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Gastkommentar

Alles wächst schneller, im Zweifel bis über den Kopf

(c) Peter Kufner

Wie man der großen Beschleunigung begegnen kann? Mit Skepsis, innovativer Ökonomie – und Musik.

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Das österreichische Kultur- und darin an prominenter Stelle das Wiener Musikleben bieten eine überraschend perfekte Ausgangsposition, um praktische Beobachtungen zum aktuellen Stand des Kapitalismus anzustellen: überall zu viel Druck, zu wenig Geld. „Wir stehen alle unter enormem wirtschaftlichem Druck“ – dieser Satz und seine Verwandten werden in immer kürzeren Abständen vorgeschickt, um Verhältnisse und Verhaltensweisen zu erklären, die einst als unmöglich galten.

Der Kulturbereich – in dem man Außenstehende daran erkennt, dass sie ihn für ein kleines Paradies halten – wirkt momentan wie ein Dampfkessel mit Modellcharakter. (Wobei mir meine Frau vor vielen Jahren verboten hat, in Sätzen wie „Es ist momentan viel zu tun“ das Wort „momentan“ zu verwenden.)

Im weltberühmten Wiener Musikleben ist die Kluft zwischen Business und Prekariat inzwischen weiter als jeder Orchestergraben. Die freie Szene kann ein Lied davon singen (und tut das in Initiativen wie mitderstadtreden.at). Ein dunkler Zwischenraum trennt die glanzvolle Fassade von den dahinter arbeitenden wirtschaftlichen Mechanismen, Zwängen und Gewohnheiten. Aber verlassen wir den schummrigen Backstage-Bereich und treten durch den Künstlereingang hinaus ins Freie, um am Ende über den Publikumseingang noch einmal kurz zur Musik zurückzukehren.

 

Der Druck steigt überall

Auch wenn man heute im Kulturmanagement arbeitet wie früher im Bergwerk, kommt man genug herum, um im Gespräch mit Arbeitnehmern aus Banken, Versicherungen, Agrar-, Industrie- und sonstigen Unternehmen den bescheidenen Eindruck zu gewinnen, dass auch hier der Druck erheblich gestiegen ist. Es gibt immer weniger Geld für immer mehr Leistung, immer weniger Zeit, um immer mehr zu erledigen. Ressourcen werden immer effizienter ausgequetscht, bis zum letzten Tropfen. Während ewiges Wachstum zum Mantra geworden ist, sind die Standards der vergleichsweise fetten Jahre vor der globalen Finanzkrise, wie mager sie auch immer gewesen sein mögen, geschmolzen.

„Seit Beginn der ersten industriellen Revolution Ende des 18. Jahrhunderts in England ist Wirtschaftswachstum nach und nach in fast allen Ländern zu einem Dauerzustand geworden“, konstatiert der Schweizer Ökonom Mathias Binswanger in seinem Buch „Der Wachstumszwang“ (Weinheim: Wiley, 2019). Doch die Tretmühlen, die dafür sorgen, „dass die Menschen weiterhin an mehr Glück durch mehr materiellen Wohlstand glauben, auch wenn sich dieses Versprechen nicht mehr erfüllt“ (Binswanger), sie werden immer mühsamer zu bedienen.

Die Analyse sozioökonomischer Daten seit 1750 hat dazu geführt, von der Great Acceleration ab der Mitte des 20. Jahrhunderts zu sprechen. Die immer schneller steigenden Zahlenkurven zur Entwicklung von Kommunikation, Tourismus, Verkehr, Wasser-, Energie- und Düngemittelverbrauch, Bevölkerungs- und Städtewachstum decken sich erstaunlich mit der verbreiteten individuellen Wahrnehmung einer steigenden Flut von E-Mails, News und Deadlines. Egal, ob in der Wirtschaft oder im Wirtshaus, ob wissenschaftlich oder anekdotisch betrachtet – alles wächst. Immer schneller. Im Zweifelsfall bis über den Kopf.

Der „Future Shock“ – jener 1970 von Alvin und Heidi Toffler geprägte Begriff für die vertraute Wahrnehmung, dass sich zu viel zu schnell ändert – wurde zunächst als Buch, Songtitel, Album und Bandname zum Popphänomen, um dann in Vergessenheit zu geraten. Fünf Jahrzehnte später hat sich der Zukunftsschock vor lauter Gewohnheit zu einer Gegenwartsparalyse ausgewachsen. Es ist wie verhext: Kaum kritisieren wir den Konsumwahn, indem wir beispielsweise ein T-Shirt von Vivienne Westwood mit der Aufschrift „Buy Less!“ kaufen, haben wir schon wieder zum Wirtschaftswachstum beigetragen. Ein Leben ohne Wachstum scheint einfach nicht mehr in unsere turbokapitalistische Zeit zu passen.

Wo aber der Druck wächst, wächst die Skepsis auch. Mit der Anzahl der Milliardäre oder der Tage über 30°C wächst zunehmend auch der Verdacht, dass schön langsam alles zu viel wird. „Bis heute war [. . .] der ,Segen‘ des Wachstums um einiges größer als sein ,Fluch‘“, schreibt Mathias Binswanger: „Denn solange das Wachstum den Menschen in einem Land hilft, grundlegende Bedürfnisse zu decken, überwiegen die positiven Auswirkungen. Wenn das aber nicht mehr der Fall ist, macht es schon aus rein ökonomischen Gründen Sinn, das Wachstum kritisch zu hinterfragen. Denn in der ökonomischen Theorie ging es noch nie um ein maximales BIP pro Kopf, sondern um das subjektive Wohlbefinden des einzelnen Menschen. Und wenn Wachstum dieses nicht mehr verbessert, wird es im wahrsten Sinne des Wortes unökonomisch.“

Um es optimistisch zu sehen: Die Zeiten, in denen die Warnung vor den „Grenzen des Wachstums“ (Club of Rome 1972) von Wissenschaft und Medien als „unverantwortlicher Nonsens“ abgetan werden konnte, sind vorbei. Vorbei die jahrzehntelange Blüte der Klimawandelleugner. Pessimistisch betrachtet: Bis eine kritische Haltung gegenüber Wachstum, Klimabelastung und Leistungsgesellschaft in Wirtschaft und Politik zum Mainstream wird, muss sich noch viel ändern.

 

Lassen wir den Pessimismus

Leopold Kohr – für Formulierungen wie „Groß ist ungeschickt“ und „Small is Beautiful“ verdiente er aktuell durchaus eine Wiederentdeckung – schrieb in seinem Buch „Das Ende der Großen. Zurück zum menschlichen Maß“ das vermutlich kürzeste Kapitel, das je geschrieben wurde. Es trägt die Überschrift „Wird es geschehen?“, und es besteht lediglich aus dem Wort „Nein!“

Lassen wir den Pessimismus und kommen zu etwas anderem: Fangen wir klein und unscheinbar an. Vergessen Sie beim Versuch, komplexe Entwicklungen zu verstehen, kurz die Zahlen und das ewige Geld, das uns jagt. Lassen Sie Wirtschaft und Politik einmal kurz beiseite, und denken Sie an Musik. Anders ausgedrückt: Nehmen Sie eine Kunstform, in der sich im Lauf von Jahrhunderten enormes Wissen über Abläufe und Entwicklungen in der Zeit angesammelt hat. Zugegeben, eine paradoxe Intervention; aber das wirkt ja manchmal besser als jene vermeintliche Logik, unter deren Anwendung sich unser heutiges Problem erst entwickelt hat.

Also: Stellen Sie sich jetzt bitte einmal kurz vor, Sie befänden sich im Konzert. Keine Angst, es wird nicht endlos lauter, dichter und schneller, denn in der Musik werden Maß, Tempo, Timing, Steigerung und Balance differenziert eingesetzt. Achten Sie auf Spannung und Entspannung, die für das Zusammenspiel so wichtige Zurücknahme, das Leiserwerden. Freuen Sie sich, dass Musik nicht jährlich drei Prozent zulegt. Hören Sie Musik als ein „Tool of Understanding“ (Jacques Attali) – als überraschend perfektes Werkzeug, um mit der paralysierenden Gegenwart verständnisvoller zurechtzukommen.

Der Autor

Bernhard Günther (*1970) ist künstlerischer Leiter des Festivals Wien Modern, dessen aktuelle Ausgabe (28. 10.–30. 11.) rund um das Thema „Wachstum“ 100 Veranstaltungen mit unterschiedlichsten musikalischen Formen des Minimalismus und des Maximalismus präsentiert. Mehr Infos: www.wienmodern.at

E-Mails an: debatte@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2019)