Photo Simonis: Österreich im Bild

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Politiker, Schauspieler, kirchliche Würdenträger. Wer in Österreich bekannt war, ließ sich im Photostudio Simonis porträtieren. Die Galerie Westlicht zeigt Schätze aus dem Porträtarchiv.

Sieben Mal musste der Lkw kommen. Sieben Mal war seine Ladefläche bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllt. Über 700.000 Negative, dazu jede Menge Fototapeten, Einrichtungsgegenstände und Kamera-Utensilien verließen im Jahr 2005 die dunklen Räumlichkeiten in der Währinger Straße 12 im neunten Wiener Gemeindebezirk.

Damals ging, so viel lässt sich sagen, eine Ära zu Ende. Die Ära des Photostudios Simonis. Jahrzehntelang war das Eckgebäude gegenüber der Votivkirche die Porträt-Anlaufstelle für Österreicher, die entweder sehr berühmt waren oder es vielleicht gerne geworden wären. Den Anfang hatte die Politik gemacht. Seit der Gründung der Zweiten Republik ließen sich vor allem die sozialdemokratischen Politiker im Studio Simonis ablichten. Was auch seinen Grund hatte. Der Gründer des späteren Foto-Imperiums, Julius Simonis, Spross einer Kaffeedynastie, war kurz nach der Eröffnung seines ersten Studios 1917, damals noch in der Wallensteinstraße, der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei beigetreten. Später aber kamen sie alle zu ihm – unabhängig von der politischen Couleur. Etwa die ÖVP-Spitzenkandidaten vor der Nationalratswahl 1971: Alois Mock, Stephan Koren und Marga Hubinek. Oder der einstige SP-Finanzminister Hannes Androsch, der sich 1980 sogar mit seinen Töchtern ablichten ließ, die Studiobesuche heute aber alles andere als romantisch-verklärt betrachtet: „Ich verbinde damit keine besondere Erinnerung, ich wollte das immer so schnell wie möglich hinter mich bringen.“

Der letzte Kanzler, der sich bei Simonis porträtieren ließ, war 1986 Franz Vranitzky. Mit dem Ausbleiben der ersten Männer (und seltener: Frauen) im Staat begann das leise Abschiednehmen des einst schillernden Promi-Fotoateliers. Rosalia Waringer, die Lebensgefährtin von Heinz, dem Sohn von Julius Simonis, hatte das Studio die vergangenen zwanzig Jahre allein geführt. Wurden 1975 noch 31 Mitarbeiter beschäftigt, waren es ein Jahrzehnt später nur mehr zwölf. 2005 musste schließlich der Konkurs angemeldet werden, der Nachmieter, eine bekannte Drogeriekette, stand schon mit halbem Fuß in der Tür.


Vergessene Porträts. Die rüstige Frau Waringer, die heute über 90 ist, hatte nur einen Wunsch: die über die Jahrzehnte angesammelten Fotos und Negative loszuwerden. „Das müssen S' alles vernichten“, soll sie damals zu Christof Stein gesagt haben. Der Wiener führt gemeinsam mit zwei Partnern mehrere Design- und Antiquitätenläden, darunter das Lichterloh – und er wickelt für das Dorotheum Verlassenschaften ab. Als er 2005 im rund 400mgroßen Studio Simonis stand, war ihm schnell klar geworden, was für einen Schatz er da entdeckt hatte. Der zähen Frau Wahringer entgegnete er zunächst nur: „Ich kann das unmöglich alles vernichten.“

Kurz darauf kamen Uwe Schlögl, der Kurator für Fotografie in der Österreichischen Nationalbibliothek, und Peter Coeln, der Chef der Galerie Westlicht, ins Spiel. In der Nationalbibliothek wurde das komplette Fotoarchiv gesammelt, katalogisiert und digitalisiert. Die Fotos von Privatpersonen bleiben aus urheberrechtlichen Gründen streng verwahrt. Die Bilder der wichtigsten öffentlichen Personen sind ab Dienstag in der Galerie Westlicht zu sehen. Uwe Schlögl hat den Ausstellungskatalog gestaltet. „Photo Simonis hat über Jahrzehnte den Geschmack der bürgerlichen Leute geprägt“, sagt er.

Das Archiv hat auch einige Überraschungen zu Tage gebracht. Vor ein paar Wochen erhielt die 78-jährige Schauspielerin Louise Martini überraschende Post: einen Brief und ein Schwarz-Weiß-Porträt von ihr. „Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann das war“, sagt sie. „Ich muss so um die 20 gewesen sein.“ Auch wenn sie keine konkrete Erinnerung mehr an diesen einen Besuch bei Simonis hat, das Studio ist ihr freilich ein Begriff. „Jeder Mensch hat es gekannt. Man ging zu Simonis.“

Fast zeitgleich mit der Politik kamen die kirchlichen Würdenträger, später – ab den Fünfzigerjahren – die Schauspieler und Sänger aus Film, Oper und Kabarett, wie Heinz Conrads, Alfred Böhm, Gerhard Bronner und Heinz Moser. Ab den Siebzigern ließen sich auch vermehrt Manager und Wirtschaftsbosse, wie Karl Wlaschek oder Klaus Liebscher, bei Simonis porträtieren. Zwischenzeitlich, in den Sechzigerjahren, hatte Heinz Simonis die Werbefotografie als lukrativen Geschäftszweig für sich entdeckt. Vor bunten Fototapeten wurden Radios, Kinderwagen und das Christbaumkonfekt von Heller in Szene gesetzt.


Familienzusammenführung. Die Auflösung des Studios, die Ausstellung im Westlicht haben aber auch einen erfreulichen Nebeneffekt: Die Familie Simonis ist wieder näher zusammengerückt. Nachdem sich der Profinetzwerker Heinz Simonis von seiner Frau getrennt hatte und bis zu seinem Tod Bett und Studio mit Frau Waringer geteilt hatte, herrschte jahrelang Zwist und Streit zwischen den Simonis. Heinz Simonis' Söhne, der Dirigent Christian Simonis und der Gastronom Marco Simonis, waren an der Aufarbeitung des Archivs sehr interessiert. Die morgige Ausstellungseröffnung wird Familienfest und Treffpunkt sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.06.2010)

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