noch dazu, wenn ein fast 1000-seitiger russischer Roman aus dem 19. Jahrhundert adaptiert wurde, eine Zumutung, selbst wenn es zwei große Pausen, gratis Mineralwasser und dann auch noch Pasta gibt? Auf keinen Fall, wenn Peter Stein inszeniert hat, das italienische Ensemble aus San Pancrazio spielt, als ginge es immer ums Leben, und man mehr und mehr den Eindruck gewinnt, Fjodor Michailowitsch Dostojewski gehe leibhaftig auf der Bühne um. Bei den Wiener Festwochen hatte am Donnerstag der Marathon „I Demoni – Die Dämonen“ Premiere, und er wurde ein Triumph für die Literatur.

Dostojewskis Roman über böse Geister erschien 1873, er setzte sich unter anderem mit dem Liberalismus und dem aufkommenden Nihilismus auseinander, die selbst das rückständige Russland erfasst hatten. Sein Buch wirkt aber prophetisch, als hätte es die Oktoberrevolution von 1917 vorausberechnet. Bei Stein wird das Künftige ebenfalls offenbar. 26 Schauspieler in drei Dutzend Rollen und auf karger Bühne (Ferdinand Wögerbauer) verstehen es subtil, die Zuseher in eine Provinzstadt zu versetzen, in der man schon das ferne Brodeln einer Zeitenwende zu verspüren meint. Sie artikulieren traumhaft klar, spielen zumeist souverän.

 

Der Rauschebart von Karl Marx

Ein Erzähler tritt ans Klavier, verbindet die Marseillaise mit dem „Lieben Augustin“, verfällt in Chopin. Er deutet seltsame Ereignisse an, die sich in der Stadt zugetragen haben. Schon sind wir in den Salon Warwara Petrowna Stawroginas versetzt, wo ihr Günstling Stepan Trofimowitsch Werchowenskij das große Wort führt. Er ist ein alter Liberaler, dem Stein die Haartracht und den Bart von Karl Marx verpasst. Er ist ein negativer Sokrates, der die Jugend verführt, und vielleicht sogar schon die Kinder. Von ihm haben die bösen Buben das Zersetzende.

Maddalena Crippa als herrschsüchtige Stawrogina und Elia Schilton als plappernder Trofimowitsch verleihen dieser Aufführung besonderen Glanz. Schlagartig ist vergessen, dass hier auf Italienisch (mit deutschen Übertiteln) über Kunst, Politik und andere häusliche Intrigen im vorrevolutionären Russland verhandelt wird. Hier sind die Geister, hier ist Russland. In den Salongesprächen geht es um das neue Gouverneurspaar, um die Rückkehr von Nikolaj Wsewolodowitsch Stawrogin (von Ivan Alovisio toll gespielt), den seine Mutter vorteilhaft verheiraten will, um Werchowenskijs verlorenen Sohn Pjotr Stepanowitsch: Alessandro Averone gibt diesen intriganten Terroristen überzeugend. Wenn solche Leute Erfolg haben, brennt das Land.

Die ersten Stunden von elf Uhr morgens bis zum Einbruch der Dämmerung sind oberflächlich gesehen eher dem Privaten gewidmet, bergen aber bereits im Detail die Katastrophen. Ein Sofa, zwei Tischchen reichen für ein Wohnzimmer, in dem gefeiert, gestritten, vermittelt wird. Meist geht es auch ums Geld. Eine verschiebbare Wand, ein Bett, ein Samowar – schon sind wir bei armen Leuten, erniedrigten und beleidigten, die sich verkaufen müssen, ihren Selbstmord planen oder noch Schlimmeres tun. Für die politische Versammlung der Revolutionäre hat sich Stein einen charmanten Sesselkreis ausgedacht, der auch 1968 noch Gültigkeit gehabt haben dürfte. Und das schlecht besuchte Fest des Gouverneurs (der Abend kulminiert im Brand der Stadt) könnte auf die Geschmacklosigkeit jeder Bezirksstadt zutreffen. Sessel und Sitzende, absurde Reden, sonst nichts.

Mit den Stunden nimmt die Intensität zu. Was wie eine präzise epische Lesung begann, entwickelt immer stärkere Dramatik. Mord und Selbstmord, die über lange Strecken herbeigeredet worden sind, werden zu wirklich beklemmenden Momenten. Peter Stein hat den bösen Geistern Dostojewskis Namen gegeben und sie damit gebannt.

Die Dämonen

Der Roman „Bessy“ (dt. „Die Dämonen“, „Die Besessenen“ oder „Böse Geister“, 1873) wurde für diese Inszenierung von Regisseur Peter Stein ins Italienische übertragen. Das Werk zählt zu den fünf großen Romanen Dostojewskis. Sie wurden von Swetlana Geier kongenial ins Deutsche übersetzt.

Termine im MQ: 5. und 6. Juni, 11 Uhr.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.06.2010)