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Kampf gegen Terrorismus

IS-Anführer al-Baghdadi getötet: „Er starb wie ein Hund“

A bearded man with Islamic State leader Abu Bakr al-Baghdadi´s appearance speaks in this screen grab taken from video
Abu Bakr al-Baghdadi in einem Video, das der IS im April veröffentlichte(c) REUTERS (Reuters TV)

Der Anführer der Jihadistenmiliz wurde bei einem US-Angriff in Syrien getötet, bestätigte US-Präsident Trump. Er habe bei der Operation zugeschaut. Auch drei Kinder habe al-Baghdadi in den Tod gerissen.

Der Anführer der Jihadistenmiliz "Islamischer Staat" (IS), Abu Bakr al-Baghdadi, ist bei einem US-Angriff in Syrien getötet worden. US-Medien hatten bereits am Sonntagmorgen unter Berufung auf mehrere Regierungsvertreter berichtet, wonach al-Baghdadi das Ziel eines US-Militäreinsatzes in der Provinz Idlib im Nordwesten Syriens geworden sei. US-Präsident Donald Trump bestätigte den Tod des Terroristen bei einer Ansprache Sonntagmorgen (Ortszeit; 14 Uhr MEZ) im Weißen Haus. "Er starb wie ein Hund. Er starb wie ein Feigling", sagte Trump. "Er hat geschrien, geweint und gewinselt. Er hatte Angst." Tump selbst habe bei der Operation fast die ganze Zeit zugeschaut, sagte er.

Laut Schilderung des US-Präsidenten waren acht US-Hubschrauber an dem Ort gelandet, wo sich Baghdadi aufhielt.  Der Terrorist sei daraufhin durch einen Tunnel geflohen und habe Kinder bei sich gehabt, so Trump. Al-Baghdadi habe eine Sprengstoffweste gezündet, als die US-Spezialkräfte angriffen. Drei Kinder seien ebenfalls gestorben. Man wisse nicht, ob dies Kinder des IS-Anführers gewesen seien. Außerdem habe man weitere elf Kinder vorgefunden. Zudem seien zahlreiche Komplizen des Anführers des IS getötet worden. US-Bürger seien bei dem Einsatz nicht ums Leben gekommen.

Die US-Soldaten hielten sich laut Trump etwa zwei Stunden in dem Anwesen auf. Dabei hätten sie wichtiges Material gefunden, darunter über die "Zukunftspläne" des IS. Der Einsatz sei im Geheimen vorbereitet und von angeordnet worden sein. 

Tests hätten inzwischen bestätigt, dass es sich bei dem Toten um al-Baghdadi handle. Man habe vor Ort einen DNA-Test gemacht. Dazu habe man sich in den eingestürzten Tunnel zu den Überresten des Terroristen vorarbeiten müssen. Trump dankte ausdrücklich auch Russland und der Türkei sowie beim Irak und "zu einem Teil" auch Syrien.

"Gerade ist etwas sehr Wichtiges passiert!"

Trump hatte zuvor im Onlinedienst Twitter geschrieben: "Gerade ist etwas sehr Wichtiges passiert!" Mehr verriet aber vorerst nicht.

Der Kommandant der Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), Maslum Abdi, schrieb auf Twitter, Baghdadis Tod sei das Ergebnis einer über fünf Monate andauernden Geheimdienstzusammenarbeit gewesen. Der IS-Chef sei dann bei einer gemeinsamen Operation getötet worden. Die von der Kurdenmiliz YPG dominierten SDF waren bisher der wichtigste Verbündete der US-Streitkräfte im Kampf gegen den IS. Zuletzt geriet dieses Bündnis allerdings unter erheblichen Druck.

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Idlib in Syrien. Hier hat sich der IS-Anführer offenbar aufgehalten(c) APA/AFP/OMAR HAJ KADOUR (OMAR HAJ KADOUR)

Trump steht seit Wochen im Visier der Kritik, weil er die US-Truppen aus dem nordsyrischen Grenzgebiet zur Türkei abgezogen hat. Damit ebnete er den Weg für eine türkische Offensive gegen die YPG in der Region. Trump wurde auch aus seiner eigenen republikanischen Partei vorgeworfen, die verbündete Kurdenmiliz im Stich gelassen zu haben.

Zuletzt waren die internationalen Befürchtungen, dass es zu einer Rückkehr des IS kommen könnte, angesichts der türkischen Militäroffensive in Nordsyrien gestiegen. Die USA gaben die Zahl der aus kurdischen Gefängnissen entkommenen IS-Kämpfer seit dem türkischen Einmarsch in Nordsyrien am Mittwoch mit mehr als hundert an.

Trat nur ein Mal öffentlich auf

Über den Aufenthaltsort al-Baghdadis wird schon seit Jahren gerätselt. In der Öffentlichkeit trat der IS-Anführer nur einmal auf, als er im Juli 2014 in einer Moschee im nordirakischen Mosul ein "Kalifat" in Syrien und im Irak ausrief.

FILE PHOTO: Still image taken from video of a man purported to be the reclusive leader of the militant Islamic State Abu Bakr al-Baghdadi making what would be his first public appearance at a mosque in Mosul
Baghdadi bei seinem einzigen öffentlichen Auftritt(c) REUTERS (Reuters TV)

Zuletzt hatte der IS im April ein Video veröffentlicht, das den schon mehrfach totgesagten al-Baghdadi zeigen soll. Darin rief er seine Anhänger auf, den Kampf trotz des Verlusts ihres "Kalifats" fortzusetzen. Im September rief der IS-Anführer seine Anhänger in einer Audiobotschaft zur Befreiung gefangener Kämpfer und ihrer Familien auf. 

Einer der meistgesuchten Terroristen

Über al-Baghdadi ist wenig bekannt; selbst für seine Anhänger blieb der IS-Anführer stets ein Phantom. Für tot erklärt wurde er schon häufiger.

Seit Jahren wurde über den Aufenthaltsort al-Baghdadis gerätselt, auf dessen Kopf die USA eine Prämie von 25 Millionen Dollar (22,5 Millionen Euro) ausgesetzt haben. Äußerst selten wandte sich al-Baghdadi in Audio- und Videobotschaften an seine Anhänger - der Aufnahmeort blieb geheim.

Soweit bekannt, war der 48-Jährige nur einmal in der Öffentlichkeit aufgetreten: Anfang Juli 2014, als er von der Kanzel der Al-Nuri-Moschee im nordirakischen Mossul aus ein "Kalifat" in Syrien und dem Irak ausrief und den "Gehorsam" aller Muslime einforderte. Seitdem veröffentlichte seine Extremisten-Gruppe wiederholt Audiobotschaften, die von ihm stammen sollen. Auch nach dem Fall des "Kalifats" im März dieses Jahres rief al-Baghdadi seine Anhänger zur Fortsetzung des jihadistischen Kampfes auf.

Erst im September hatte al-Baghdadi in einer Audiobotschaft an seine Anhänger zur Befreiung der gefangenen Kämpfer und ihrer Familien aufgerufen. "Tut euer Möglichstes, um eure Brüder und Schwestern zu retten und die Mauern einzureißen, die sie gefangen halten", sagte der untergetauchte Extremistenführer damals.

Ein einziges Mal - im vergangenen April - wandte sich al-Baghdadi in einer Videobotschaft an seine Anhänger. Der sichtlich gealterte und an Diabetes leidende IS-Chef rief seine Anhänger in dem Video dazu auf, den Kampf trotz des Verlusts ihres "Kalifats" in Syrien und im Irak fortzusetzen. Seine Anhänger schwor auf eine "lange Schlacht" ein.

Wer war al-Baghdadi?

Geboren wurde al-Baghdadi vermutlich 1971 im zentralirakischen Samarra als Sohn einer armen Familie unter dem Namen Ibrahim Awad al-Badri. Als Bub begeisterte er sich für Fußball und träumte davon, Anwalt oder Soldat zu werden. Doch seine mangelhaften Noten und seine schlechten Augen verhinderten beides. So studierte er in Bagdad Theologie, bevor er nach der US-Invasion 2003 als Anführer einer Jihadistengruppe in den Untergrund ging.

Laut der Dokumentarfilmerin Sofia Amara ist al-Baghdadi weniger "brillant" als "geduldig und arbeitsam". Doch habe er früh eine "klare Vorstellung" von der Organisation gehabt, die er schaffen wollte. Als er 2004 von der US-Armee im Gefängnis von Bucca inhaftiert wurde, knüpfte er wichtige Kontakte mit inhaftierten früheren Militär- und Geheimdienstleuten des gestürzten Baath-Regimes von Saddam Hussein.

Nach seiner Freilassung schloss er sich dem Al-Qaida-Führer Abu Mussab al-Zarqawi an. Als erst al-Zarqawi und dann sein Nachfolger getötet wurden, übernahm er unter dem Namen Abu Bakr al-Baghdadi selbst die Führung. Im Oktober 2011 stufte ihn die US-Regierung als "Terroristen" ein.

Mit Hilfe früherer Saddam-Offiziere baute al-Baghdadi seine Guerillagruppe zu einer schlagkräftigen Truppe aus und nannte sie "Islamischer Staat". Im Sommer 2014 überrannte sie die nordirakische Großstadt Mossul und stieß bis vor Bagdad vor.

Doch mit Gräueltaten und blutigen Anschlägen brachte er nicht nur die internationale Gemeinschaft sondern auch viele Landsleute gegen sich auf. In den vergangenen Jahren folgte eine Niederlage auf die andere, im März verlor seine Miliz nach langem Kampf mit Baghuz auch das letzte Dorf im Osten Syriens. Nun soll al-Baghdadi im Nordwesten Syriens in einem Unterschlupf in der Nähe des Dorfes Barisha aufgespürt und bei einem Angriff von US-Spezialeinheiten getötet worden sein.

(APA/Reuters/Red.)