Er war ein beredter, kritischer Verteidiger der Freiheit

Der Psychoanalytiker und Publizist Carlo Strenger ist 61-jährig gestorben.

„Diese verdammten liberalen Eliten. Wer sie sind und warum wir sie brauchen“, heißt Carlo Strengers jüngstes, erst im Juni 2019 erschienenes Buch. Darin legte er, gelernter Psychoanalytiker, diese Eliten sozusagen auf die Couch. Dabei war er selbst das beste Beispiel für einen Vertreter der liberalen Eliten, die die Gesellschaft sehr gut brauchen kann: Die Freiheit war ihm ein hohes, ständig durch Fanatiker aller Art bedrohtes Gut, und dennoch mahnte er zur Gelassenheit.

Geboren in Basel, aufgewachsen in einer orthodoxen jüdischen Familie, wandte er sich von der jüdischen Religion ab und wurde Atheist und säkularer Philosoph, wie viele Linke kritisierte er die israelische Besatzung im Westjordanland heftig, wandte sich aber gegen einseitige Verurteilungen Israels. In seiner ersten Kolumne für die „NZZ“ im Jänner 2012 beschrieb er, wie bedroht diese Insel der Demokratie im Nahen Osten ist. In seiner letzten Kolumne, erschienen im Oktober, fragte er: „Können Demokraten zynische Staatschefs stoppen?“

Ein zentrales Thema Strengers war die Medienkritik: In „The Fear of Insignificance“ (2011) schrieb er über den im Infotainment-Netzwerk gefangenen „Homo globalis“; die Idee, dass alles machbar sei, befand er als Mythos des globalen Kapitalismus. Die westliche Kultur sah er durch relativistische Tendenzen gefährdet, plädierte für eine Rückbesinnung auf die Werte der europäischen Aufklärung. In „Freud's Legacy in the Global Era“ kam er auch publizistisch auf seine ursprüngliche Profession zurück.

Nun ist dieser scharfe Denker und leidenschaftliche Polemiker erst 61-jährig in Tel Aviv gestorben. (red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.10.2019)